Kathleen König ist Haltbar

Seit mehr als einer Dekade gestaltet die Wahlmünchnerin beständige deutsche Mode fernab großer Industrie. Protokoll einer Begegnung

2001 habe ich das Label Haltbar gegründet. Die Grundphilosophie hat sich seitdem nicht verändert: Haltbar steht für zeitlose, qualitativ hochwertige, in Deutschland produzierte Mode, die oft inspiriert ist von traditioneller Arbeiterkleidung. An dieser schätze ich, dass jedes einzelne Detail, alle Funktionen und Materialien bereits in einem langen Prozess auf ihre Beständigkeit getestet wurden. Was für jeweils unterschiedliche Berufsgruppen kleidungstechnisch als funktional befunden wird, funktioniert somit auch als Fragment in meinen Kollektionen. Für mich ist grundsätzlich wichtig, wie Dinge entstehen – und dass alle, die an einem Produktionsprozess beteiligt sind, auch davon leben können. Meine Produzenten sitzen in Bayern und Thüringen, über die Jahre bin ich sehr mit ihnen zusammengewachsen. Es hat sich ein gegenseitiges Füreinander entwickelt, so entstehen positive Synergien. Für mich ist das mehr als Mode: ein Lebensgefühl.

Ursprünglich war Haltbar als Plattform für Produktdesign gedacht. Damals arbeitete ich noch als Stylistin und Kostümbildnerin, zwischendrin hat man da immer so seine Auszeiten. Die Grundidee war, für mich einen Rahmen zu schaffen, in dem ich innerhalb solcher Leerlauf-Zeiten gestalterisch tätig sein kann. Nach München gekommen war ich für die Liebe – für meinen Freund, mittlerweile haben wir geheiratet. Die bayerische Hauptstadt fand ich damals nicht so prickelnd. Ich glaube, dass es letzten Endes die Stadt war, die mich dazu veranlasste, tatsächlich etwas zu schaffen, um mich abzulenken. Zwei Jahre reifte die Idee, dann teilte ich mich meinem Mann und meinen engsten Freundinnen, einer Grafikerin und einer Goldschmiedin, mit. Alle waren sofort Feuer und Flamme und wollten mitmachen. Mein Mann ist Cutter. Er war zu Beginn zunächst Geldgeber und Muse.

“Meine Kleidung wirkt an der Stange relativ unsexy, sie entfaltet ihre Wirkung erst durch den Träger.”

So habe ich auch Andreas Murkudis kennen gelernt, in seinem damaligen Laden in der Backfabrik hatten wir mit Haltbar unseren ersten Auftritt. Meine erste Begegnung mit Andreas werde ich nie vergessen. Blind-Date-mäßig hatten wir uns in Berlin Prenzlauer Berg verabredet und trafen uns zwischen Krawall und Unruhen: Es war der erste Mai. Mit Andreas Bruder Kostas Murkudis habe ich von 2003 bis 2007 kooperiert, unter dem Namen Haltbar/Murkudis haben wir Mode gemacht. Aus dieser Zeit stammt auch noch die Idee von Unisex-inspirierten Kleidungsstücken, aber unter Haltbar habe ich in den letzten Jahren die Frau weiter ausgebaut, weil diese nach wie vor die stärkere Kundin ist.

Mittlerweile finden sich bei mir auch Blusen und Kleider – wichtig ist mir aber nach wie vor, dass alles im Leben funktioniert und mehr als eine Saison übersteht. Ich freue mich zu sehen, dass meine Kunden mit mir mitwachsen. Sie sind modisch interessiert, aber haben nicht mehr das Gefühl, sich ständig ausprobieren und erfinden zu müssen. Die Garderobe zu ihrer Einstellung finden sie bei mir. Ich liebe Mode, aber mir geht es nicht darum, Fast Fashion“ zu liefern. Meine Kleidung wirkt an der Stange relativ unsexy, sie entfaltet ihre Wirkung erst durch den Träger – und ihre ganze Kraft vor allem dann, wenn er es in sein Leben integriert.

“Irgendwas muss in diesen Räumen sein, was eine gute Kraft hat. Das hört sich so spirituell an, aber ein wenig fühle ich es wirklich.”

Bei Haltbar gibt es Klassiker, die in jeder Saison dabei sind. Ein Parka zum Beispiel, den entwickle ich seit zehn Jahren stetig weiter. Ich fühle, dass er jedes Jahr besser wird. Mittlerweile ist er nicht mehr nur Bekleidung, er hätte vielmehr das Siegel Produkt verdient. Ein Produkt, das braucht nämlich vor allem Entwicklung. Gerne würde ich auch mal wieder in Richtung Produktdesign denken – aber dafür fehlt mir momentan die Zeit. Mit meinem eigenen Laden im Münchener Glockenback-Viertel bin ich mittlerweile im siebten Jahr. Das läuft hervorragend, frisst aber auch viel Zeit. Damals hatte ich mich entschlossen, meine Kollektionen vorwiegend selbst zu verkaufen. Daran koppelte sich die Entscheidung, nur noch zwei Händler zu beliefern, Park in Wien und Murkudis in Berlin, mich also bewusst zu verkleinern – ein ungewöhnlicher Schritt könnte man vermuten, der vorwiegend der schlechten Zahlungsmoral vieler Händler, mit denen ich damals arbeitete, geschuldet war.

An meinem Laden schätze ich alles! Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, gab es noch ein Oberlicht. Ich habe genau in dem Moment zum Fenster reingeschaut, als ein Lichtstrahl einfiel – da war es um mich geschehen. Ich habe mich sofort in den langen Schlauch verliebt. Für mich war klar: Das ist mein Laden. Hinten grenzt der Südfriedhof an. Irgendwas muss in diesen Räumen sein, was eine gute Kraft hat. Das hört sich so spirituell an, aber ein wenig fühle ich es wirklich. In den Hinterräumen ist meine eigene kleine Produktion angeschlossen, hier entsteht schon wieder die Winterkollektion für das kommende Jahr. Es ist toll, alles unter einem Dach zu haben. Vorne, auf der Verkaufsfläche, hängt die aktuelle Saison. Zum Beispiel eine Jacke aus Wollbouclé, oder eine College-artige Bomberjacke aus mit Gore-Tex-beschichtetem Wollflanell. Alles wirkt auf den ersten Blick schlicht, erst bei näherem Hinschauen entdeckt man viele feine Details.

 “Ich habe keine Lust auf Bilder, die vor Körpern wandern. Wichtig ist, seine Visionen zu entwickeln, sofern am Ende die Qualität stimmt und alles einen Sinn ergibt.”

So einen Anspruch stelle ich auch an die Labels, die ich außer Haltbar noch im Laden verkaufe. Momentan sind das zum Beispiel Schals von Traits, Vintage-Brillen von Robert La Roche, Schuhe von Bless, Wallets von Comme des Garçons oder Schmuck von Carmen Boch. Ich mag eben keine Pseudo-Kreativität. Viele Jahre habe ich auch Modedesign gelehrt, in Basel und zuletzt an der Berliner Universität der Künste. Meinen Studenten habe ich zum Beispiel immer gepredigt: Ich habe keine Lust auf Bilder, die vor Körpern wandern. Wichtig ist, seine Visionen zu entwickeln, sofern am Ende die Qualität stimmt und alles einen Sinn ergibt. Hier in München merke ich, wie Stück für Stück alles aufgeht: Der Laden steht und fällt mit mir. Am Anfang habe ich mich gescheut, eine öffentliche Person zu sein. Aber hier bin ich Ich selbst, Designerin und Händlerin. Das hemmt mich nicht mehr, sondern hilft mir weiter. Das Feedback, was ich hier bekomme, ist wahnsinnig schön.