Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Film und Mode

Wir treffen uns im Babylon, im Metropol, im Odeon, im Zoo Palast

Film und Mode sind schon immer eng miteinander verwoben. Manchmal brennen sich einzelne Kleidungsstücke von der Leinwand sofort ins kollektive Gedächtnis, oder der Stil eines Films wird kurz darauf in Kollektionen und Zeitgeist spürbar. Immer häufiger arbeiten nun Regisseur:innen mit Designer:innen zusammen oder spielen Labels sogar selbst Produzent.

Recently, what we see on the movie screen reaches the runways faster than the movie has ended. Here is a list of movies that we consider fashion influencers.

Victorian-Cross-over und der Powersleeve

Cora Martens/Girls Club Management is wearing jacket and dress LOUIS VUITTON. Artwork: True to nature, 2018 - ato klaus

Cora Martens/Girls Club Management is wearing jacket and dress LOUIS VUITTON. Artwork: True to nature, 2018 – ato klaus

Wer diesen genial durchgeknallten Film im Kino erlebte, ging wahrscheinlich mit gesenkten Schultern nach Hause. Denn im Vergleich zu Bella Baxters aufgeplusterten Ärmeln und fast schon engelsflügelhaften Schulterpartien fühlten sich die eigenen plötzlich seltsam unspektakulär, geradezu plump an. Bellas übersprudelnde Neugier und Lust schienen in überbordenden Rüschencapes und Puffärmeln zu gipfeln. Kein Zufall, dass anschließend nicht nur Nicolas Ghesquière, der Emma Stone auf ihrer method-dressing-geprägten Promo-Tour in Louis Vuitton kleidete, sondern auch Daniel Roseberry bei Schiaparelli, Demna bei Balenciaga oder Thom Browne mit dem Power Sleeve spielten. Bei den Oscars trug Florence Pugh diese silbergraue Valentino-Robe über Shorts, die wie eine explodierte Auster daherkam und fast nur aus Ärmeln und Schleppe bestand. Auch der viktorianische Cross-over-Stil der Kostümdesignerin Holly Waddington prägte die Mode nachhaltig. Weil sie komplett auf einengende Korsetts verzichtete, die Bella eh nicht anbehalten hätte, und den Stil experimenteller, bunter, zeitgemäßer interpretierte, sodass er viel zeitgemäßer wirkte. Ähnlich dem Victorian Punk von Vivienne Westwood, der plötzlich wieder TikTok flutete. Und würde Chappell Roan eigentlich so aussehen, wie sie aussieht, wenn es Boy George und Bella Baxter nicht gegeben hätte?

Frühes Quiet Luxury

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Vincent Schneider/Viva Models is wearing travel jacket and T-shirt BRIONI

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Charlotte Nolting/Modelwerk is wearing dress ISSEY MIYAKE, shoes BALENCIAGA and Seamaster Aqua Terra 150M watch OMEGA

Sharon Stone kreuzt im Verhör mit Michael Douglas ihre Beine auseinander und wieder übereinander – und der:die Zuschauer:in ahnt, dass sie keinen Slip unter dem kurzen weißen Rollkragenkleid trägt. OMG. Immer und immer wieder wurde Basic Instinct auf diese eine Szene und die nicht vorhandene Unterwäsche verkürzt. Dabei ist der „Erotik- Thriller“ insgesamt um Längen besser als das zuletzt gehypte Babygirl. Auch das Kostümdesign, das wie ein Paradebeispiel für quiet luxury wirkt, 30 Jahre bevor dieser Begriff Social Media und Loro-Piana-Boutiquen flutete. Man hätte damals nur genauer hinschauen müssen: Catherine Tramell lebt in einer Villa in Carmel mit Blick über den Pazifik. Sie fährt einen Lotus Esprit. Entsprechend luxuriös muss ihre Garderobe aussehen. Aber auch geheimnisvoll. Die legendäre Kostümdesignerin Ellen Mirojnick, die zuletzt Oppenheimer ausstattete, ließ sich für Sharon Stone von Hitchcocks icy Blondinen inspirieren. Stone trug fast nur Taupe, Nerzweiß und Gold, weil die Farben perfekt in die Umgebung des Hauses am Strand passen und sich „wohlhabend“ – nicht neureich – anfühlen. Genau das, was die Quiet-luxury-Aspiranten die letzten Jahre sein wollten, während sie allzu oft in frigiden Beige-Ensembles endeten. Das weiße Rollkragenkleid ließ Mirojnick extra für die Verhörszene anfertigen, erzählte sie in einem Interview: „Das Drehbuch stellte ganz bestimmte Anforderungen: Als Catherine zu Hause abgeholt wird, zieht sie sich vor den Augen des Kommissars um. Es musste ein Kleid sein, in das sie schnell und elegant hineinschlüpfen konnte, mit einem Reißverschluss, den sie selbst zumachen kann. Danach steigt sie ins Auto, beim Verhör überkreuzt sie die Beine. Deshalb brauchte sie viel Beinfreiheit.“ Mirojnicks Meinung nach sind Kostümdesigner:innen übrigens für die Mode häufig noch einflussreicher als Designer:innen, weil die Leute sich in Filmfiguren regelrecht „verlieben“: „Sie wollen sein wie sie, aussehen wie sie. Wenn es vielen Menschen gleichzeitig so geht, prägt das den Zeitgeist ungemein.“

We will update this post regularly with Silke Wichert’s film & fashion analysis.

Photo assistance: Pius Neuhauser. Styling assistance: Josephine Gottschalk