Meerblick oder Weitblick?

Die Schwergewichte der Luxusmodeindustrie können die lauten Stimmen der Fridays for Future Generation nicht mehr überhören und haben sich in Bewegung gesetzt – auf sie zu.

Die Jugend kämpft für eine Zukunft, wo sie keine mehr sehen – für sich und für die Umwelt. Und sie überdenken auch den eigenen Konsum. Nichts liegt da näher, als das, was sie direkt auf der Haut tragen und die Frage, der sie nicht entkommen: Mode und Umweltschutz, passt das zusammen? Tut es, sagt Prada und macht jetzt Schule. Zusammen mit der Ozeanographischen Kommission der UNESCO haben sie ein Bildungsprogramm entwickelt, das sich dem widmet, was Zweidrittel unseres Planeten ausmacht: den Meeren. In zehn Städten über die ganze Welt verteilt sollen Lehrer ab Februar dazu weitergebildet werden, ihren Schülern genau das klar zu machen: Die Meere sind der größte Lebensraum der Erde, ausschlaggebend für das Klima unseres Planeten. Und vor allem: Sie sind in Gefahr.

Aber die Mode ist ein durstiges Geschäft: Färben, Waschen, Baumwollanbau. Gleichzeitig verschmutzt sie die kostbare Ressource durch Mikroplastik beim Waschen von synthetischen Stoffen, durch Farbreste und andere Chemikalien, die oft ungeklärt ins Grundwasser und in die Meere gelangen. Vielen Konsumenten ist das längst klar und beim Kauf zählt für sie nicht mehr nur der eigene Geschmack, sondern auch das Gewissen.

Beim Baumwollanbau ist das Reinigen der Abwässer fast unmöglich: versprühte Pflanzenschutzmittel sickern direkt in den Boden und ins Grundwasser.

So gerät auch die Luxusmodeindustrie immer mehr unter Druck aktiv zu werden. Die italienische Vogue verzichtete erst kürzlich in ihrer gesamten Januarausgabe auf Hochglanzfotos. Die Mode wurde stattdessen illustriert, ohne aufwendige Fotoproduktionen, die Reisen, die damit verbunden sind und das Verschicken ganzer Kleiderschränke – der Umwelt zur Liebe. Auch Megabrands wie Dior geraten in Bewegung. Die Luxusmarke wurde im Fashion Transparency Index 2019 als das Unternehmen gelistet, mit der größten Steigerung an Transparenz. Vorher hat die Marke, im Vergleich mit nachhaltigen Marken, wenig von ihren Lieferketten und ökologischen Zielen preisgegeben.

Und auch Prada missioniert nicht nur an Schulen, sondern räumt auch im eigenen Haus auf. Das Programm mit der UNESCO folgt auf die Prada Re-Nylon Kollektion. Damit verpasst das Label ihrem Signature-Material, Nylon, ein Rebranding: Eine ganze Kollektion aus recyceltem Nylon, gewonnen aus den Kunststoffabfällen und Fischernetzen aus den Weltmeeren. Sie wollen den Müll, auch den eignen, wieder zu Mode machen.

Länder wie Indien und Bangladesch haben oft hohe Standards für die Qualität von geklärtem Wasser. Was fehlt sind die Kontrollen, damit die Standards eingehalten werden.

Doch Luxusbrands, die viele Jahre lang ihre Verantwortung für die Umwelt von sich wiesen, haben es oft schwer mit ihren Bemühungen ernstgenommen zu werden. Alles wirkt mehr wie glamouröser Schein als nachhaltiges Sein. Prada immerhin zählt zu den Riesen der Branche und hätte damit die gewaltige Kraft, eine ganze Welle auszulösen. Was die an Land spülen könnte? Eine Industrie, die umdenkt. Doch liegt die Wahl auch beim Konsumenten. In die Bildung von Schülern zu investieren, ist also das nachhaltigste, was Prada machen kann.