Schon immer Pionier

Das Berliner Label Kaviar Gauche entwirft Kleider mit Couture-Charakter und folgt so der Mode Richtung Zukunft

Als die niederländische Trendforscherin Lidewij Edelkoort im Frühjahr diesen Jahres in ihrem viel besprochenen „Anti_Fashion“-Manifest verkündete, die Mode sei tot, entfachte sie damit mal wieder den nicht ganz neuen Diskurs über das dem Untergang geweihten System Fast Fashion, das sich durch immer niedrigere Preise, schneller zirkulierende Trenderscheinungen und eine generell herrschende Profitgier selbst entwertet hätte. Noch spannender als die von ihr angeprangerte kleidsame Inflation ist, dass Frau Edelkoort ironischerweise indirekt aber doch eine Zukunft für die Mode prognostiziert. Diese läge in einer Konzentration auf die Perfektionierung einzelner Produkte, in der Couture – und das spürt man tatsächlich allerorts.

Die Pariser Haute Couture sonnt sich seit einigen Saisons in neuem alten Glanz; mit der Dokumentation „Dior und ich“, die zur Berliner Modewoche im Juli in deutschen Kinos startet, wird das Pariser Traditionshaus eine bildgewaltige Liebeserklärung an die höchste aller Schneiderkünste zelebrieren. Genauso wie Michael Michalsky, der den Rahmen der Fashion Week nutzen möchte, um die Neuausrichtung seines Labels mit der Präsentation einer Couture-Kollektion unter dem neuen Namen „Atelier Michalsky“ zu feiern.

Zum Feste nur das Beste

Hin zur Fokussierung auf ein Produkt; zu aufwändigen, handwerklichen Elementen, die der Couture entliehen werden: die Strategie verfolgt man bei Kaviar Gauche nicht erst seit gestern. Das Steckenpferd der Designerinnen Alexandra Fischer-Röhler und Johanna Kühl ist seit sechs Jahren das Brautkleid – ein Gewand, dessen Beständigkeit einleitender, feierlicher Anlass dem Prinzip Fast Fashion in jederlei Hinsicht widerspricht. Für das Berliner Label und ihre „Bridal Couture“ bedeutet das jede Menge zarte Spitze, bauschiges Tüll, romantische Blütenwelten und eine starke Orientierung an zeitgenössischen Silhouetten; Kleider, die im Berliner Atelier in traditioneller Handarbeit angefertigt werden.

2004 zunächst nur mit einer Prèt-à-Porter-Linie gegründet, erarbeiteten sich Fischer-Röhler und Kühl, die mit Kaviar Gauche mit einer Guerilla-Fashionshow vor dem Pariser Departmentstore Colette debütierten, bald den Status des Internationalen, Kosmopoliten, Professionellen „Made in Germany“,womit sie in der deutschen Hauptstadt bis heute eine der wenigen Ausnahmen geblieben sind. Ihre Kollektionen, stilistisch stets eine Mischung aus nordischer Unterkühlung und Pariser Bohème, werden von Stars wie Heike Makatsch, Florence Welch und Rosie Huntington-Whiteley über die roten Teppiche der Welt getragen und in ihren mondänen Flagshipstores in München und Berlin setzt man auf fürsorgliches Personal plus persönliche Appointments, bei der die Garderobe nicht selten an den Leib der Trägerin angepasst wird.

Wir erhielten gelegentlich Anfragen von Kundinnen, die uns fragten, ob wir nicht auch ihr Hochzeitskleid entwerfen könnten. Als sich diese häuften, führte eins zum Anderen.

Auch durch die Stilisierung der beiden Designerinnen selbst, die sich mit ihren rotschimmernden Haaren und einer Uniform aus heller Seidenbluse und tailoriertem Beinkleid in der letzten Dekade optisch angenähert haben und so das distinguierte Image ihrer Marke hervorragend selbst verkörpern, erzeugt Kaviar Gauche eine gewisse Aura des Glamours, in der sich die zahlkräftige Kundin gerne suhlt. Kaum verwunderlich, dass sie es war, die den entscheidenden Anstoß gab, neben der Prèt-à-Porter 2009 eben auch eine eigene „Bridal Couture“-Linie zu lancieren.

„Damals erhielten wir gelegentlich Anfragen von Kundinnen, die uns fragten, ob wir nicht auch ihr Hochzeitskleid entwerfen könnten. Als sich diese häuften, führte eins zum Anderen“, erzählt Alexandra Fischer-Röhler, als Achtung Digital die beiden Designerinnen in ihrem Berliner Showroom besuchte. „Puderige Töne, die Farbe Weiß und aufwändige Spitze waren sowieso schon immer wesentliche Elemente unserer Kollektionen, da lag das praktisch sogar nahe“, ergänzt Johanna Kühl.

In schlechten Zeiten rücken die Menschen enger zusammen

Ein maßgefertiges, modisches Brautkleid, an dem eine Schneiderin schon mal drei Wochen arbeitet, noch dazu von einem angesagten Berliner Label – das ist eine echte Nische. „Mit unseren Bridal Couture-Kollektionen haben wir einen Unique Selling Point gefunden. Mittlerweile generieren wir mit der Linie etwa fünfzig Prozent unseres Umsatzes“, so Fischer-Röhler. Dass es nicht nur international, sondern auch in Deutschland immer mehr Kundinnen gibt, die für ein Kleid, das sie nur einmal im Leben tragen werden, bereit sind, bis zu 10.000 Euro auszugeben, kommt ihnen natürlich zu Gute.

Genau wie der Umstand, dass das Heiraten als solches über die letzten Jahre ohnehin zu einem immer beliebteren Lifestyle-Spektakel geworden ist. Ihren Erfolg erklären sich Fischer-Röhler und Kühl auch mit dem Umstand, dass Traditionen wieder ganz anders in der Mode angekommen seien. „Unsere Brautlinie, die verstärkte Nachfrage nach Hochzeitskleidern, startete ungefähr zeitgleich mit der Wirtschaftskrise. In schlechten Zeiten rücken die Menschen eben wieder enger zusammen und fokussieren sich auf die Dinge, die einem Halt geben im Leben“, vermutet Fischer-Röhler.

Weil sie mit ihrem couturigen Atelier-Charakter so gut fahren, übertragen die beiden das Konzept nun auch verstärkt in andere Bereiche bei Kaviar Gauche. Im Rahmen der Berliner Modewoche im Januar dieses Jahres präsentierten die Rotschöpfe so eine Evening-Kollektion mit dem Titel „A hint of Grace“, die sich als eine Art Capsule-Kollektion zwischen Evening-Wear, der Bridal Couture und der Occasional Wear positioniert. Elemente der Couture sollen dann auch in die kommende Prèt-à-Porter-Kollektion mit einfließen.

Mit Spitzen-Applikationen, Stein- und Federverzierungen, soften Volants und einer Verwendung von Stoffen wie Chiffon, Organza und Seidentüll funktionierten die Roben auch hervorragend vor dem Traualtar, sind aber primär für andere, wenn auch nicht weniger prächtige Veranstaltungen gedacht. „Die Zielgruppe für unsere Evening-Dresses ist eine sehr Spezielle“, meint Fischer-Röhler. „Es ist natürlich eine gehobene Preisklasse. Viele unserer Kundinnen aus dem Abend-Bereich kommen etwa aus der Schweiz, aber auch hier zu Lande gibt immer mehr Frauen, die einen Anlass und ein Interesse daran haben“, ergänzt Kühl.

„Dennoch müssen wir natürlich schauen, wie erfolgreich die Evening-Kollektion wird. Wie bei der Bridal-Couture handelt es sich schließlich um Maßanfertigungen und wir verkaufen ausschließlich über uns selbst. Mit der Brautmode haben wir uns ein gutes Standig erarbeitet – wir hoffen, unseren Erfolg fortsetzen zu können“, so Fischer-Röhler. Glaubt man den Trend-Prognosen von Lidewij Edelkoort, dürften die Damen von Kaviar Gauche sich da eigentlich keine Sorgen machen.

Alle Fotos: John Brömstrup exklusiv für Achtung Digital