In der Mode gibt es momentan die Idee, auf Laufstegen Kollektionen zu präsentieren, die mit der Realität modebegeisterter Menschen harmonieren. Die schillernden Entwürfe einschlägiger Luxusmarken zieren als flüchtige Exponate ja gerade noch die Körper von Beeinflussern und einer Hand voll Ultrareichen. Ansonsten verschwinden sie als fotografierte Sujets zwischen den Seiten unzähliger Modemagazine. Junge Marken wie etwa Vetements oder Gosha Rubchinskiy finden sich darin nicht wieder. Ihre Idee von Mode ist angelehnt an das, was die Freunde tragen: Streetwear. Mal mit Vintage-Einschlägen, 90er-Kooperationen oder umwickelt vom eisernen Vorhang.

Damit das in die Gegenwart passt, wird mal hier oder da an einer Naht gedreht oder Kleider einfach übergroß getragen. Intuitiv trifft das den Zeitgeist. Wenn man genau hinschaut, bekommt man beizeiten den Eindruck, dass auf einigen Catwalks solcher hochgespielten Brands in Wahrheit keine Ideen laufen. Sondern lediglich die Bilder einer Idee. Der Unterschied ist, dass Ideen oft Auskunft geben über die Intention des Designers. Warum hat er oder sie jetzt hier eine Naht aufgetrennt und dort einen Ärmel weggelassen? Bilder sind da schwammiger. Sie imitieren Intentionen. Ein bißchen so, als hätte der Créateur vor einem Mondrian gestanden und gesagt: das kann ich doch auch.

Lutz Huelle S/S17: Spiel mit Paradoxen

Für seine Frühjahr-Sommer-Kollektion 2017 spielt Lutz Huelle mit Paradoxen
Für seine Frühjahr-Sommer-Kollektion 2017 spielt Lutz Huelle mit Paradoxen

Einer, der es seit 16 Jahren schafft, dass sich seine Kleider deckungsgleich wie perfekt ausgemalte Schablonen über seine Ideen legen, ist Lutz Huelle. Das hat der gebürtige Remscheider mit seiner Frühjahr-Sommer-Kollektion 2017, die er gerade während der Pariser Modewoche im Palais de Tokyo präsentierte, wieder einmal bewiesen. Auch indem er auf Können setzt, nicht bloß auf Intuition.

Das fällt aktuell etwa so aus: Huelle zeigt einen knöchellangen, locker sitzenden Mantel, der im Brustbereich im Camouflagemuster gehalten ist und in den Längen sowie an den Säumen schreiend pink abfällt. Sieht nicht nur cool aus, da steckt was hinter. Warum macht er das? Weil er in dieser Saison mit Paradoxen spielt: Camouflage ist eigentlich dazu da, Menschen verschwinden zu lassen. Indem er es mit einer leuchten Farbe kombiniert, kehrt er die Funktion einfach um.

Oder die Schultern. Wie kann man die betonen, ohne dafür Schulterpolster zu verwenden — denn das wäre ja wirklich Neunziger! Huelle hat die Lösung: Man halte sich an Trenchcoats und gebe an den Ärmeln etwas Stoff dazu. So viel, dass man es irgendwann natürlich wickeln und hochplustern kann. So macht man gleichzeitig Mäntel, die auch ganz wunderbar als Kleider funktionieren. Auch ein weißes Hemd, dessen Knopfleiste auf einmal als Kragenöffnung erscheint, passt in dieses Bild. Pardon: in die Idee.

Realitätsnahe Mode? Die gab es bei Lutz Huelle schon immer

Auch in der aktuellen Achtung Ausgabe 32 beschäftigen wir uns mit der realitätsnahen Mode von Lutz Huelle und widmen ihm ein Feature
Auch in der aktuellen Achtung Ausgabe 32 beschäftigen wir uns mit der realitätsnahen Mode von Lutz Huelle und widmen ihm ein Feature

Es sind subtile Verschiebungen innerhalb eines bekannten Hallraums, die ein vollkommen neues Echo hervorrufen. Und die der Central St. Martins Absolvent, der vor seiner Selbstständigkeit bei Margiela arbeitete, Saison um Saison zaubert: moderne, tragbare Kleider. Keine leeren Hüllen. Darum geht es auch in unserer aktuellen Septemberausgabe von Achtung Mode. Dort würdigen wir diese seltene Substanz, mit der der Modedesigner sein Schaffen anreichert, mit einem ausführlichen Lutz Huelle-Feature. Geschrieben von Nicole Urbschat und fotografiert von Eva Baales. Für die Fotostrecke kramten wir auch im Archiv des Wahlparisers nach den schönsten Stücken der letzten Jahre.

Zwischenzeitlich war es mal still um Huelle, der erst seit drei Saisons wieder mit einem Défilé antritt. Mittlerweile werden die Stimmen um ihn zum Glück wieder lauter. Jetzt, da das Bedürfnis in der Luft liegt, mal wieder einen Gang zurückzufahren und Mode so zu tragen, wie man sie will — einfach und lässig, dabei clever und gut gemacht — und wo die realitätsnahe Ästhetik von Huelle, der das ja schon immer so gemacht hat, auch von anderen aufgegriffen wird, ist er zurück. Und passt herrlich in die Zeit, ohne dabei in Zeitgeistfallen zu tappen.