
Joel N./Viva Models is wearing coat MCM; Suitcase RIMOWA & Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress BALENCIAGA
Film und Mode
Wir treffen uns im Babylon, im Metropol, im Odeon, im Zoo Palast
Film und Mode sind schon immer eng miteinander verwoben. Manchmal brennen sich einzelne Kleidungsstücke von der Leinwand sofort ins kollektive Gedächtnis, oder der Stil eines Films wird kurz darauf in Kollektionen und Zeitgeist spürbar. Immer häufiger arbeiten nun Regisseur:innen mit Designer:innen zusammen oder spielen Labels sogar selbst Produzent.
Recently, what we see on the movie screen reaches the runways faster than the movie has ended. Here is a list of movies that we consider fashion influencers.
Return of preppy
Jonathan Anderson ist Kunstfan, Literaturfan, Serien- und Filmfan. Der Mann saugt alles auf und setzt es meist schneller und furchtloser um als viele seiner Kolleg:innen. Kaum wurde eine Schauspielerin wie Taylor Russell als neuer Shootingstar gefeiert, war sie schon in der nächsten Loewe-Kampagne. Als die Zuschauer:innen noch über die Badewannenszene in Saltburn diskutierten, floss der Preppy-Style des in den Nullerjahren spielenden Films bereits in die Moodboards seiner Kollektionen für Uniqlo ein. Vor allem die gestreiften Rugby-Shirts, die Jacob Elordi so ähnlich im Film trug, waren sofort ausverkauft. Rugby- und Poloshirts, Segelschuhe, Seesäcke – der ganze Old-Money-Oxford-Chic war mit einem Schlag zurück. Auch in seiner ersten Kollektion für Dior hält Andersons Preppy-Phase noch an: Regimentskrawatten, Tailoring mit Donegal-Tweed, voluminöse Shorts, die an Internat-Looks erinnern, alles natürlich nicht 1:1, sondern mit Andersons Quirkiness umgesetzt. Eher auch kein Zufall, dass, während die meisten Modemarken deutliche Umsatzrückgänge hinnehmen müssen, ausgerechnet Ralph Lauren ein zweistelliges Wachstum vermeldet. Saltburn (und wahrscheinlich auch Maxton Hall) sei Dank.

Joel N./Viva Models is wearing Classic Euro Hiker boots, jacket and polo shirt TIMBERLAND & Agnes Hestholm/Viva Models is wearing boat shoes and jacket TIMBERLAND
Die Farbe Pink

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress BALENCIAGA

Joel N./Viva Models is wearing coat MCM; Suitcase RIMOWA
Das Barbie-Universum war schon immer Pink. Aber mit dem Barbie-Film in 2023 wurde die ganze Welt definitiv noch ein bisschen pinker. Die Welle kündigte sich bereits Monate zuvor in Trendvorschauen und auf Laufstegen von Halpern in London bis Valentino und Balmain in Paris an. Viele unterschätzten zunächst, welche Kraft dieser angeblich nur bei Kreischemädchen beliebte Farbton noch entwickeln würde. Von Zara- Kollektionen über Crocs und pinkfarbenen Chanel-Taschen – die komplette Merch-Artillerie wurde abgefeuert und hinterließ eine Zuckerwattewolke, die alles flächendeckend überklebte. Barbie war der erste Film, der so deutlich auf eine colorierte CI setzte, was zwar auf der Hand lag, sich in seiner Konsequenz aber als strategisch clever herausstellte. Farben spielen in der visueller werdenden Kommunikation eine immer wichtigere Rolle. Hermès-Orange, Tiffany-Türkis, Bottega-Grün, Gucci-Rot, zuletzt Brat-Giftgrün. Sie funktionieren wie Leuchttürme in der Informationsflut. Der „Marketing-Tsunami“ Barbie wird wahrscheinlich von St. Gallen bis Harvard studiert werden. Interessant zu sehen wird sein, ob es in Zukunft auch andere Filme schaffen, eine ähnlich starke Modefarbe zu setzen.
Victorian-Cross-over und der Powersleeve

Cora Martens/Girls Club Management is wearing jacket and dress LOUIS VUITTON. Artwork: True to nature, 2018 – ato klaus
Wer diesen genial durchgeknallten Film im Kino erlebte, ging wahrscheinlich mit gesenkten Schultern nach Hause. Denn im Vergleich zu Bella Baxters aufgeplusterten Ärmeln und fast schon engelsflügelhaften Schulterpartien fühlten sich die eigenen plötzlich seltsam unspektakulär, geradezu plump an. Bellas übersprudelnde Neugier und Lust schienen in überbordenden Rüschencapes und Puffärmeln zu gipfeln. Kein Zufall, dass anschließend nicht nur Nicolas Ghesquière, der Emma Stone auf ihrer method-dressing-geprägten Promo-Tour in Louis Vuitton kleidete, sondern auch Daniel Roseberry bei Schiaparelli, Demna bei Balenciaga oder Thom Browne mit dem Power Sleeve spielten. Bei den Oscars trug Florence Pugh diese silbergraue Valentino-Robe über Shorts, die wie eine explodierte Auster daherkam und fast nur aus Ärmeln und Schleppe bestand. Auch der viktorianische Cross-over-Stil der Kostümdesignerin Holly Waddington prägte die Mode nachhaltig. Weil sie komplett auf einengende Korsetts verzichtete, die Bella eh nicht anbehalten hätte, und den Stil experimenteller, bunter, zeitgemäßer interpretierte, sodass er viel zeitgemäßer wirkte. Ähnlich dem Victorian Punk von Vivienne Westwood, der plötzlich wieder TikTok flutete. Und würde Chappell Roan eigentlich so aussehen, wie sie aussieht, wenn es Boy George und Bella Baxter nicht gegeben hätte?
Frühes Quiet Luxury

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA
Sharon Stone kreuzt im Verhör mit Michael Douglas ihre Beine auseinander und wieder übereinander – und der:die Zuschauer:in ahnt, dass sie keinen Slip unter dem kurzen weißen Rollkragenkleid trägt. OMG. Immer und immer wieder wurde Basic Instinct auf diese eine Szene und die nicht vorhandene Unterwäsche verkürzt. Dabei ist der „Erotik- Thriller“ insgesamt um Längen besser als das zuletzt gehypte Babygirl. Auch das Kostümdesign, das wie ein Paradebeispiel für quiet luxury wirkt, 30 Jahre bevor dieser Begriff Social Media und Loro-Piana-Boutiquen flutete. Man hätte damals nur genauer hinschauen müssen: Catherine Tramell lebt in einer Villa in Carmel mit Blick über den Pazifik. Sie fährt einen Lotus Esprit. Entsprechend luxuriös muss ihre Garderobe aussehen. Aber auch geheimnisvoll. Die legendäre Kostümdesignerin Ellen Mirojnick, die zuletzt Oppenheimer ausstattete, ließ sich für Sharon Stone von Hitchcocks icy Blondinen inspirieren. Stone trug fast nur Taupe, Nerzweiß und Gold, weil die Farben perfekt in die Umgebung des Hauses am Strand passen und sich „wohlhabend“ – nicht neureich – anfühlen. Genau das, was die Quiet-luxury-Aspiranten die letzten Jahre sein wollten, während sie allzu oft in frigiden Beige-Ensembles endeten. Das weiße Rollkragenkleid ließ Mirojnick extra für die Verhörszene anfertigen, erzählte sie in einem Interview: „Das Drehbuch stellte ganz bestimmte Anforderungen: Als Catherine zu Hause abgeholt wird, zieht sie sich vor den Augen des Kommissars um. Es musste ein Kleid sein, in das sie schnell und elegant hineinschlüpfen konnte, mit einem Reißverschluss, den sie selbst zumachen kann. Danach steigt sie ins Auto, beim Verhör überkreuzt sie die Beine. Deshalb brauchte sie viel Beinfreiheit.“ Mirojnicks Meinung nach sind Kostümdesigner:innen übrigens für die Mode häufig noch einflussreicher als Designer:innen, weil die Leute sich in Filmfiguren regelrecht „verlieben“: „Sie wollen sein wie sie, aussehen wie sie. Wenn es vielen Menschen gleichzeitig so geht, prägt das den Zeitgeist ungemein.“

