Prayerboys 2019 India © Stefan Dotter. 

Fotos für Solidarität

Während in Deutschland über erste Lockerungen in der Ausgangsbeschränkung nachgedacht wird, sind Flüchtende an den Außengrenzen mehr denn je dieser zivilen Katastrophe ausgeliefert. Welche Verantwortung trägt die Kunst? Darüber sprechen wir mit dem Fotografen Stefan Dotter.

Die Lager sind überfüllt und es fehlt an dem Nötigsten: medizinische Hilfe und hygienische Grundversorgung. Die Schutzsuchenden sind der Corona-Pandemie ausgeliefert, soziale Distanzierung und Quarantäne sind nicht möglich in Lagern, die für 3.000 Menschen ausgelegt sind, aber von über 20.000 bewohnt werden. Unter dem Slogan Leave no one behind, startet die gleichnamige Aktion einen Aufruf zu mehr Solidarität. Die Forderung ist klar formuliert: Die Lager müssen geräumt und die Schutzsuchenden in aufnahmebereiten Kommunen und Ländern untergebracht werden.

Mit einem Verkauf von zehn limitierten Prints in einer Auflage von je 20 Stück unterstützt der Fotograf Stefan Dotter Organisationen an den Außengrenzen, die sich für Flüchtende einsetzen. 50 Prozent des Erlöses gehen an den Stiftungsfond Zivile Seenotrettung.

Neben Reportagefotografien aus Thailand, Indien oder Usbekistan, die nun für den guten Zweck zum Verkauf stehen, ist Dotter eigentlich in der Mode und Kunst zuhause. Der 26-jährige verlegt sein eigenes Magazin: Whitelies – eine Plattform für unabhängige Künstler. Im Portfolio des Autodidakten reiht sich eine Arbeit für die großen Namen der Modebranche an die nächste: Givenchy, Saint Laurent, Raf Simons. Nun nutzt der Fotograf seine Reichweite für mehr Solidarität in der Krise gegenüber Flüchtenden. Uns erzählt Dotter von seiner eigenen Isolation und seiner Hoffnung auf Veränderung in der Modebranche. 

Mini Lamas, 2019 Ladakh © Stefan Dotter.

Achtung Digital: Täglich gibt es Neuigkeiten über die Corona-Pandemie, aber die Not der Geflüchteten an den Grenzen und in den Camps gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Siehst du auch die Kunst in der Verantwortung auf solche Missstände aufmerksam zu machen?

Stefan Dotter: Ich denke nicht, dass die Kunst in der Verantwortung steht auf Missstände aufmerksam zu machen – sie gibt uns Künstlern aber die Möglichkeit genau das zu tun. Für mich ist es immer wichtig, gerade auch als Ausgleich zu der oft inhaltslosen Arbeit in der Werbung, einen bedeutsamen Effekt zu erzielen. Die Inhalte der Bilder, die ich hier verkaufe, haben nichts mit den Missständen der Welt zu tun. Die Leute schauen sie sich aber gerne an. Warum sollte man das nicht verbinden? Am Ende des Tages schaffe ich bei ein paar Leuten ein Bewusstsein für die Camps in Griechenland und nehme sie für einen Augenblick aus den ständigen Gedankenkreisen von Öffnungsdiskussionen, Maskenpflicht und Ausgangssperren heraus.

Connection, 2018 Thailand © Stefan Dotter.

 

AD: Im Gegensatz zu diesem schwierigen Thema, scheint die Mode eher ein „Heile-Welt-Thema“ zu sein, was reizt dich an der Modefotografie?

SD: Um ehrlich zu sein war es nie wirklich ein Ziel von mir in der Mode zu landen. Was mich an der Mode anzieht sind die Möglichkeiten, die sie uns Fotografen gibt. Bei meiner Arbeit in der Mode fließt alles zusammen – Portrait, Landschaft, Dokumentation und Stillleben. Es passiert sehr viel. Ich gehe in der Regel mit einem sehr holistischen Ansatz an meine Projekte und sehe die Mode immer als einen Schauspieler in einer Geschichte, die von vielen unterschiedlichen Elementen lebt.

AD: Was wird sich in der Branche nach dieser Pandemie verändern?

SD: Ich hoffe einiges. So schlimm die Pandemie auch ist, sie bietet uns eine große Möglichkeit den Reset-Knopf zu drücken. Ich glaube in der Modebranche wird einiges runterfahren, es ist notwendig. Die ewigen immer schnelleren saisonalen Zirkel werden wieder entschleunigt. Es wird wieder lokaler gedacht. Die Zeiten in denen man als Fotograf schnell in den Flieger steigt, um morgen am Set in Hong Kong zu stehen sind jetzt für eine Weile vorbei und das ist auch gut so.

Cricket, 2019 India © Stefan Dotter.

AD: Du bist selbstständiger Fotograf und Creative Director – kreative Freiberufler erleben gerade schwere Zeiten. Was lernst du aus dieser Zeit?

SD: Ich verstehe nicht warum sich die Kreativen so sehr über die Krise beschweren. Wir haben einen instabilen Beruf, basierend auf einem instabilen System. Das Risiko, dass auch harte Zeiten kommen, sollte uns bewusst sein. Gerade schwere Zeiten sollten uns Kreative doch mehr fordern – wie erschaffen wir Neues ohne die Budgets und Möglichkeiten, die wir normalerweise haben? Ich lerne aus der Krise auf jeden Fall, dass ich mir wieder mehr Zeit für meine persönlichen Projekte nehmen sollte.

AD: Wenn wir Isolation sagen, sagst du…

SD: …ich habe jetzt eine Bonsai Garten auf dem Balkon.

Aquarium, 2018 Hong Kong © Stefan Dotter.

AD: Welches Projekt steht bei dir als nächstes an?

SD: Im letzten Jahr habe ich in Zusammenarbeit mit der Ethical Fashion Initiative, einer Initiative der Vereinten Nationen, ein Mentorship-Programm für Rückkehrer und IDP’s (internally displaced people) in Herat, Afghanistan ins Leben gerufen. Zusammen mit meiner Partnerfotografin Farzana Wahidy haben wir Fotografie Workshops vor Ort gegeben. Aktuell arbeiten unsere acht Schüler, von denen sieben Frauen sind, an jeweils einem eigenen Projekt. Die wir dann in einer großen Ausstellung zusammen mit Farzanas und meinen Werken aus Afghanistan ausstellen werden. Aktuell ist es natürlich nicht abzusehen wann die Ausstellung stattfindet.

Yolk in Glass, 2017 Spain © Stefan Dotter.

Die Prints sind ab sofort  für 60 Euro plus Versandkosten auf  stefandotter.com erhältlich.