Marina Hoermanseder: Berlins Modehoffnung

Mit Kleidern, die an orthopädische Stützapparate erinnern, feiert die österreichische Designerin kommerzielle wie kreative Erfolge.

Wenn in Berlin von einem „Jungdesigner“ gesprochen wird, ist damit in der Regel nicht ein „junger Designer“ im eigentlichen Wortsinn gemeint, geschweige denn einer, der gerade am Beginn seiner beruflichen Laufbahn steht. Vielmehr hat sich der Begriff über die letzten Jahre als Äquivalent einer ganzen Generation modeschaffender Hauptstädter etabliert, die zwar Lorbeeren für ihre kreativen Ideen erntet – aber irgendwie seit geraumer Zeit auf der Stelle tritt. Wirtschaftlicher Erfolg oder Reputation auf internationalem Parkett? Das können die wenigsten von sich behaupten. Eine seltene Ausnahme ist Marina Hoermanseder. Die gebürtige Österreicherin strebt nämlich seit der Gründung ihres gleichnamigen Labels 2013 das an, was vielen Berliner Mitbewerbern einfach nicht gelingt: Die Verschmelzung einer künstlerischen Handschrift mit kommerzieller Tragfähigkeit.

In ihren bislang fünf Kollektionen bedient sich die Esmod Berlin-Absolventin in Sachen Stil dafür einer ungewöhnlichen Quelle der Inspiration: der Orthopädie des 18. Jahrhunderts. Während bei den Hauptstadt-Kollegen tragbarer Minimalismus hoch im Kurs steht, sorgte bereits ihre erste Frühjahr-Sommer 2014 Präsentation im Rahmen der Berliner Modewoche für ordentlich Furore: Ihre Models hüllte sie in Stützapparaturen, Korsetts und Bondage-artige Leder-Konstrukte – so etwas Artifizielles hatte es in Berlin lange nicht gegeben.Die Idee dazu kam Hoermanseder während eines Praktikums bei Alexander McQueen, damals recherchierte sie nach Schnürkorsetts und stieß zufällig auf alte Techniken der Orthopädie. Das ließ sie nicht mehr los. „Vor allem die Lederformungen reizten mich. Früher war die Technik noch nicht so weit, alle Apparaturen wurden daher aus Leder geformt. Das wollte ich unbedingt lernen“, sagt Hoermanseder begeistert, als Achtung Digital die Endzwanzigerin in ihrem Atelier am Moritzplatz besucht.

„Meine Mode angezogen auf der Straße zu sehen, ist für mich das größte Kompliment.“

Diese einengenden, steifen, fast schon beklemmenden Formen, die den Körper in seine Schranken weisen, anstatt ihn, wie heute üblich, als zweite Haut nur locker zu umhüllen, reizen Hoermanseder nach wie vor. Immer finden sich in ihren Kollektionen Kleider, die wie tragbare Skulpturen anmuten. Wie das Cocon-artige, mit rotem Lackleder beschichtete Werkstück aus der aktuellen Winterkollektion, das zunächst aus Hartschaum an einer Schaufensterpuppe modelliert wurde und wie bei Schlemmers Triardischem Ballett Takt und Bewegung des Models vorgab.

„Natürlich ist es gerade in den Show-Pieces nicht immer leicht zu laufen, der Körper muss sich den Kleidern anpassen, nicht anders herum. Aber sie erfüllen einen ganz ursprünglichen Zweck von Mode: sie geben Halt. In meinen Entwürfen steht man gerade, weil man gar keine andere Wahl hat. Das finde ich sehr spannend“, sagt Hoermanseder. Dass sie sich aber nicht als Mode-Künstlerin positionieren, sondern mit ihren Kleidern auch reales Geld verdienen möchte, war der Designerin schon immer klar. „Für mich ist es wichtig, nicht nur Showteile zu entwerfen, sondern die Frau tatsächlich auch einkleiden zu können. Meine Mode angezogen auf der Straße zu sehen, ist für mich das größte Kompliment.“

Neben ihren Showpieces, die übrigens bereits von Stars wie Lady Gaga und FKA Twigs getragen wurden, haben sich ihre Kollektionen seit ihrem Debüt zunehmend in Richtung Tragbarkeit entwickelt– ohne ihre eigene Handschrift dabei zu verlieren. Elemente der Orthopädie finden sich in feinen Details wie Lederlätzchen, Lederverschlüssen an Krägen oder aufgenäht auf Jacken, die zu fließenden, femininen Hosen und soften Materialien wie Seide kombiniert werden. Und ein klassischer Pencil-Skirt besteht schon mal komplett aus Lederstriemen und Gürtelschnallen, kommt aber in leuchtenden oder pudrigen Farben daher.

Gut verkäufliche Handtaschen, skulpturale Showpieces und ein salonfähiger Lederstriemenrock: Marina Hoermanseder S/S16
Gut verkäufliche Handtaschen, skulpturale Showpieces und ein salonfähiger Lederstriemenrock: Marina Hoermanseder S/S16. Runway Fotos: Kowa Berlin

Auch so eine Leistung ihres „orthopädischen“ Stils: Hoermanseder versteht die Ambivalenz, der eine erfolgreiche Mode bedarf. Der Reiz ihrer Kleider liegt in der Tatsache, dass sie zwei grundlegend verschiedene Bedürfnisse der Trägerin vereinen. Lederkorsetts, Gürtelstriemen und steife Formen erinnern formal an Fetisch-Bekleidung, sie umweht ein letzter Hauch symbolische Schmuddelecken-Fantasie, von der ein Modemädchen insgeheim träumen mag. Indem die Kleider aber durch eine girliehafte Farbwelt und romantische Details wie aktuell aufgesetzte Blumenknospen modifiziert werden, geht ihnen die lüsterne Schattenwelt-Konnotation verloren. Was bleibt ist Mode, die ausschließlich in einem kontrollierten Rahmen unbewusst mit den Phantasien der Trägerin spielt, dabei salonfähig bleibt. Aber das auf hohem gestalterischen Niveau und einer grundsätzlichen Freude am Umgang mit Materialien.

„In der Schülerliga habe ich als Mario Hoermanseder Fußball gespielt, am liebsten trug ich abgeschnittene Hosen und übergroße T-Shirts mit Kommissar-Rex-Fotos drauf“

Neben ihrem Lieblingsmaterial Leder experimentiert Hoermanseder nämlich jede Saison aufs Neue mit ganz unterschiedlichen Stoffen und Herstellungstechniken: „Ich spare an wirklich vielem, aber niemals am Material“, sagt die Designerin, die ihre Mode in Berlin, Polen und Spanien produzieren lässt. Schuhe und Zweiteiler aus dem 3-D-Drucker, Hartschaum, selbst Stein (!) hat sie einmal zu einem Stoff verarbeitet. Das mag daher kommen, dass ihre Faszination für Mode eigentlich aus dem Handwerk stammt – mit Mode hatte sie lange Zeit nichts am Hut.

„In der Schule war ich der jungenhafte Typ“, so Hoermanseder. „In der Schülerliga habe ich als Mario Hoermanseder Fußball gespielt, am liebsten trug ich abgeschnittene Hosen und übergroße T-Shirts mit Kommissar-Rex-Fotos drauf“, verrät sie lachend. Ihre Mutter, eine stilbewusste Französin, brachte das zum Verzweifeln. Vor allem, wenn sie mal wieder mit ihrem Vater auf Entdeckungstour in den niederösterreichischen Wald loszog und ein paar besondere „Mitbringsel“ anschleppte: „Jeden Hirschkäfer, den wir fanden, haben wir mit nach Hause genommen und daraus etwas gebastelt. Oder ein totes Wildschwein, das irgendwo gelegen hat. Da haben wir extra eine Zange geholt, dem die Zähne ausgerissen und dann ausgekocht, um daraus Ketten zu machen.“

Vermutlich stammt aus den morbiden Do-it-yourself-Bestrebungen der Kindheit auch ihr spielerischer Umgang mit Details und vor allem Accessiores, was ihr heute in Sachen Verkäuflichkeit zu Gute kommt. Weil Hoermanseder weiß, dass sich die Kleidung einer noch nicht etablierten Designerin allein eher schleppend verkauft – zumal wenn ein Strap-Rock locker mal 1.200 Euro kostet – legt sie zunehmend Wert auf schmückende Begleiter wie Taschen oder Armbänder, die die gleiche Sprache sprechen wie ihre Kleider. Plus, die sich extrem gut auf Instagram und Blogs machen, und „die man sich aber mal eben so gönnt, weil man sie viel häufiger trägt als ein superteures Kleid“. Mit dieser Mischung hat sie es bislang neben ihrem eigenen Onlineshop auf Berliner Verkaufsflächen im KaDeWe oder der Boutique Konk geschafft, genauso wie in Shops in Kuwait und Kroatien. Auch der asiatische Markt reize sie in Zukunft sehr.

„Danke sagen hilft – und das Wissen, dass man es ohne ein Team im Rücken nicht schafft.“

Auch in Zahlen zu denken, lernte Hoermanseder während ihres BWL-Studiums in Wien. Damals schloss sie mit ihren Eltern einen Pakt: Wenn sie dieses abschließe, finanzierten Mama und Papa auch das angestrebte Modestudium an der Esmod Berlin – ein Kompromiss, der ihr heute zu Gute kommt. Denn kreative Ideen haben viele. Diese von vornherein verwirklichen zu können, mit Business-Plan und professionellem Konzept im Gepäck, aber nicht.

Belohnt wurde sie dafür bereits mit dem Gewinn des Premium Young Designers Awards im Juli 2014, als auch mit einem Preis des Berliner Senats im Rahmen des Start your own fashion business Wettbewerbs. Und seit der Berliner Modewoche im Juli darf sie sich gemeinsam mit Kollegin Nobi Talai über eine ganz besondere Förderung freuen. Das von Christiane Arp initiierte und jüngst ausgerufene German Fashion Council, das sich der Förderung des deutschen Modenachwuchses und Etablierung von Qualitätsstandards verpflichtet hat, wird als eines der ersten Schritte beide Designerinnen in den kommenden zwei Jahren mit einem individuellen Förderprogramm unterstützen.

Neben aller Business-Power, verrät Hoermanseder am Ende des Gesprächs, sei sie aber vor allem eines: „Eine Verfechterin der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ich bin der Meinung, dass man sein Gegenüber immer wertschätzen sollte und freundlich bleiben muss. Danke sagen hilft – und das Wissen, dass man es ohne ein Team im Rücken nicht schafft.“  Wie gut sie mit dieser Philosophie fährt, konnte sie bereits am eigenen Leib erfahren. Vergangen Oktober, als Hoermanseder als Österreicherin ganz offiziell Deutschland mit einer Modenschau am Tag der deutschen Einheit in Indien vertrat – und als Dankeschön mit einem Dengue-Fieber zurückkehrte, das sie drei Wochen ans Bett fesselte. Genau zu jenem Zeitpunkt, an dem sie eigentlich eine Show in Berlin vorbereiten musste. Auf ihr Team, mittlerweile fix fünf Person plus weitere sechs in arbeitsreichen Zeiten, konnte sie sich verlassen. „Gut zu wissen, dass die Welt nicht untergeht, wenn man mal nicht da ist“, findet Hoermanseder.

Fotografie: John Brömstrup