Der Saint Laurent-Kader

Helena Severin ist das Gesicht der aktuellen Yves Saint Laurent Couture Kampagne. Die Österreicherin lebte und arbeitete für sechs Monate mit Hedi Slimane zusammen in Los Angeles

Hedi Slimane erkennt die Zeichen der Zeit: Dem Franzosen mit italienisch-tunesischen Wurzeln ist es gelungen das französische Traditionshaus Saint Laurent aus dem „Schönheitsschlaf“ zu holen und ihm ein 360 Grad Make-Over zu verpassen. Heute ist die Saint Laurent Show das Rockkonzert im Modekalender. Das mag daran liegen, dass Slimane Imagepflege versteht. Er weiß, wer seine Mode präsentieren muss und für die passende Stimmung sorgt. Der Designer ist längst bekannt für ein starkes Casting: Er mag selbstsichere Mädchen, echte Typen, die etwas in ihm bewegen. Eine dieser Mädchen ist die Österreicherin Helena Severin.

Wir von Achtung Mode halten stets Ausschau nach neuen Talenten aus dem deutschsprachigen Raum, also auch unserem Nachbarland Österreich. Internationalen Erfolg haben nur die Wenigsten. Neben Severin hat ein weiteres Austria Model namens Stella Lucia mit dem Schmollmund und den weit auseinanderstehenden Augen einen Fan erster Klasse für sich gewonnen: Givenchy’s Kreativdirektor Riccardo Tisci buchte sie für seine Kampagne und mittlerweile läuft sie für Marc Jacobs und in der Haute Couture Schau von Chanel.

Severin ist Hedi Slimanes Affinités électives. Der Begriff bescheibt die natürliche Sympathie zweier Charaktere, die sich durch geistig-seelische Übereinstimmungen voneinander angezogen fühlen. Der Ursprung dieser Formulierung kommt aus der Chemie, aufgegriffen wurde er als Metapher einer Liebesgeschichte in Johann Wolfgang von Goethes Roman Wahlverwandtschaften. Hedi Slimane definiert damit das Verhältnis zu seinen Musen. In einem kürzlich veröffentlichen Interview mit Yahoo verriet der Designer, dass er sich gern mit einem Kreis aus Modellen umgebe, die ihn faszinieren. Daraus wäre in den vergangenen Jahren eine Gemeinschaft entstanden. Man würde seine Vision verstehen und Teil dieser werden.

Die 18-Jährige Severin stand zuletzt für Slimanes erste Couture Kampagne vor der Kamera und verbrachte sechs Monate mit dem Saint Laurent Designer in Los Angeles. Das Portfolio der Studentin für Literatur-und Kulturwissenschaften lässt sich sehen: Durch Slimanes Anerkennung erregte das Mädchen mit den Knopfaugen und dem melancholischen Blick, der vornehmen Blässe und der knabenhaften Figur die Aufmerksamkeit rivalisierender Häuser. Sie lief für Lanvin und Givenchy und schaffte es innerhalb von zwei Jahren mehrfach in die Vogue.

Entdeckt wurde Severin mit 13 Jahren beim Pizza Essen in Berlin: „Mich hat ein Agent angesprochen, aber ich bin gar nicht weiter darauf eingegangen. In dem Alter hat man noch andere Dinge in Kopf.“ Als sie als Teenager häufiger gefragt wird, ob sie nicht modeln wolle, packt sie die Gelegenheit beim Schopfe und stellt sich bei ihrer Wiener Mutteragentur vor. In Paris wird sie bei Viva für ein paar Monate unter Vertrag genommen und für drei Tage nach Los Angeles geschickt, um sich beim dort ansässigen Slimane vorzustellen.

Die Erfahrung beschreibt sie als surreal: „Wir haben nicht mal einen Satz miteinander gewechselt. Ich glaube fast, wir haben uns nicht mal begrüßt. Ich bin Auf-und Abgelaufen und dann wars das auch wieder. Ich war verdutzt und habe nicht ganz verstanden, warum mich jemand für drei Tage ans andere Ende der Welt schickt und dann nicht mal Fragen stellt.“

Slimanes Entscheidung war widerum eindeutig: Er wollte Severin für seine nächste Show. Seitdem lebt sie aus dem Koffer, spricht gerade noch französisch und wacht am nächsten Morgen in Los Angeles auf. Ihr Job verlangt Flexibilität, es gibt nie einen konkreten Plan: „Es wird erwartet, dass du permanent bereit stehst, du wirst wie ein Erwachsener behandelt, obwohl du ein Kind bist und du sollst gleichzeitig deinen inneren Frieden bewahren. Helena macht sich dabei gut. Sie ist unabhängig und sehr selbstständig, obwohl sie noch so blutjung ist,“ erklärt ihr Modelagent Alexander Schwab von Viva Paris.

Mittlerweile gehört Severin zum festen „Saint Laurent-Kader“. In Los Angeles arbeitete sie zusammen mit Slimane und seinem Team an der Kollektion und verbrachte auch privat Zeit mit dem Designer, der die Öffentlichkeit weitestgehend meidet: „Wir verstehen uns ausgeprochen gut und haben ein freundschaftliches Verhältnis. Manchmal nimmt er mich mit auf Konzerte.“

In dieser Saison freut sich Severin besonders auf die Pariser Fashion Week: „Ich weiß schon, was mich erwartet. Saint Laurent hat sich zu meiner kleinen Modefamilie entwickelt. Ich kenne alle, wir sind mehrere Male im Jahr zusammen und weil wir so ein kleines Team sind, ist alles viel intimer und entspannter.“

Auch die Designer von Odeeh hatten ein gutes Auge und hatten Severin letztes Jahr für ihr Lookbook gebucht.