Zeitloses Design aus hochwertigen Materialen, das Manheimer des 21. Jahrhunderts. Foto: Tim Petersen.

Manheimer

Die Berliner Modeszene steht auf wackeligen Beinen. So richtig aufgeben möchte sie keiner, wirklich daran glauben aber auch nicht. An young creatives fehlt es der Stadt sicherlich nicht. Und trotzdem, außerhalb der Landesgrenzen konnte Berlin in Sachen Mode noch nicht wirklich Fuß fassen. Jedenfalls nicht in jüngster Vergangenheit.

Während viele Versuche, die Szene durch die Förderung von Jungdesignern auf Vordermann zu bringen, vergeblich scheinen, auch der Berliner Salon wurde im vergangenen Jahr eingestellt, blitzt jetzt neue Hoffnung auf. Und die ist genau genommen gar nicht neu, sondern historisch. Der Relaunch einer Marke, dessen Schließung bereits fast ein Jahrhundert her ist: Manheimer.

Ein Name, der heute vergessen ist. So wie die meisten der jüdisch geführten Konfektionshäuser, die sich bis zum zweiten Weltkrieg rund um den Berliner Hausvogteiplatz tummelten. Sie machten Berlin zu einer der ganz großen Modestädte weltweit. Eine ganze Industrie, international erfolg- und einflussreich, die mit dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung ein trauriges Ende nahm. Insgesamt 38 dieser Unternehmen möchte das Berliner Investorenteam der Jandorf Berlin GmbH jetzt ein zweites Leben geben.

Bruno Valentin, Enkel Valentin Manheimers, im Jahre 1937.

Angefangen mit Manheimer. Der König der Mäntel, so wurde dessen Gründer Valentin Manheimer zu seiner Zeit genannt. Und das nicht ohne Grund. Denn er schaffte das, wovon die heutigen Modeberliner nur so träumen: Mode mit Relevanz auch weit über den Berliner Horizont hinaus. War Manheimer doch der Erste, der für seine Mode ein einheitliches Größensystem entwickelte, um Kleidung in großen Stückzahlen produzieren zu können. Das Prinzip der Konfektion war geboren.

Manheimers Relaunch sieht so aus: “Formal Wear For Informal People”. Foto: Tim Petersen.

„Man könnte sogar weitergehen und sagen, dies war die Basis für die gesamte Modebranche weltweit“, wie es Lothar Eckstein, Geschäftsführer von Jandorf Berlin, formuliert, der die Marke jetzt wiederbeleben möchte. Und diese Wiederbelebung sieht dann so aus: Unter der kreativen Leitung von Michael Sontag, einem Kind der ersten neuen Berliner Modegeneration, macht Manheimer jetzt „Formal Wear For Informal People“. Neben einer Neuauflage seines ikonischen Damenmantels geht es beim heutigen Manheimer hauptsächlich um klassische Herrenanzüge. Zeitloses Design aus hochwertigen Materialien, produziert wird ausschließlich in Italien und Berlin.

Auf historische Markennamen aufzubauen statt bei Null anzufangen, ein vielversprechendes Prinzip, das große Unternehmensgruppen wie LVMH bereits lange erfolgreich umsetzen. Und so ist das Ganze sicherlich vor allem eines: eine raffinierte Geschäftsidee.

Die kreative Leitung des Projekts übernimmt Berliner Designer Michael Sontag.

„Geschichte kann man nicht kaufen. Aber man kann sie weiterführen, …“ heißt es auf der Website von Jandorf Berlin. Wer sich das Gründerteam hinter diesem Projekt ansieht, dem könnte auffallen: Keiner von ihnen ist selbst jüdisch. Ob man es nun infrage stellen möchte, mit einem letztendlich so kommerziellen Vorhaben ein Erbe weiterführen zu wollen, das nicht das eigene ist? In Zeiten jedoch, in denen Antisemitismus und Rassismus auch in Deutschland immer präsenter werden, ist das Projekt immerhin ein Schritt Richtung Erinnerungskultur, die in der Modebranche bisher eher selten zu finden war. Vielleicht ein zukunftweisender Blick in die Vergangenheit.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 39 (April 2020)