Mario Keine will zurück in die Zukunft

Der Düsseldorfer Jungdesigner präsentiert seine Abschlusskollektion. Es geht um traditionelle Handwerkstechniken und die Wiederherstellung eines bewussten Umgangs mit unseren Kleidern

Talentierte Jungdesigner kommen nicht nur aus Berlin! Auch in der Rheinmetropole Düsseldorf gibt es neben kommerziellen Messen kreativen Nachwuchs – immerhin handelt es sich um die ehemalige Modehauptstadt Deutschlands, in der auch Achtung Modes aktuelle Märzausgabe produziert wurde. Dort hat der Design Department Düsseldorf Absolvent Mario Keine mit seiner Abschlusskollektion gerade erste Lorbeeren geerntet: Für eine Kollektion, die mit Lagen, Silhouetten und dem bewusst Unperfekten spielt.

Jetzt ist das Lookbook dazu fertig. Mit „BackForward“ besinnt er sich auf traditionelle Werte wie Langlebigkeit, Handwerk und Tradition, möchte mit diesen aber einen Schritt in die Zukunft gehen. Dafür verfolgt er einen speziellen Ansatz: Das Lokaltalent versteht seine Arbeit als Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft und will einen bewussteren Umgang mit Textilien injizieren.

Der Düsseldorfer Jungdesigner möchte traditionelle Handwerkstechniken in die Zukunft übertragen und einen bewussteren Umgang mit Mode schaffen

Keine orientiert sich dabei besonders an althergebrachten Handwerkstechniken aus seiner
Heimat, dem Sauerland. Dort gab es einmal eine Ausstellung über die viktorianische Mode der vorletzten Jahrhundertwende, die ihn stark beeinflusste. Insbesondere die mit Eiweiß gesteiften, zum Waschen der Kleidung abnehmbaren Krägen jener Zeit hatten es ihm angetan. „Waschen war damals eine körperlich anstrengende Tätigkeit, deshalb ging man mit den Materialien viel schonender um als heute“, so Keine. Die Wertevorstellungen von damals in den Konsum von heute zu übertragen sei sein großes Ziel.

Keines Entwürfe sind von einer Ausstellung über viktorianische Mode inspiriert
Keines Entwürfe sind von einer Ausstellung über viktorianische Mode inspiriert

Eine viktorianische Grunddisposition sieht man der Kollektion auf den ersten Blick an; die akribische Fleißarbeit, die Keine in sie hat einfließen lassen, erst auf den zweiten. In der Tat hatte sich Keine im Vorfeld so stark in die Materie Mode eingearbeitet, dass er ihrer am Ende richtig überdrüssig wurde. Auch das beeinflusste seine Kollektion radikal: „Weil ich mich an der Mode so sattgesehen hatte, verwendete ich lediglich meine absoluten Hassfarben. Auch die Stoffe kann ich eigentlich gar nicht leiden. Keinen habe ich doppelt verwendet.“

Ganz schön radikal: Um sich und den Betrachter herauszufordern arbeitet Mario Keine mit Stoffen und Farben, die er normalerweise nicht verwenden würde

Für seine farblich-stoffliche Selbstgeißelung verwendete er 42 verschiedene – darunter Stücke aus dem Restverkäufen bei Walter van Beirendonck, Louis Vuitton oder Prada genauso wie Polsterstoffe, Cord und Wolle. Was klingen könnte wie ein Rezept zum Scheitern, wurde bei Mario Keine zum Memento Mori. „Ich wollte, dass ich mich selbst, aber auch meine Kunden sich mit den Kleidungsstücken auseinander setzen müssen.“

Entwürfe aus Mario Keines Abschlusskollektion
Entwürfe aus Mario Keines Abschlussollektion

Die Trendforscherin Lidewij Edelkoort, die vergangenes Jahr für Trubel sorgte, weil sie die Mode für tot erklärte, hat den Nachwuchsdesigner auch inspiriert. „Wir empfinden Kleidung heute als etwas Selbstverständliches und nehmen sie gar nicht mehr wahr“, so Keine. Aus dieser Unsichtbarkeit möchte er sie deshalb herausholen. Seine Kollektion entwarf er so nach viktorianischem Vorbild und dessen Schnitttechniken.

Das Resultat? „Es sitzt alles enger, als wir es heute gewohnt sind. Die körpernah geschnittenen Armlöcher, die Steifheit der Stoffe, die schmalen Schultern; das alles erinnert den modernen Träger ständig an seine Kleidung und sein eigenes Dasein.“ Eine Umschulung des Bewusstseins nennt er es. Als liebevolle Fashion-Folter könnte man es auch bezeichnen – hier ist das Mittel natürlich Zweck.

„Wir empfinden Kleidung heute als etwas Selbstverständliches und nehmen sie gar nicht mehr wahr“ – Mario Keine

Auch in der Fertigung erlegte sich Mario Keine hehre Ziele auf. In 27 Stunden manueller Arbeit stellte er zum Beispiel einen Nadelstreifenanzug her, bei dem die Streifen aus Wollfäden einzeln auf den Trägerstoff aufgesteppt sind. Auch ein Cape aus einer leichten Schurwolle, aus einem Sakko dekonstruiert, wurde in Handarbeit komplett asymmetrisch plissiert. So kommen auf ein gerade einmal taillenlanges Kleidungsstück gute zehn Meter Stoff.

Entwürfe aus Mario Keines Abschlusskollektion
Entwürfe aus Mario Keines Abschlusskollektion

Die konzeptuell spannende „BackForward“-Kollektion wird er vom 6. bis zum 18. Juni bei Kölns angesagtester Boutique Heimat gezeigt werden. Was danach kommt, steht noch in den Sternen. Langfristig soll es ein eigenes Label sein, aber zuerst möchte der Sauerländer Erfahrung sammeln und Strukturen kennenlernen, „am besten bei einem Haus mit höchstem Renommée“, so Keine. Als nächsten Stop kann er sich Paris gut vorstellen. Die Stadt lernte er während seines Praktikums bei Wooyoungmi kennen und lieben. „Aktuell ist meine destination aber unknown. Die Bewerbungen laufen.“ Nach einer Karriere in Düsseldorf sieht es dann doch erst mal nicht aus.

Fotografie: Felix von der Osten und Kayla Kauffman