Auch dreidimensionale Strukturen können mit Shibori erschaffen werden.

Mit Mustern brechen

Mit modernen Interpretationen einer alten japanischen Färbetechnik zeigt das Düsseldorfer Label Suzusan, dass Tradition auch Zukunft heißen kann.

Wohl kaum etwas definiert eine Kultur so sehr wie ihre Traditionen. Doch wie es eben so ist, mit den Traditionen: sie veralten, verstauben, irgendwann sterben sie aus. Gerade in einer Welt, wie der der Mode, die sich im Saisontakt neu erfindet, ist da überhaupt noch Platz für Traditionen? Hiroyuki Murase, ein japanischer Designer aus Düsseldorf, hat sich seinen Platz gemacht. Mit ein bisschen Mut zur Innovation und seinem Label Suzusan rettet er eine jahrhundertealte Familientradition: das Shibori. 

Der Kopf hinter Suzusan: Hiroyuki Murase.

Meterweise Schnüre, etwas Farbe und akribische Handarbeit: Das ist Shibori. Dabei werden Stoffe strategisch abgebunden und anschließend gefärbt. Batiken? Von wegen, viel präziser wird der Stoff manipuliert, eine Vielzahl an kleinteiligen Mustern und sogar dreidimensionale Strukturen erzeugt. Seit mehr als 400 Jahren wird diese Technik in Japan angewandt und daraus traditionelle Gewänder wie Kimonos gefertigt. Doch seit Generationen stand die Zeit im Shibori still.

Ganz anders, ganz neu ist Suzusans Mode: Übergroße Strickpullover, bunte Kaschmirschals und sogar futuristisch anmutende Lampenschirme – mit traditionellem Shibori hat das erstmal wenig zu tun. Zwar bedient er sich am gleichen Prinzip, doch Murase experimentiert und bricht mit den altbekannten Mustern. Er nutzt Alpaka- statt Baumwolle, erzeugt grobe, asymmetrische Färbungen, statt der klassischen Techniken. Das Ergebnis: oft kaum vorhersehbar, jedes Teil ein Unikat. 

Suzusans Herbst/Winter 2019/20 Kollektion.

„Das ist der Unterschied zwischen dem Designer- und dem Handwerker-Kopf: Der Handwerker möchte Technik zeigen, diese Teile könnte man in Deutschland aber so nicht täglich tragen. Da fehlt die Verbindung zwischen Handwerker und Verbraucher. Deine Produkte müssen zu deinem Hintergrund passen, dann kannst du überall arbeiten.“ Heute verkauft Suzusan weltweit in 23 Ländern. Den Großteil nicht etwa in Asien, sondern Deutschland, Italien, Frankreich und den USA. Luxus Stores wie L’Éclaireur in Paris, Biffi in Mailand und Andreas Murkudis in Berlin gehören zu seinen besten Kunden. Der Höhepunkt: ein Auftrag von Raf Simons in seiner Zeit bei Dior, als der einige Stoffe seiner Herbst 2013 Haute Couture Show von Murase veredeln ließ.

Suzusans Stoffe bei Dior’s Herbst 2013 Haute Couture Show.

Seinen Ursprung hat das ganze in Arimatsu, einer kleinen Stadt in Japan, in der sich alles um das eine dreht: Stoff. Und genau hier ist Murase aufgewachsen, in Mitten von Stoffrollen und Farbeimern. Denn Shibori ist noch immer Heimarbeit und ein Stoff wandert gut und gerne mal durch Häuser und Hände von sechs Familien, bis er vollständig verarbeitet ist. „Zuhause war es überall voll mit Stoffen. In der Küche, im Garten, im Badezimmer. Der einzige Ort, an dem es keine Stoffe gab, war die Toilette. Ich wollte das nicht mehr, deswegen bin ich nach Europa gegangen.“ Globalisierung und Fast Fashion haben sich eben auch hier bemerkbar gemacht und gingen der Tradition an ihre Substanz. Einst zählte Arimatsu mehr als 10.000 Handwerker, heute sind es kaum noch 200. 

Schlussendlich war es aber genau dieser Abstand, der Murase seiner Heimat wieder näher brachte. Als er mit seinem Vater die Arbeit der Familie auf einer Londoner Stoffmesse ausstellte, erkannte er ihr Potenzial: Die gleichen Stoffe, ein anderer Kontext – aus altbackener Tradition wird neuartige Technik. Das war die Geburtsstunde von Suzusan.

Shibori: eine jahrhundertealte japanische Färbetechnik.

Trotz internationalem Erfolg vergisst Murase seine Wurzeln nicht. Entworfen wird zwar im Düsseldorfer Atelier, produziert jedoch ausschließlich in Japan. Regelmäßig besucht er seine Fabrik in Arimatsu und Webereien, Stickereien und Garnfirmen im ganzen Land. „Es ist schade, was viele nicht wissen: Japan ist eigentlich ein Land der Stoffe.“ Den Großteil seiner Rohmaterialien bezieht Murase deshalb von dort und unterstützt die lokalen Märkte.

Vor Suzusan stand es schlecht um die Zukunft des Shibori, mit knapp 60 Jahren war Murases Vater damals der jüngste Handwerker Arimatsus. Inzwischen zählt Suzusan dort zehn eigene Mitarbeiter, alle im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. „Das schafft natürlich auch Zukunft“ und schlägt die Brücke zwischen kulturellem Erbe und einer neuen Generation. Während der Rest der Modewelt fortlaufend neuere, schnellere Technologien entwickelt, ist vielleicht gerade das der Schlüssel zu Suzusans Erfolg: aus alten Mustern auszubrechen und der Vergangenheit eine Zukunft zu geben.