Glitzernd wie eine Discokugel

MCM hat jetzt eine zweite Dependance in seiner Geburtsstadt München. Und spielt in dem von Gonzalez Haase AAS gestalteten Shop auf die Anfänge der Marke in den 70er Jahren an

Zunächst einmal: Nein, dies ist kein Sadomaso-Keller für Millennials mit Vorliebe für königsblaue Flauschteppiche, den Sie hier sehen. Sondern der Ort, an dem die kreative Schickeria von München seit ein paar Wochen Taschen kaufen kann. Um genauer zu sein: MCM Taschen.

Es hätte wohl keinen symbol-trächtigeren Ort geben können um das neue, globale und durchaus gewagte Retail-Design-Konzept der Marke zu launchen (die nächste Store-Eröffnung ist schon Anfang 2020 in Wien geplant). Schließlich gründete Michael Cromer MCM (steht für Modern Creation München) in München und dies in einer Zeit, in der München, man mag es kaum glauben, das war, was Berlin heute ist: schrill, verrucht, trendig.

Eine Glanzzeit Münchens, die erste Hälfte der siebziger Jahre, als in Giorgio Moroders Musicland-Studios Bands wie die Rolling Stones aufgenommen haben, Clubs wir das Schwabylon und die Yellow Submarine zum Champagner Bad einluden und im verruchten Pimpernel Typen, die mit Peepshows ihre Geld machten mit Geldrollen zahlten und vor Übermut auch mal eine Flasche Dom Perignon durch den Laden warfen, wie man im nebenbei bemerkt großartigen Bildband Mjunik Disco von Mirko Hecktor nachlesen kann. Mittendrin: Michael Cromer und seine Frau Mara. Deren Frisörsalon in Schwabing? So etwas wie der Coiffeur der Party-Society. Roxy Music, Mick Jagger, Pink Floyd und Uschi Glas, sie alle waren Kunden. Die Partys im Salon: legendär.

So sieht das neue Retail-Design-Konzept von MCM aus: Hautfarbene Latex-Vorhänge und blauer Satin-Teppich treffen auf grauen Bausteinputz und jede Menge Stahl.

Verwundern mag es da nicht, dass die Inspiration für das Design-Konzept aus jenen 70er Jahren stammt. Übersetzt in eine moderne Formsprache haben dies übrigens die momentan angesagtesten Shop-Bauer der Modebranche, das Berliner Studio für Architektur, Szenografie und Beleuchtung Gonzalez Haase AAS, welche zuvor schon im Auftrag von Demna Gvasalia den Balenciaga Stores weltweit ein Update verpassten.

Es mag kein Zufall sein, dass Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez häufig angefragt werden, wenn bei einer Marke, wie bei MCM, Dirk Schönberger als neuer Global Creative Officer, grundlegende Veränderungen anstehen oder gerade erfolgt sind. Wohl auch deshalb, weil es das Team um die beiden Gestalter, Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez, bisher sehr erfolgreich vermieden hat, sich zu wiederholen und jede neue Aufgabe mit bemerkenswerter Akribie angeht.

Und die sieht im Fall von MCM akribisch innovativ aus. Die Designsprache des neuen Stores orientiert sich zwar an den geometrischen Formen der MCM Taschen und Accessoires, ist aber gleichzeitig „ein Versuch, von den strengen Formen und Farben der Luxusbranche abzuweichen“, wie Gonzalez Haase AAS es erklärt. Das Ergebnis: eine faszinierende Vielfalt von Materialen und Formen und die wohl aufregendste Store-Architektur der Stunde.

Der 1976 BERLIN Store: Auch bei seinem Experience-Konzept setzt MCM auf progressive Materialen, die dem jeweiligen Standort angepasst sind.

Dass Dirk Schönberger die gängigen Retail-Regeln bei MCM offenbar durchbrechen will, hat er schon mit dem im Februar eröffneten 1976 BERLIN Store bewiesen. Ist dieser doch das Pionierstück eines zweiten, experimentellen Retailkonzepts der Marke, ein Experience-Store, eine Plattform für kreatives Schaffen, die in Veranstaltungsreihen Kunst-, Mode- und Design-Community der jeweiligen Stadt näher zusammenbringen soll und mit der herkömmlichen Konzeption von Luxusboutiquen (unterschiedliche Standorte, immer gleiches Konzept) so gar nichts mehr gemein hat.

Geht es dort doch in der Regel um die Zurschaustellung von teuren Materialen, an den Stangen genauso wie an vergoldeten Zierelementen. Altmodisch. „Das fügt einem Geschäft außerdem nichts Neues hinzu“, ergänzt Judith Haase. „Uns geht es in unserer Arbeit immer darum, mit der Architektur des Raumes zu arbeiten, existierende Strukturen offenzulegen und nichts hinter einer glitzernden Fassade zu verstecken. Keine dekorativen Elemente, sondern eine ehrliche Gestaltung.“ So ehrlich eben wie jener Sadomaso-Keller des Konsums, dessen Besuch sich allein schon für‘s Design lohnt. Shoppen kann man ja trotzdem.