Foto: @zddz_official

Made in Russia made by Russia

In Moskaus Kreativbranche ist aufkommender Lokalpatriotismus auch als Antwort auf die politische Situation des Landes zu Lesen. Achtung Digital zu Gast auf der MBFWR: Des Reiseberichts letzter Teil

Dass Vladimir Putin die im Zuge des Ukraine-Konflikts verhängten Sanktionen gegen Russland unbeantwortet ließe hatte vermutlich niemand geglaubt. Als Reaktion auf restriktive Maßnahmen der Europäischen Union verhängte er wiederrum ein Importverbot für Agrarprodukte und Lebensmittel aus der Europäischen Union, den USA, Kanada, Australien und Norwegen. Betroffen sind vor allem Fleisch, Fisch, Milchprodukte und ein bisschen Gemüse – etwas, das der russische Bürger im Alltag realistisch spürt, wenn im Supermarkt kein Gruyère mehr in der Käsetheke oder Nordseekrabbensalat im Kühlregal steht.

Während wir hierzulande gegen derlei Einschränkungen vermutlich protestierend auf die Straße gingen und gegen unsere Regierung zeterten, entfacht das vor allem unter jungen Russen eine neue Leidenschaft für lokale Produkte. „Am Anfang dachte hier jeder noch kurz: Oh nein, nehmt uns nicht auch noch den KÄSE. Aber den Fehler bei der Regierung suchen? Darauf würden die meisten Russen nie kommen. Im Gegenteil. Gerade die Youngsters, die ganzen Jungen zwischen 18 und 22, bindet das noch stärker an das Land, macht sie patriotischer. Sie würden jetzt sagen: ‚Wir brauchen keinen Käse aus der EU. Wir machen einfach unseren eigenen. Der wird sowieso viel besser schmecken’“, erzählt Ania Binevskaya von KM20 (Kusnetzky Most 20), des angesagten Moskauer Shop-Café-Freizeitspaces, dessen Gründerin Olga Karput wir in Achtung Ausgabe 25 bereits portraitierten.

 

Das Funny Cabany in Moskau
Das Funny Cabany in Moskau

Jüngst hat in Moskau so ein bei Politikern angesagtes Restaurant namens „Voronezh“ (Woronesch) aufgemacht – als Referenz auf die russische Oblast Woronesch, wo die gehobene Gesellschaft nun ihr Fleisch von stolzen russischen Rindern bezieht. Die Moskauer Fashion Crowd hingegen trifft sich lieber im „Funny Cabany“, einem im loftig-industriellen Vintage-Chic eingerichteten Grillrestaurant im Zentrum. Gerichte werden hier ebenfalls aus lokalen Produkten zubereitet, auf der Karte steht so zum Beispiel in schwarzer Johannisbeere marinierter Lachs mit Rote Beete-Ravioli und Lindenschaum oder Falafel aus warmer Ente und Kürbis gebacken auf gesalzener Beerensauce.

 

im KM20 kann man speisen, shoppen oder abhängen
im KM20 kann man speisen, shoppen oder abhängen

Im Café des KM20 ist man vom Importverbot nicht sonderlich beeindruckt – hier stehen sowieso nur vegane Gerichte auf der Karte; Gemüse für ihre Smoothies bezogen sie auch vorher schon aus regionalen Gefilden. Dennoch beeinflusst die politische Situation auch das KM20, primär das Hauptgeschäft mit Kleidung: hier führt ein neuer Patriotismus generell zu explodierenden Umsätzen. Was erst einmal bizarr klingt, ist leicht aufzuschlüsseln.

Im KM20 hängen neben jungen hippen russischen Labels wie ZDDZ oder Gosha Rubchinskiy, der übrigens im Rahmen der MBFWR dort sein Buch Youth Hotel präsentierte, internationale angesagte Marken wie Vetements, Comme des Garçons oder J.W. Anderson – viele dieser Marken findet man in Russland in keiner anderen Boutique.

Von Sanktionen oder Importverboten ist in Russland nicht die Modeindustrie betroffen, weswegen internationale Marken noch neben nationalen hängen können. Natürlich sind die Preise gestiegen: um das 2,5-fache – so sehr ist der Wert des Rubels im vergangenen Jahr gefallen. Für die meisten Kunden des KM20 ist das erst mal kein Problem: wer in Russland so viel Geld hat, sich teure Designerkleidung zu leisten, hat es oft außerhalb des Landes liegen, in andere Währungen investiert (weswegen viele Reiche übrigens in Russland jetzt noch reicher sind), und kann deshalb nach Herzenslust weiter shoppen. Dennoch kaufen die Russen aktuell auch gerne russische Designer, was tatsächlich eher auf einen neuen Patriotismus zurückzuführen ist denn auf den gestiegenen Preis von importiertem Design. Denn auch russische Designer sind teurer geworden.

 

Das KM20 - so etwas wie der Voo Store in Berlin oder das Colette in Paris
Das KM20 – so etwas wie der Voo Store in Berlin oder das Colette in Paris

„Das liegt daran, dass Russland keine eigene Textilindustrie hat“, so Ania Binevskaya. „In Russland gibt es keine Stoffe, keine Knöpfe, Garn… Alles, was ein Modedesigner zur Fertigung seiner Kollektion braucht, bezieht er in den meisten Fällen aus dem Ausland – und zahlt das natürlich in Euro, was sich aktuell in Russland auf den Preis seiner Mode auswirkt. Das heißt, die Designer berechnen den Wert ihrer Kollektionen sowieso nicht in Rubel und im Prinzip verkaufen alle russischen Designer, die wir hier hängen haben, sonst primär im Ausland; in die USA, Asien, Frankreich oder dem nahen Osten. Die angesagten jungen russischen Designer profitieren von der aktuellen politischen Situation also gleich doppelt: einerseits wächst ihre Fan-Base im Inland. Andererseits ist das Geld, das sie im Ausland machen, in Russland gerade doppelt so viel wert.“

Unter der finanziellen Krise leiden in Russland also nur jene Designer, die allein von Binnenverkäufen abhängig sind – und mal abgesehen vom Modekosmos natürlich generell alle, die finanziell nicht extrem wohlhabend gestellt sind; ergo der Großteil der Bevölkerung, auch wenn das die Luxusbranche nur am Rande streift. Auf junge noch nicht zu Geld gekommene Kreative wiederrum scheint die Situation beflügelnd zu wirken. Aus einer Mischung aus Armut und Patriotismus begründet sich hier ein neuer Stil: die junge Szene kommt ab von der Highheel-, Abendroben- und Make-up-Kultur – allem, was bislang im Land sinnbildlich für Wohlstand sprach – und wendet sich hin zu lässiger, günstigerer Streetwear, aktuell oft gehalten in Mustern oder Farben, die auf ein russisches Erbe referieren. Hier sind einige von ihnen.

 

 

Der Designer während seiner Buchpräsentation im Rahmen der MBFWR im KM20 | Foto: MBFWR
Der Designer während seiner Buchpräsentation im Rahmen der MBFWR im KM20 | Foto: MBFWR

Gosha Rubchinskiy

Obwohl im Ausland schon eine große Nummer – international einer der bekanntesten russischen Designer – und obendrein eher Großverdiener, gilt Gosha Rubchinskiy für junge Kreative als Vorbild für einen coolen Streetstyle, der auch aus Brooklyn oder Berlin kommen könnte, wären da nicht visuellen Anspielungen auf die Heimat; etwa sowjetische Symbole und Flaggen, die sich auf seinen Entwürfen immer wieder finden.

 

 

J.Kim S/S16 Präsentation. Foto: @pagekim
J.Kim S/S16 Präsentation. Foto: @pagekim

J.Kim

Tragbare Streetwear kamen auch von der erst 24-jährigen Designerin Jenya Kim, die mit ihren noch erschwinglichen Preisen vor allem die Moskauer Youngsters anlockt. Kim, deren Familie koreanische Wurzeln hat und von Usbekistan vor etwa zehn Jahren nach Moskau emigrierte, präsentierte ihre recht düstere Kollektion für den kommenden Sommer in der Boutique Air Moscow (in der ansonsten unter anderem Issey Miyake, Walter van Beirendonck und Ann Demeulemeester verkauft werden). Die dunkle Farbpalette in Schwarz und Oliv brach sie durch Volants und zarte Stickereien auf sonst sehr cleanen Latz-Kleidern, Seidenblusen oder Luftigen Tunika-Tops auf.

 

ZDDZ London

Auch Dasha Selyanova von ZDDZ London, die gebürtige Moskauerin mit Wahlheimat London, präsentierte ihre Kollektion für den kommenden Sommer im Rahmen der MBFWR, und zwar in einem schäbigen Kellerraum – irgendwie der richtige Rahmen für Mode, die sich mit Ängsten und Depressionen von Teenagern beschäftigt. „Help Yourself“ lautet der Titel ihrer aggressiven Clubkid-Kollektion, die zwar für Girls gemacht ist, in vielen Punkten aber geschlechtsneutral daher kommt. Als Goodie, vielleicht als Lösungsvorschlag zur Selbsthilfe, verteilte sie unter den Gästen der Präsentation eine Fake-Dose des Anti-Depressiva “ZONAX-II”.