Helmut Fricke illustriert von Caroline Marine Hebel exklusiv für Achtung Mode

Der fotografische Fundus von Helmut Fricke

Seit vier Jahrzehnten fotografiert Helmut Fricke immer dort, wo was los ist. Modenschauen gehören zu seinem Spezialgebiet

Unter den vielen Modefotografen gibt es be­kanntlich solche und solche. Ehrlich gesagt gibt es heute fast nur noch solche: Nämlich Fotografen, die mit Photoshop jedes Nicht­-Foto zu einem Foto machen, die jede Natür­lichkeit künstlich überhöhen und die sich da­bei vor keiner kitschigen Pose mehr fürchten.

Helmut Fricke hält modische Momente auch vor und nach den Modenschauen fest: Etwa Easy Rider Dennis Hopper während der Pitti Uomo 1997 in Florenz
Helmut Fricke hält modische Momente auch vor und nach den Modenschauen fest: etwa Easy Rider Dennis Hopper während der Pitti Uomo 1997 in Florenz

Der Fotograf Helmut Fricke gießt die Wirklich­keit in fotografische Erzählungen

Ob ein solches Lob ein Kompliment für ihn ist? Schließlich ist er seit fast vier Jahrzehn­ten ein Allround­-Fotograf, wurde ausgebildet von Digne Meller Marcovicz, hat die taz mitgegründet, arbeitete jahrelang für Agenturen wie AP und Reuters und kam vor einem Vier­teljahrhundert zur Frankfurter Allgemeinen, für die er alles fotografierte: die Wende­ und Nachwendezeiten, den Zusammensturz der Twin Towers am 11. September 2001, Günter Grass, wie er im heimischen Garten seine SS­-Zugehörigkeit bekannte, einen Zirkusele­fanten, der ausgebrochen war und durch die Frankfurter Innenstadt lief, den Arabischen Frühling auf dem Tahrir­ Platz in Kairo, Buch­messen, Regierungsgipfel, Managerporträts, Bundesligaspiele, Hochhäuser, Biennalen, Shoperöffnungen, Automessen, Kanzlerinter­views, Popkonzerte. Und eben die Mode.

Iris van Herpen Show
Avantgardistische Momente hält Fricke ausnahmsweise auch in Farbe fest. Hier während der Iris van Herpen Show im März 2014

Oft fährt er nach Paris und New York, sel­tener nach Mailand und London. Weil er den geweiteten Blick des erfahrenen Bericht­erstatters hat und weil er die Nachrichten­agenturen überbieten möchte, reicht ihm das Close-­up vom Laufsteg nicht. Also nimmt er sich Szenen vor, macht wide shots von den Palais in Paris, Porträts aus der ersten Rei­he, Features vor dem Modezelt. Die normale Perspektive überbietet er schon durch seine Körpergröße von 1,90 Metern – für Pressefo­tografen ist das ein wichtiger Standortvorteil. Als Distinktionsmerkmal dient ihm ein Ein­stecktuch. Aber die persönliche Perspektive macht’s.

Am meisten liebt Helmut Fricke das gute alte Schwarz­-Weiß-Foto

Auch für Achtung Mode hat Helmut Fricke schon Beiträge geleistet. Hier ein Bild aus der Strecke "Last Exit Runway" (2010), für die der Modefotograf Bilder von Designern während des großen Finales ihrer Modenschau auswählte
Auch für Achtung Mode hat Helmut Fricke schon Beiträge geleistet. Hier ein Bild aus der Strecke “Last Exit Runway” (2010), für die der Modefotograf Fotografien von Designern während des großen Finales ihrer Modenschau auswählte

Als Außenseiter hat er schnell die Innen­sicht. Der Redaktion muss er keine Dutzend­ware schicken. Am meisten liebt er das gute alte Schwarz­-Weiß-­Foto. Und mit der Reife tritt neben den Ehrgeiz eine geradezu hes­sische Lässigkeit. In seinen Archiven, die er nun nach und nach durchwühlt und aufberei­tet, schlummern rund eine Million Aufnah­men aus mehr als 20 Jahren Mode: die letzte Schau von Gianni Versace, die letzte Schau von Hubert de Givenchy, die letzte Schau von Alexander McQueen. Nur einen Bruchteil der Fotos hat er bisher auf den Modeempfän­gen ausgestellt, die seine Zeitung, die F.A.Z., jeden Januar aus Anlass der Berliner Fashion Week veranstaltet. Helmut Fricke, der in eini­gen Jahren in Rente geht, wird noch viel Zu­kunft brauchen, um all die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen.

Text: Alfons Kaiser. Erstmals erschienen in Achtung Ausgabe 31.