Freiheit von der Freiheit Part 2

Fashion is art, art is fashion, and where these two realities meet Anna is at home. Come and get to know Anna Kuen in a drawn interview and portrait.

Sie ist eine Künstlerin und sie ist ein Model. Am Ende eines gemeinsamen Tages mit Anna Kuen wird nicht klar sein, wo die Grenze zwischen Kunst und Mode verlaufen. Nur eins wird sicher sein: das Wort Freiheit ist gelb. Anna Kuen denkt in Farben.

Die Erzählungen vom Durchbruch eines Models klingen oft ähnlich: Plötzlich waren sie Teil einer Branche, die auf die Form ihrer Lippen, die Länge ihrer Beine und die Breite ihrer Hüften achtet und sie für gut genug befunden hat. Wer gesagt bekommt: Du bist schön, wir drucken dich auf eine Plakatwand und in Magazine, der scheint in diesem Moment das Glück gefunden zu haben und auch ein Stückchen Freiheit. Anna Kuen war achtzehn als sie ihren ersten Model-Job bekam. Ihr Leben wurde nach und nach zu einer Dauerreise: Mailand, Paris, New York. Das klingt nach der großen Freiheit und einer aussichtsreichen Zukunft. Doch für welchen Preis und wie lange hält die Freiheit? Heute sagt Kuen: „Für immer kann mit 27 vorbei sein.“

Was bringt dich zum Lachen?

Die Kehrseite dieser schillernden Welt erschreckt heute niemanden mehr. Magerwahn, Minderjährige in heruntergekommenen Model WGs, Heimweh – das alles sind keine neuen Geschichten. Aber was passiert mit einer jungen Frau, die sich aus dieser Welt freikämpft und ihr trotzdem nicht den Rücken kehrt – eine Frau, die die Freiheit von der Freiheit findet? Kuen ist eine Grenzgängerin. Sie bewegt sich auf der Grenze zwischen Kunst und Mode, zwischen Selbstbestimmung und Auftragsarbeit. Es ist ein Balanceakt. Kuen ist auf den Füßen gelandet. 

Was wolltest du als Kind werden?

Heute steht die 29-jährige in ihrem Atelier in Berlin-Weißensee. Nicht nur der fehlende Name am Klingelschild zeigt: dieser Ort ist ihre eigene kleine Oase, ein Rückzugsort. Abgelegen in einem efeubewachsenen Hinterhof. Ein Ort, den man riechen, bevor man ihn sehen kann: Acrylfarben und kalter Zigarettenrauch. Überall stehen Farbeimer, Farbtuben und Pinsel rum. Ein kleiner Schreibtisch mit aufgeschlagenem Tagebuch, ein Spint mit Malerklamotten und Bildbänden. Kuen kam Ende 2019 in die Hauptstadt. Doch das Atelier sieht so aus, als hätte sie schon Jahre hier verbracht. 

Was trägst du, wenn du malst?

Kuen rollt Luftpolsterfolie von einer Halterung ab, räumt ein paar Leinwände aus dem Weg und dreht sich eine Zigarette. Sie sitzt aufrecht, ihre Stimme ist hell und ihre Erzählungen sprunghaft und enthusiastisch. Bei Kuens Biografie ist die Geschichte einer Frau zu erwarten, die von einem Neuanfang erzählt. Eine Frau, die sich vom Modelleben abgewandt hat, weil sie erkannt hat, dass die Freiheit plötzlich zum Zwang wurde und Gesundheit etwas ist, das einem niemand bezahlen kann – auch nicht mit teuren Klamotten und Ruhm. Und die Geschichte könnte an diesem Punkt enden. Sie wurde schon häufig erzählt. Aber das ist nicht Kuens Geschichte. Kuen musste keinen Neuanfang wagen, Kuen war immer schon auch Künstlerin. 

Was inspiriert dich?

Kuen ist aufgewachsen umgeben von Kunst. Ihr Vater ist Restaurator, alte Kunstwerke und Skulpturen sind die ständigen Begleiter ihrer Jugend und Kindheit. Kuen begann früh Ballett zu tanzen und besuchte eine Kunstschule. Als sie also nach einem längeren Aufenthalt als Model in Paris merkte, dass sie nicht glücklich, nicht gesund, nicht frei war, kehrte sie vom Jetset-Leben zurück ins beschauliche Dasein in der bayerischen Provinz und machte ein Praktikum in der Werkstatt ihres Vaters. Ein Jahr lang trug sie Schicht für Schicht Staub und Dreck von alten Gemälden ab, um sich gleichzeitig Schicht für Schicht vom Einfluss und vom Druck der Modelbranche zu lösen und wieder etwas Eigenes zu beginnen. Kuen bewarb sich an der Akademie in Wien, wurde angenommen und studierte in der Klasse erweiterter malerischer Raum bei Daniel Richter. Nächte im Atelier, eigene Projekte – Kuen hatte etwas gefunden, indem sie sich wiedererkannte. 

Anna Kuen fotografiert von Sigrid Reinichs in Berlin für Achtung Digital.

Obwohl sie die Schattenseite der Modebranche gesehen hat und sich für eine längere Pause abgewandt hat, hat Kuen das Modeln nie ganz aufgegeben und nimmt seit zwei Jahren wieder regelmäßig Jobs an. So fand Kuen eine polnische Modelagentur, die ihr Potenzial erkannte und auch ihre Überzeugungen und die ihr half Jobs zu finden, mit denen sie ihr Studium finanzieren konnte, ohne sich selber dabei aufzugeben. Die Künstlerin lebt mittlerweile vom Modeln um die Kunst zu leben. Für ihre Freiheit von der Freiheit.