Heimat

Achtung Mode Nr. 38 is out now!

 

WIR LEBEN IN AFFEKTGELADENEN ZEITEN. SCHON EIN EINZELNES WORT KANN STARKE REAKTIONEN AUSLÖSEN. Heimat ist so ein Wort. Heimat ist kein unschuldiges Wort.

In Deutschland ist man bei dem Begriff schnell bei Tannenwäldern, Biergärten oder SA-Aufmärschen. Neuerdings allerdings auch bei Marmelade. Mit der seltsamen Vehemenz dieses Wortes lässt sich nämlich momentan fast alles verkaufen. Und scheinbar muss seit Kurzem auch das Innenministerium dieses Wort im Namen tragen. Das Bedürfnis nach Heimat ist in diesem Fall vor allem eins: ein Symptom, ein nach Sicherheit und Orientierung suchendes Ringen um kollektive Entwurzelungsgefühle – wohlgemerkt in der eigenen vertrauten Heimeligkeit.

Paradoxerweise aber entstehen Heimatgefühle mitunter gerade erst durch das Gefühl des Verlusts: Oft merkt man es erst, wenn man der Heimat fern ist, was einen mit ihr verbindet. Und sei es nur, dass man ein bestimmtes ortstypisches Licht vermisst. Heimat, das sind die Fäden aus tausend Erinnerungen, die einen Menschen halten und binden. Beim Hamburger Jung Alpha Dia, unserem Cover-Model, sind dies zum Beispiel der typische Geruch der rush hour in seiner Heimatstadt Dakar im Senegal, in die er uns für diese Ausgabe exklusiv mitnahm. Bei unserem Achtung Mode-Kreativdirektor Anton Ioukhnovets, wohnhaft in New York und kreativ verortet auf der Achse Berlin-Moskau, die Stimme des russischen Liedermachers Vladimir Vysotsky.

Was sie, neben Modemacher Umit Benan Sahin, dem Model Hilal Ata und dem Model-Macher Yannis Nikolaou vereint? Ihre Erinnerungen und Erfahrungen zeigen etwas Entscheidendes. Etwas, was bei dem derzeit rückwärtsgewandten Begriff von Heimat oftmals außer Acht gelassen wird, nämlich, dass dem Verlust von Heimat auch immer ein Aufbruch inneliegt. Der Zauber, dass hinter dem eigenen Horizont eine Welt liegt, von der man nichts wissen und in der man sich deshalb umso freier entfalten kann.

Heimat ist dort, wo die Zugehörigkeit außer Frage steht.

Auszug aus dem Editorial der Ausgabe No. 38 von Nicole Urbschat

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