Wertanlage: Gucci Loafers

Die Kolumne Wertanlage begleitet uns bei ACHTUNG schon seit ein paar Jahren. Zeit, unsere Hymne an ein unersetzliches Objekt der Begierde, endlich vom Papier in die digitale Welt zu heben

Ich gehöre nicht gerade zu den Menschen, die sich, wie Tom Ford, schon mit zwölf ein Paar Gucci Loafers zum Geburtstag wünschten. Im Gegenteil: Aufgewachsen in einem Vorort von Hamburg, dessen Stadtgrenze die Upper-West-Side des Elbadels mit ihren weißen Herrenhäusern nur um ein paar Meter von der Provinz trennte, war meine größte Errungenschaft ein dunkelblauer V-Pullover des Hamburger Germania Ruderclubs meines Vaters. Viel zu groß, viel zu alt und trotzdem der Stolz meiner Jugendjahre. Trug ich mit ihm doch ein Emblem auf der Brust, das mich in meiner vorpubertären Vorstellungskraft ebenso adelte wie die königsblauen Siegelringe, die mir auf dem Schulhof meines Großstadt-Gymnasiums entgegen gehalten wurden. Meine Mitschüler waren Popper. Erkennungszeichen: Kaschmir-Pullover, untergezogenes Lacoste Polohemd, Burlington-Socke, Chino-Hose von Closed.

Ein Objekt ihrer Begierde hatte es mir besonders angetan: die Loafers. In meinen Augen, Schuhe, auf denen ein Gentleman stand. Das Original von Bass, deren Penny Loafers in den 30er Jahren zum klassischen Schuh der Preppy-Boys der Ivy League wurden, die britischen Upper-Class-Modelle von Church’s oder eben jene Gucci Slipper mit der Miniaturtrense auf dem Rist, die ebenso Mr. Ford um den Verstand brachten. Originale aus edlem, hartem Kalbs- oder zumindest Schweinsleder, immer rahmengenäht, niemals mit Noppensohle und nur in Ausnahmefällen aus Wildleder. Die trugen schließlich nur Makler und Bänker, die ihren Urlaub auf Sylt schon als Inbegriff von Jet-Set empfanden. Mit ihnen bewegten sich die Jungs aus meiner Schule nicht wie ein Durchschnitts-Deutscher, sie gingen nicht, sondern schwingten leicht, locker-flockig über den Asphalt. Der Inbegriff von Coolness.

In ihnen manifestierte sich für mich das stilvolle Leben hinter den großen Mauern entlang der Elbchaussee, die ich auf der Rückbank unseres tannengrünen Opel Kadett Kombi passierte. Wer dort aufwächst, ist vielleicht nicht besser, aber immerhin besser angezogen; kann segeln, Ski fahren, auf Enten schießen und würde zu Loafers nie niemals Socken tragen. Popper sein, war für mich nur eine Idee. Für die meisten meiner reichen Schulfreunde war es etwas, was man schmecken, riechen, anziehen konnte. Es schmeckte nach Cocktails am Nachmittag, roch nach dem Leder fester Schuhe und Holzscheiten im glühenden Kamin. Auf der Haut fühlte es sich an wie die Baumwolle der Button-Down-Hemden von Brooks Brothers oder Ralph Lauren. Mein Glücksversprechen waren die Etikette ihrer Innentaschen, was spätestens mit 14 sein jähes Ende fand.

Warum? Weil man ziemlich schnell herausfindet, dass sich zu HipHop und Acid House einfach besser tanzen lässt als zu Songs von Spandau Ballet und Duran Duran. Und weil man irgendwann weiß, dass protestantische Popper nicht gerade die Meister im Spaß haben sind. Dass jede andere Gruppe, die Dorfprolls, die Punks, lautere Feste feiern, lustigere Witze reißen und bessere Drogen nehmen. Und das die unbedeutende Provinz der Vorstadt vielleicht einfach die bessere Vorraussetzung ist, um unbeobachtet Dinge und kompromisslos Stile reifen zu lassen als all die vorgegebenen, stets verfügbaren Rituale und Codes ihrer Welt. Trotzdem, ein Paar Gucci Loafers, das kühne Hervorblitzen des nackten Knöchels unter hochgekrempelten Hosenbeinen, finde ich immer noch verdammt heiß. Aber bitte nur bei Jungs und Mädchen, die sich nicht zu ernst nehmen. Anders ließe sich die momentane Fell-Re-Edition des Klassikers von Alessandro Michele wahrscheinlich auch nicht tragen. Denn alle anderen wandeln immer noch, auch in perfekt sitzenden Loafers, am Rande der Lächerlichkeit.