Seit 2007 überrascht das aus München stammende Fotografen-Duo — bestehend aus Patrick Bienert und Max von Gumppenberg —die internationale Modebranche immer wieder aufs Neue. Sei es mit ihren Fotoproduktionen für Carine Roitfelds CR Fashion Book, Another Magazine oder Dazed & Confused. Vor drei Jahren fanden die beiden ihren Weg in die Hauptstadt der Ukraine und dokumentierten dort fotografisch ihre Abenteuer. Heraus kommt nun ein Buch: Wake Up Nights – ein Sammelsurium an Momentaufnahmen von Jugendlichen beim Feiern, roh und authentisch. Und dazu zeitlich noch so passend. Noch bevor die Ostblock-Mode ihren Höhepunkt erreichte, Designer wie Gosha Rubchinskiy oder Demna Gvasalia das Modesystem aufrüttelten, konnte das Duo die Anfänge der Bewegung fotografisch festhalten. Jetzt stellen Bienert und von Gumppenberg in Berlin Mitte ihre Arbeiten aus und sprachen mit Achtung Mode über ihre Erlebnisse.

Was hat Euch dazu bewogen, in die Ukraine zu reisen, um dort das Leben der Jugend zu dokumentieren?

Nach vielen Reisen in den Osten von Europa und einer Umrundung des schwarzen Meeres kamen wir über Odessa nach Kiew und haben dort einige der Jugendlichen kennengelernt. Es haben sich über die Zeit viele Freundschaften entwickelt. Auf den Reisen sind auch natürlich mehrere Bilder entstanden und irgendwann kam dann die Idee für ein Buch.

Welche Rolle spielt Rave im Leben der jungen Generation aus Kiew?

Für viele der Jugendlichen spielt das Nachtleben, wie in vielen westeuropäischen Städten auch, eine große Rolle bei der Identitätsfindung. Die Gruppe, die wir begleitet haben, ist in einem ganz normalen Alter der Selbstfindung. Die finanzielle Krise nach der Revolution im Jahr 2014 begrenzt allerdings die Möglichkeiten. Beim Raven existiert ein Freiraum, den sich die Jugend selbst geschaffen hat. Eine Möglichkeit auszubrechen und den Moment zu leben.

War es einfach für Euch, die Undergroundszene kennenzulernen und Teil des Geschehens zu werden?

Generell sind die Jugendliche dort sehr offen und interessiert. Am ersten Abend waren wir im „Closer“ und sind dort relativ schnell mit einer Gruppe ins Gespräch gekommen. Die entstandenen Freundschaften waren letztendlich auch ausschlaggebend für die Realisierung des Projekts.

Wie habt Ihr die Spuren der Vergangenheit auf den Straßen von Kiew erlebt?

Manchmal kommt das Gefühl einer Zeitreise auf. Die dunklen Schatten der Vergangenheit der Sowjetunion sind oft noch in der Architektur sichtbar und viele der älteren Generation schauen wehmütig auf die sozialistische Zeit zurück.

Wie denkt Ihr, werden die jungen Leute die Ukraine verändern?

Wir denken, der ukrainischen Jugend geht es um die Hoffnung und den Mut etwas Neues anzufangen. Wörter wie Hedonismus im Bezug auf die junge Generation trifft es daher nicht so ganz trotz Raven. Die meisten Generationen verändern etwas. Aber was das kann nur die Zeit zeigen.

Einflüsse des osteuropäischen Lifestyle haben in den letzten Jahren die High-Fashion-Szene ziemlich erobert. Wie steht Ihr zu diesem Phänomen?

Durch die sozialen Medien finden auch die Jugendlichen aus den osteuropäischen Ländern mehr Gehör. Diese neuen Möglichkeiten sind eine Chance für viele, die sonst nicht die Möglichkeit hätten international gesehen zu werden. Hoffentlich kann dieser kulturelle Austausch durch die Mode Brücken schlagen und der Türöffner für einige der Jugendlichen sein.

Modeschöpfer wie Vetements oder Gosha Rubchinskiy bedienen sich subkultureller Designelemente? Wie authentisch spiegeln solche Modelabels den Zeitgeist und das Leben dieser jungen Leute wieder?

Unserer Meinung nach hat die Mode, die hier angesprochen wird, nicht mehr viel mit dem wirklichen Leben in Kiew und der Ukraine zu tun. Die Inspiration, zum Beispiel die kyrillische Schrift und die grundlegende Idee von Second-Hand-Mode, schon. Aber eine Jeans für den Preis von 1.500 Euro zu kaufen, spiegelt nicht das Leben der jungen Leute wieder.

Eure Bilder balancieren zwischen Dokumentarfotografien und Modefotografien, wie seid Ihr zu diesem Zusammenspiel beider Arten der Fotografie gekommen? 

Dokumentarfotografie und Reisen sind unsere Leidenschaft. In der Mode haben wir versucht eine Balance zu finden, die es uns ermöglicht in viele Länder zu reisen und verschiedene Kulturen besser kennenzulernen. Eine persönliche Verbindung und ein persönliches Interesse an einem Thema sind Aspekte beim Fotografieren, die für uns beide essentiell wichtig sind.

Was war der einprägsamste Moment, den Ihr während der Realisierung Eurer Fotoreihe erlebt habt?

Es lässt sich schwer auf einen Moment reduzieren, eher auf das wiederkehrende Gefühl von Zusammenhalt und die Freude den Augenblick zu leben. In westlicheren Metropolen überwiegen öfter soziale Richtlinien oder Zwänge, die in der Ukraine weniger existent sind. Die Reise war eine sehr schöne Erfahrung und diese Zeit miterleben zu dürfen, war ein Privileg. Aber das Beste sind wohl die neuen Freunde, die wir gefunden haben.

Patrick Bienert und Max von Gumppenbergs Ausstellung „WAKE UP NIGHTS“ läuft bis zum 07. April 2018 in den Capitis Studios in der Kronenstraße 71 in Berlin Mitte.