Illustration: Zeit Magazin Konferenz Mode & Stil

Mode in Zeiten des Klicks

Ein Kommentar zur ZEITmagazin Konferenz

Wer während dieser Berliner Modewoche etwas über das Internet und Mode lernen wollte, hätte eigentlich nur die Show des Berliner Designers Michael Sonntag besuchen müssen. Dort vernahm man nach der Show nicht etwa den Applaus, den sonst gängigen und durchaus angemessenen Tribut an den Designer, sondern vor allem eins: Klick! Klick! Klick! Wenn alle in der Front Row bei Finale ihre Smartphones in die Luft halten, hat halt keiner mehr die Hände frei zum Klatschen. Wer meint, mit dem Internet hätten sich bislang vor allem nur die Vertriebswege der Mode grundlegend verändert, dem muss spätestens bei diesem Anblick klar geworden sein: Geändert hat sich alles – wie wir Mode konsumieren, einkaufen, darstellen, betrachten.

Am tiefgreifendsten, neben dem durch Instagram produzierten Dialog der Bilder, mag dabei vor allem eins sein: Die ständige Kommunikation über Mode im Netz, hat der Mode zu einem neuen Stellenwert verholfen. Mode ist zu einer eigenen Form der Unterhaltung geworden, zu einer globalen Kultur, zu einer universellen Sprache, dessen höchstes Gut die reine Ästhetik ist.

Längst gibt eine junge Generation, die fleißig ihre Traumobjekte auf Tumblr, Pinterest oder Svpply als Abbild ihrer Selbst sammelt. Eine neue Shop-Around Generation, die ständig das Netz durchforstet und sich in Copy-and-Paste Manier ihr eigenes stilistisches Ich zusammen baut. „Fauxumers“, so hat das amerikanische Marktforschungsinstitut „The Intelligence Group“, diese Vierzehn- bis Vierunddreißigjährigen, gerade getauft, denen es nicht mehr um realen Besitz geht, sondern darum Online zu repräsentieren. Eine Generation die Stil zunehmend wie ein Bild definiert, das wie ein Selfie wirkt. Wie eine Botschaft, verbreitet über die sozialen Netzwerke. Eine neue „digitally representing style personality“, in deren Bild es nur zu gut passt, mal schnell eben ein Bild von einer Show (siehe Michael Sonntag) zu posten: Hallo, ich war da!

Was aber, darf man sich durchaus fragen, wird diese Generation, die Mode als erstes nicht mehr dreidimensional, sondern zweidimensional wahrnimmt, mit der Mode machen?

Mit der Mode, in der es bisher doch eben immer noch um Instinkt, Gefühl, Haptik ging, die sich in keinen Pixel dieser Welt umwandeln ließ. Eine Antwort darauf gab auch die dritte Edition der Zeit Magazin-Konferenz unter dem Thema „Selfie Couture – die Schönheit im Netz“ nicht, sehr wohl aber darauf, was die Zukunft noch so bringt.

So machte Paula Reed, langjährige Style-Director der britischen Grazia und neue Kreativdirektorin des Luxus-Onlineshops Mytheresa, allen verzweifelten Print-Kollegen Mut, dass ihre Expertise auch Online mehr als gebraucht wird. („Es gibt nichts was unsexier ist als ein Computer-Screen. Um den mit echtem Leben zu füllen, brauchen wir Menschen, die nicht nur Bilder hin und her schieben können, sondern auch mal tief in ein Thema einsteigen können.“) Mercedes-Benz Brand- and Marketing Strategy Director, Wolfgang Ungerer, wusste zu behaupten, dass der nächste Trend im Netz vor allem Glaubwürdigkeit sein wird („Mehr Essenz, weniger Status, ist ein ganz wichtiger Punkt für die Zukunft.“). Und Tillmann Prüfer, Style-Director des Zeit Magazin, ließ verlauten, dass das mit dem schönen Internet gerade erst los ginge („Das erste Internet war ein Medium der Unsinnlichkeiten, entworfen von Menschen, die ihr Leben vor Computerschirmen verbracht haben.“) – wobei man sich nicht sicher sein konnte, ob man das jetzt als rhetorische Drohung oder als Hoffnungsschimmer deuten sollte.

Die wohl schönste und poetischste Antwort auf die Frage der Verträglichkeit zwischen der sinnlichen Mode und der kalten Technik, gab wohl aber an diesem Montag Akris-Chefdesigner Albert Kriemler, der drei seiner mit LED-Leuchten besetzten Kreationen seiner Herbst-/Winter-Kollektion durch die Zuschauerreihen im Café Moskau schickte und damit allen Zauderern entgegen zu riefen schien: Geht doch! Man muss nur wissen, wie.