Künftig wird nachhaltig gedacht

Mit dem Mode-Hub NEONYT hat die Messe Frankfurt 2009 den Grundstein für einen gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdiskurs in Deutschland gelegt. Zehn Jahre später lässt sich mit der Gründerin und Kreativdirektorin auf der Berliner Fashion Week die Bilanz einer ganzen Branche ziehen

Es brodelt in der Hauptstadt. Während auf den Straßen die Kids der Fridays for Future-Bewegung selbstgebastelte Pappschilder in die Lüfte recken, beweist sich Berlin auch als Schmelztiegel für grüne Mode. Zumindestens hat es Magdalena Schaffrin mit der NEONYT geschafft, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit für einen Moment vom Asphalt auf die Laufstege der Berliner Modewoche zu beamen. Von fairen Arbeitsbedingungen und neuverwerteten Materialien erzählen Messe und Schau, die zuvor noch unter dem Titel Greenshowroom bekannt waren. Im E-Werk verweisen Nachwuchsdesigner unter dem Motto “Wasser” auf den Rohstoffverbrauch der Modeindustrie. Einer Branche, die im Boom schnellkonsumierbarer Kleidung nun mehr denn je auf dem Prüfstand steht. Es geht um Sichtbarmachen von Herstellungsalternativen. Um Kleider, die nicht durch die Hände von Kindern und auf Kosten von Flora und Fauna gefertigt wurden. Für Magdalena Schaffrin ist dieser Nachhaltigkeitswunsch eng an ein Qaulitätsbewusstsein der Konsumenten gekoppelt. Und das aktiviert man am besten mit Langlebigkeit, gutem Design und Rosenblättern.

Achtung Digital sprach im Rahmen der Fashion Week mit Magdalena Schaffrin über die Dringlichkeit nachhaltiger Modeprodukte, Changemaker sowie ihren persönlichen Aha-Moment.

Was bedeuten Fair Fashion oder Sustainable Fashion für Sie?

Für mich bedeuten Fair Fashion, Sustainable Fashion, Green Fashion und Ethical Fashion dasselbe. Die Begriffe beinhalten immer eine Berücksichtigung ökologischer und sozialer Faktoren – in der Produktion, aber auch in Bezug auf Themen wie Kreislaufwirtschaft oder Überproduktion. Daran sieht man die Komplexität von Nachhaltigkeit in der Mode. Sie bezieht sich auf die Lieferkette, das Produkt selbst, dessen Design und den Produktkreislauf. Das mündet auch in der Frage, wie ein Produkt genutzt wird, und ob es wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann.

Nachhaltige Mode ist die Antwort auf welches Problem?

Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Textilwirtschaft insgesamt die zweitgrößte umweltverschmutzende Industrie nach der Ölindustrie auf dieser Welt ist. Dafür kann nachhaltige Mode Lösungen anbieten.

Welche Kriterien und Zertifikate gibt es, damit ein Modeprodukt als „nachhaltig“ bezeichnet werden kann?

Ich möchte Konsumenten dazu animieren, in den Innenetiketten nachzuschauen, aus welchem Material ein Kleidungsstück gemacht ist und wo es hergestellt wurde. Handelt es sich bei dem Material um einen Bio-Stoff wie Organic Cotton, Organic Wool, Tencel oder Recycled Polyester? Das sind Indikatoren für nachhaltige Mode. Wenn man zusätzlich soziale Kriterien berücksichtigen will, kann man auf das Zeichen der Fair Wear Foundation oder Fairtrade achten oder sich an dem GOTS-Siegel orientieren. Es geht aber auch darum zu fragen, von welcher Marke die Kleidung eigentlich stammt und ob diese grundsätzlich eine Nachhaltigkeitsstrategie fährt.

Der Umgang mit Chemikalien im Herstellungsprozess hat sicher nicht nur Auswirkung auf die Arbeitsbedingungen. Inwiefern wird von nachhaltigen Produkten auch ein fairer Umgang mit der Natur erwartet?

Gleich vorweg: nicht alle Chemikalien sind schlecht. Nachhaltig bedeutet nicht chemikalienfrei. Man muss genau hinschauen, welche Substanzen eingesetzt werden und ob diese in Wasser, Luft oder Boden gelangen. In ihrer Detoxkampagne hat Greenpeace eine Liste schädlicher Chemikalien veröffentlicht, die bis 2020 aus den Lieferketten entfallen sollen. Das ist ein radikaler Ansatz, der sich an Hersteller und Konsumenten einfach kommunizieren lässt. Dabei ist das Ziel, Transparenz zu schaffen und zunächst Unternehmen erkennen zu lassen, welche Schadstoffe in ihrer Produktion enthalten sind.

Faire Mode zum kleinen Preis – gibt es das eigentlich?

Unbedingt. Es existieren zwei Bereiche, in denen Nachhaltigkeit schon relativ etabliert ist. Das ist zum einen die Sportswear- und Outdoorindustrie und zum anderen Mode im Billigsegment. Da haben sogar die großen Discounter Biobaumwolle in ihr Angebot integriert.

Wie sieht es im Luxusbereich aus?

Es gibt viele Marken, bei denen hinter verschlossenen Türen in den letzten zehn Jahren fundiert gearbeitet wurde. Die Kommunikation nach außen passiert aber erst jetzt, wo das Thema salonfähig geworden ist. In der Branche war lange nicht klar, ob die Nachhaltigkeitsthemen das Markenimage schädigen könnten.  Heute ist klar, dass vor allem die jüngeren Zielgruppen die Verantwortung der Marken erwarten.

Designer nachhaltiger Mode verwenden mitunter Fischernetze, Obstreste und Glasstücke. Welche fairen Marken sollte man unbedingt auf dem Schirm haben?

Beim Thema Upcycling gibt es eine Reihe von coolen Brands: Heron Preston ist als Art Director von Kayne West bekannt, macht aber seit ein paar Jahren seine eigene Brand. Christopher Ræburn ist auch schon seit zehn Jahren dabei und Fade Out ist eine kleine Brand aus Neukölln, die viel mit Denim arbeiten. Ecoalf und Norwegian Rain stellen ihre Kollektionen aus recycelten Garnen her, ebenso Mud Jeans, die auch ein Leasing-System für ihre Jeans anbieten. Im Jeans-Bereich würde ich sonst noch Kings of Indigo und Haikure nennen. Fonnesbech mag ich gern vom Style, die Brillen von Neubau auch und EKN und Veja Sneakers. Und natürlich die Parley for the Oceans Initiative.

Magdalena Schaffrin hat den Greenshowroom 2009 gegründet Foto: Lieblingsportrait

Wann wurde Ihnen persönlich klar, dass Mode künftig nachhaltig gedacht werden muss?

Ich wurde durch mein Elternhaus und meine Kindheit sehr geprägt. Meine Eltern waren in einer Umwelt- und Friedensbewegung aktiv. Das hat sich in meinem Wertesystem fest verankert und äußerte sich vor allem dann, als ich mein Modedesign-Studium beendet hatte. Da wurde mir klar, dass ich in keiner Industrie arbeiten möchte, die eine schädliche Umweltauswirkung hat und gleichzeitig so unmenschlich agiert. Ab dem Moment habe ich nach coolen grünen Labels als Arbeitgeber gesucht. Weil ich in diesem Bereich keinen Job finden konnte, entschied ich mich für die Selbstständigkeit und gründete mein eigenes Label. Und dann später den Greenshowroom, das Vorgängerformat der Neonyt.

Die Neonyt gilt als größte Messe für Green Fashion. Wieso hat sich gerade Berlin zum Standort für nachhaltige Mode entwickelt?

Das liegt an den Leuten, die hier sind aber auch daran, wie sich Berlin im internationalen Kontext positioniert. In Deutschland gibt es schon länger ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit. In den 70ern gab es bereits viele Leute die aktiv waren.  Und das haben international auch die anderen Fashion Weeks gesehen und sind ebenfalls losgeprescht. Paris, Kopenhagen, Helsinki, New York und Mailand – es gibt überall Initiativen, die verstanden haben, dass Nachhaltigkeit eines der großen Zukunftsthemen ist. Wir haben 2009 einen guten Grundstein gelegt und eine Veranstaltung mit einer gewissen Strahlkraft entwickelt. Mittlerweile zeigen auch die anderen Veranstalter ihr Interesse an dem Thema. Es braucht eben persönliches Engagement und Changemaker.

Was muss passieren, um Fair Fashion noch populärer auf dem Markt zu machen?

Die nachhaltigen Kollektionen müssen genauso gut aussehen und stylisch sein, wie alle anderen auch. Niemand kauft etwas, weil es nachhaltig ist, sondern, weil es cool ist und Spass macht. Das muss die nachhaltige Mode erfüllen. Und: für jede Art von Kleidung gibt es inzwischen eine nachhaltigere Alternative.