Lou Stoppard

Die Londoner Jungredakteurin ist Nick Knights Protégée und Showstudios Geheimwaffe in Sachen digitaler Interviews

Für die 26-jährige Journalistin Lou Stoppard ist die preisgekrönte Videoplattform Showstudio der digitale Hörsaal. Nur besucht sie die Vorlesung nicht – sie hält sie. Wie ein Forschungsteam befassen sich Showstudio-Altmeister und Fotograf Nick Knight und der Youngster Lou Stoppard mit Themen, die die Mode bewegen. Und die reichen, mit Hilfe von freien Autoren, von Cartoon- und mädchenhaften Darstellung von Weiblichkeit, die ihnen in Ryan Los Entwürfen begegnen, bis hin zur Kommerzialisierung des Feminismus auf dem Laufsteg bei Chanel. Es gibt wohl aktuell keine andere Modeplattform, die wie Showstudio beweist, dass anspruchsvoller Modejournalismus auch online möglich ist.

Dabei war der erste Ansatz von Showstudio eher ein visueller. Nick Knight gründete die Website im Jahr 2000. Von den Grenzen des Printprodukts war er so frustriert, dass er sich seine eigene Plattform baute. Und auf der zeigte er vorwiegend Modefilme, die für Knight das ideale Medium darstellten, um die Dynamik und das Unmittelbare in der Mode, ein Kleid in Bewegung, einzufangen. Showstudio wurde zum Wegbereiter für den Modefilm als Medium in der gesamten Branche.

Mit Lou Stoppard holte sich Nick Knight eine Redakteurin ins Boot, die für die Plattform brennt. Sie reizt der Anspruch, Mode in einen breiten sozio-kulturellen Kontext zu setzen. Sie ist keines dieser Püppchen, die schon immer besessen von Mode waren und die Kioske nach der neusten Vogue durchsuchten. Ihr Lebenswunsch: Schriftstellerin werden. Sie studierte an der Oxford University Geschichte, besuchte das renommierte Central Saint Martins College of Art and Design und übersprang bei ihrem ersten Job gleich einmal ein paar Hierarchiestufen:

Als Modejournalist Alexander Fury für einen Job bei Katie Grands poppigem Style-Magazin Love Showstudio verließ, nahm sie als Praktikantin seine Position ein. Obwohl ihr die Erfahrung fehlte, glaubte Nick Knight an die Master-Absolventin und traute ihr gleich mal ein Interview mit dem Kritiker Tim Blanks zu. Sie sprach mit Stylistin Katy England über die Beziehung zu ihrem verstorbenen Weggefährten Alexander McQueen und Dazed & Confused-Gründer Jefferson Hack brachte sie mit ihrer Frage, ob er sich eigentlich für einen coolen Typen halte, anscheinend so aus dem Konzept, dass der ihr doch glatt „Go fuck yourself!“ entgegnete.

Der einzige Interviewpartner, der sie vorab ein wenig aus der Ruhe brachte, war Rapper Kanye West. Dieser zog beim Live-Interview für die Videoplattform nicht nur ein ungewohnt großes Publikum an, sondern entpuppte sich auch noch als nicht gerade einfacher Gesprächspartner. Es gilt als allgemein bekannt, dass West zu endlosen Monologen neigt, wenn er sich missverstanden fühlt. Doch Lou Stoppard, ganz Perfektionistin, wollte den unterschiedlichen Ansprüchen der Zuschauer gerecht werden. Als nach dem Interview die Anspannung abfiel und Twitter positive Resonanzen zeigte, brach sie unerwartet in Tränen aus.

Lampenfieber vor einem Interview bekommt Lou Stoppard nicht mehr. Aber ihr liegt immer noch am Herzen, dass sich ihr Gegenüber wohlfühlt. Einen Journalisten geht sie daher härter an als einen Kreativen, der sich nicht bevorzugt mit Worten ausdrückt. Und sie beherrscht ihr Metier wahrlich: Stets gut vorbereitet entlockt sie ihren Gesprächspartnern die Antworten. Ist sie noch nicht zufrieden, fragt sie weiter, ohne unaufdringlich zu wirken. Wahrscheinlich ist es Stoppards größte Stärke, sich in Zurückhaltung zu üben, informiert und analytisch, interessiert, aber nicht eingenommen von der Mode und ihren Größen zu sein.

Besonders spannend findet sie selbst übrigens ihren Arbeitsplatz, weil Showstudio dem widerspricht, wie andere Medien sich gemeinhin das Internet zu Nutze machen. Die Inhalte sind teils Internet-unfreundlich: Anstatt die Kanäle mit kurzen, spritzigen Clips zu befeuern, laufen Fotoshoots kontinuierlich über drei Tage und Interviews überdauern gerne mal einen Spielfilm. Ziemlich hochgeistig für das Massenmedium Internet. Und so erscheint das Konzept von Showstudio für die Mehrheit der Internet-User, laut Stoppard, immer noch zweifelhaft. Auf Klicks ist Showstudio, erfreulicherweise, nicht angewiesen. Nick Knight finanziert das Herzensprojekt mit seinem Privatvermögen, ausgewählten Sponsoring-Projekten und dem E-Commerce-Shop auf der Website.

Für Stoppard endet die Neugierde natürlich nicht mit ihrer Arbeit für Showstudio. Noch bis April läuft ihre erste Ausstellung Mad about the Boy in der Fashion Space Gallery in London. Es ist Stoppards bildhafte Studie über die Liaison von Mode und Jugend. Und 2017 soll ich erstes Buch erscheinen. Worum es geht? Natürlich um Interviews. Allerdings reizen sie hierbei weniger ihre Interviewpartner als die Art und Weise, diese Gespräche zu führen. In jedem der Buchkapitel tauscht sich ein Pärchen aus, schriebt sich Briefe, sendet sich Skizzen. Stoppard steht dabei unterstützend zur Seite.

Die Jungredakteurin tritt nicht gern auf der Stelle. Ihren Hörsaal will sie dennoch nur ungern verlassen und kann sich durchaus vorstellen, auch noch in zehn Jahren von ihren Mentor Nick Knight zu lernen – und für Showstudio zu arbeiten.

Erstmals erschienen in der Achtung Ausgabe 31