Berlins Alexander Platz in Zeiten des Lockdowns. Fotografiert von Gregor Hohenberg für Achtung Digital.

Learning from the Past Part 6

Zum Abschluss unserer Interviewserie sprach unsere stellvertretende Chefredakteurin Nicole Urbschat mit Destinationhandels Pionier Andreas Murkudis, der in Berlin schon mehrfach neue Nachbarschaften zum Einkaufen definiert hat und viele interessante Modemarken in Berlin eingeführt hat. Wie immer, erweist sich Murkudis als Vordenker. Das Protokoll gibt’s hier:

Eine Entschleunigung würde der ganzen Modewirtschaft guttun. 

Was ich mir wünsche? Nur noch zwei Kollektionen im Jahr, die zum richtigen Zeitpunkt präsentiert werden. Zwei Wochen jeweils im Januar und Juli in Paris und Mailand zu sein, anstatt das ganze Jahr über durch die Welt zu reisen, um Cruise-, Pre-Fall-, Frühjahr/Sommer- und Herbst/Winter-Kollektionen anzuschauen. 

Bedenkt man, dass ein kreativer Kopf wie J.W. Anderson 12 Kollektionen im Jahr für Loewe und sein eigenes Label, für Männer und Frauen entwerfen muss, bedeutet dies, dass er eigentlich jeden Monat eine komplette, neue Kollektion kreiert. Obwohl er talentiert ist, so viele geniale Teile kann man gar nicht entwerfen. Wo sollen bei diesem Tempo die Ideen herkommen? Wan gibt es die Zeit sich wirklich inspirieren zu lassen? Die entstandenen Entwürfe noch einmal zu reflektieren? Selbst wenn Du ein super Team hast, auch dies muss angeleitet und die Entwürfe müssten zusammengefügt werden. 

Bei nur zwei Kollektionen im Jahr hätten Designer mehr Zeit eine Kollektion zu entwerfen, die stimmig, durchdacht und relevant ist. Teilweise werden 52 Looks in einer Schau gezeigt, im Showroom hängen dann 800 Teile, von denen maximal zwei Drittel tatsächlich produziert werden.  Generell wissen auch die Brands doch schon vorher, welche Looks wirklich stark sind und welche nicht. Warum die Schwachen nicht gleich weglassen? Das spart Ressourcen.

Andreas Murkudis führt jetzt seit 2011 seinen Concept Store in einem Hinterhof in der Potsdamer Straße in Berlin. Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz.

Die Menschen werden in den nächsten Jahren definitiv weniger kaufen. Etwas was ich durchaus befürworte, da es für mich kein Problem wäre, einfach weniger einzukaufen. In Zukunft wird es eher darum gehen, dauerhafte Lieblingsteile zu kreieren, so wie ich in meinem Schrank Teile habe, die 10-20 Jahre alt und heute noch so toll wie damals sind. 

Viele werden momentan darüber nachdenken mit einer Art Basic-Kollektion zu arbeiten, die man mit ein paar modischen Teilen aufwerten kann. Wenn es wie bei Jil Sander beispielsweise den perfekten Anzug gibt, muss man den nicht jede Saison neu entwerfen, den gibt es immer in schwarz und blau und jeweils in einer Sonderfarbe der Saison. 

Guter Schnitt, tolles Material – wenn dies wieder in den Vordergrund tritt, dass man das Teil kauft und nicht die Marke, dann kann man auch auf den ganzen Bombast um das Produkt herum verzichten, was letztendlich dazu führt, dass das Produkt am Ende günstiger wird. 

Ich habe Freunde und Kunden, die mir sagen: „Ich kann mir die Sachen bei Dir nicht mehr leisten, die sind einfach zu teuer geworden.“ Menschen, die allesamt gut verdienen, aber deren Gehalt sich nicht so wie die Preise mancher Teile in den letzten Jahren verdoppelt hat. Dieser ganze Overhead, die etlichen Showrooms, die grossen Shows, der immense Marketingaufwand der letzten Jahre, dies alles wurde auf den Preis des Produktes umgewälzt. Wenn jemand wie Chanel so wahnsinnig aufwendige Shows macht, dann zahlt das am Ende der Kunde. 

Der Store bietet internationale Luxus Brands wie Dries Van Noten und Yohji Yamamoto an. Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz.

In den 90ern fanden die Shows in den Zelten in den Tuilerien statt. Schwarze Sitzbänke, weisses Zelt – für jede Marke, jede Kollektion dasselbe Setting. Eine Konzentration auf die wesentlichen Dinge. Heute übertreffen sich die Marken jede Saison aufs Neue mit den spektakulärsten Locations und Events in Paris. Wenn man dies unter CO2-Gesichtspunkten betrachtet, ist das eine Katastrophe. Und nicht nur das, da werden Millionen verbaut, die dann hinterher entsorgt werden oder in irgendein Lager kommen. Eine einzige Verschwendung von Ressourcen und Arbeitskraft. 

Brauchen wir diese Form der Show in Zukunft wirklich noch? Sicherlich ist es wichtig, insbesondere für Journalisten die Inspiration hinter der Kollektion zu erfassen und für die Kunden, in diese Welt einzutauchen, aber wäre es nicht auch eine Möglichkeit, eine kleinere, persönlichere Präsentation für die Presse und den Einkauf zu machen, plus einen gut gemachten Inspirations- und Kollektionsfilm. Warum müssen alle Needs in eine einzige bombastische Show verpackt werden? 

Mir ist vor allem der persönliche Austausch mit den Marken, mit denen ich zusammenarbeite, wichtig, dazu brauche ich keine Show, das zeigt die Zeit jetzt, ein Telefonanruf, ein persönliches Gespräch, reicht da manchmal aus. Viele Kollektion lassen sich auch ordern, ohne dass man dazu irgendwo hinfahren muss. Es bräuchte dazu aber mehr. Filme, welche die Firmen selbst produzieren, in denen ein Model die Kollektion trägt und man sehen kann, wie der Stoff fällt, plus Nahansichten, die den Stoff und die Details noch einmal präsentieren. Alles möglich. 

Neben der Mode verkauft Murkudis auch Accessoires und Kosmetik. Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz.

Was meine persönliche Zukunft und die des Einzelhandels betrifft, manche Stimmen behaupten, dass es in Zukunft keine Mulitbrand-Shops mehr geben wird. Dann müssten sich allerdings die Monobrand-Shops ändern. Wenn ich weiss in jedem Prada Shop hängen dieselben Teile, auf den gleichen Bügeln, in exakt demselben Interior und ich könnte das Teil genauso gut bequem online bestellen? Moment mal, warum sollte ich in den Shop gehen? 

Ich habe mich schon immer gefragt, warum die Marken ihr Sortiment generell nicht mehr mischen. Rem Koolhaas hat vor 20 Jahren mal einen Laden für Prada in New York gemacht, da konnte man auch andere Dinge kaufen, wie Glas, Accessoires etc. von Marken, die nicht in Konkurrenz zu Prada stehen und Vintage Stücke aus dem eigenen Archiv oder vorherigen Kollektionen, so etwas würde ich mir wünschen, das wäre spannend. 

Darum geht es doch eigentlich: Leute zu überraschen. Am Ende werden nur die Läden überleben, bei denen Du durch die Tür gehst und sagst, ich habe was Tolles, was Neues entdeckt und ich hatte eine gute Zeit. 

Denn wenn die Menschen, wie während dieser Pandemie, nicht mal mehr ihr Haus verlassen, um einzukaufen, sei es Lebensmittel oder Bekleidung, wenn Du sie dann überhaupt aus ihrem Zuhause rauskriegen willst, dann musst Du ihnen mehr bieten als das was sie eh online bekommen können.