Backstage Foto: MBFWR

In Moskau funkelt der Modestern

Achtung Digital zu Gast auf der Mercedes Benz Fashion Week Russia: Über den Status Quo der Modewoche. Ein Reisebericht, Teil Zwei

Die russische Modewoche unter der Gide der Agentur Artefact gibt es seit 1999, sie befindet sich gerade in der 31. Saison. Seit vier Jahren ist Mercedes Benz als offizieller Partner und Namensgeber mit an Bord. Im internationalen institutionalisierten Vergleich ist die dortige Modeszene also ähnlich zu derjenigen der deutschen Hauptstadt noch relativ jung. Und in gewisser Weise hat die Moskauer Fashion Crowd mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die Berliner: Der offizielle Schauenkalender ist vollgestopft mit Marken, die zwar kommerziell tragfähig sind und eine eigenwillige Form von Glamour zelebrieren, aber nicht unbedingt mit den kreativen Standards auf internationalem Niveau mithalten können. Viele junge talentierte Designer zeigen deshalb lieber gleich im Ausland, haben Showrooms in Paris, Mailand oder London.

In beiden Ländern versuchen frisch ausgerufene Modekammern nach Vorbild von Frankreich, Italien oder den USA deshalb endlich, durch gezielte Programme den nationalen Modenachwuchs zu fördern und Qualitätsstandards zu etablieren – in Russland existiert ein staatlich subventioniertes Modekonzil seit 2014. Natürlich gibt es links und rechts davon allerhand unabhängige Forderungsprogramme und kleinere Wettbewerbe. Die St. Petersburger machen lieber gleich ihr eigenes Ding und in Moskau existieren (je nachdem, wen man fragt) zwei bis drei weitere Modewochen parallel. Dass dem so ist, wird von den Veranstaltern mit dem Stern misstrauisch beäugt, sogar negiert. „Es gibt keine andere Modewoche in Moskau als die Mercedes-Benz Fashion Week Russia“, behauptet Alexander Shumsky, Gründer und Produzent der MBFWR, zunächst gegenüber Achtung Digital – und konkretisiert nach verwunderter Nachfrage: „Nur, weil jemand zwei bis drei Präsentationen zusammenwirft, ist das noch keine Modewoche.“

Alexander Shumsky
Alexander Shumsky

Für Shumsky sei es grundsätzlich wichtig, dass sich Mode auch verkaufe, eine rein kommerzielle Ausrichtung der MBFWR weist er aber konsequent zurück. An erster Stelle stehe immer die Kreativität. „To look for new names, to give to designers new opportunities, to propagandize the Russian fashion within the country and beyond its limits“, wird er so auch auf der offiziellen Homepage der MBFWR zitiert.

„Wir haben jede Saison an die 300 Bewerber, mehr als 50-60 Designer können wir aber nicht zeigen“, so Shumsky weiter. „Wer es letzten Endes in den offiziellen Kalender schafft, entscheidet ein Komitee. Wir wollen dabei aber immer die Waage halten zwischen alten Hasen, die seit Stunde Null dabei sind und jungen Designern, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Natürlich kostet die Teilnahme an einer Modewoche Geld, das muss man sich leisten können. Bei uns trägt der Designer etwa 15 Prozent der Gesamtkosten seiner Modenschau. Im internationalen Vergleich ist das aber sehr wenig. Einige junge Designer laden wir auch ein. Für sie fallen keine Kosten an.“

Wie auf der Berliner Modewoche waren aber natürlich, egal ob auf Einladung oder selbstfinanziert, auch in Moskau sehenswerte Schauen dabei; zu ihnen gehören jene von Alena Akhmadullina und Yasya Minochkina.

 

Alena_Akhmadullina
Alena Akhmadullina S/S16

Alena Akhmadullina

Bereits seit 2001 gibt es das Label der gleichnamigen Designerin Alena Akhmadullina – damit gehört sie auf der MBFWR schon zu den alten Hasen. Auch auf der Pariser Modewoche sind die elegant geschnittenen, wild gemusterten Kollektionen regelmäßig zu sehen, in Russland werden sie  von Stars und Sternchen gern getragen. Den Gästen ihrer vom russischen Märchen „Sadko“ inspirierten Frühjahr-Sommer 2016 Kollektion, die uns auch an Katsushika Hokusais „Die große Welle vor Kanagawa“ erinnert, bot sie als Kulisse ein Wikingerschiff, das den Laufsteg schmückte. Akhmadullinas Ex-Freund Alexander Leonidowitsch Mamut, einer der mächtigsten Oligarchen Russlands, stärkte der St. Petersburg Academy of Technology and Design-Absolventin übrigens anfangs finanziell den Rücken. Heute trägt sich das Label von ganz allein.

  

Die Designerin Backstage vor ihrer Kollektion
Die Designerin Backstage vor ihrer Kollektion

Yasya Minochkina

Die kecke Kreative mit den funkelnden Katzenaugen kennen wir noch von der Kiewer Modewoche. Die Ukrainerin macht Mode, die an Miu Miu erinert: Sixties- und Seventies-angehauchte Schnitte, Cocon-Mäntel, Mini-Kleider und symmetrische Rapport-Muster – in der Vergangenheit auch mal einen Katzenprint, dieses mal sind es Libellenflügel. Präsentieren durfte sie um zwanzig Uhr am Abend: auf der MBFWR die absolute Prime Time. In ihrer Heimat zeigt die Jungdesignerin nach wie vor, in Moskau ist sie aber auch bereits zum dritten Mal dabei. „In der Ukraine habe ich viele Fans und Kunden, es ist meine Heimat. Zusätzlich in Moskau zu zeigen, ist eine tolle Chance, mit meiner Mode noch mehr Menschen zu erreichen. Von den Veranstaltern bekomme ich ebenfalls viel Unterstützung, darüber freue ich mich sehr“, verrät Minochkina Backstage nach der Schau. Auf der MBFWR zeigt sie auf Einladung – bei ihr sitzt das Geld nämlich nicht so locker. „Ich habe keinen Investor. Alles, was ich mit meiner Mode einnehme, fließt direkt wieder in die Produktion der nächsten Kollektion.“