Das Model als Gemälde bei Designer Braim Klei. @FashionWeekTunis

Fashion Week Tunis: Die Zeichen feiern, wie sie fallen

Auch Tunesien hat eine Modewoche und Achtung Digital war zu Gast. Ein Modebericht aus einem Land im Umbruch

Dunkel dröhnen orchestrale Klänge aus riesigen Lautsprechern. Erst zaghaft, dann immer lauter und schneller werdend erscheinen sie als musikalische Vorboten einer großen Schlacht. Bis sie schließlich zu einer tosenden Heavy-Metal-Masse anschwellen – und die ersten Kriegerinnen in schwarzen Lederkluften und mit maskierten Gesichtern den Laufsteg im Schallraum erobern. Es sind in Wahrheit Models von Ludovic Winterstan, der seine Kollektion für den kommenden Winter vor den rund 150 geladenen Gästen der Modenschau bewusst imposant und theatralisch inszeniert. Ein Effekt, der im geschichtsträchtigen Amphitheater von Karthago, dem diesjährigen Veranstaltungsort der Fashion Week Tunis, die vom 25. bis 29. Mai stattfand, noch verstärkt wird.

Hier in Carthage wurden schon viele Schlachten ausgetragen, bevor die einstige Weltstadt von den Römern dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auch Winterstans blutrünstige Kriegerinnen, stilistisch irgendwo zwischen Grufti und Anti-Couture beheimatet, scheinen gegen irgendetwas in den Kampf ziehen zu wollen. Aber wogegen eigentlich?

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Ludovic Winterstans Kriegerinnen. @FashionWeekTunis

Fashion Week Tunis: In Tunesien ticken die Zeichen anders

Einzelne Motive sind universell und deshalb schnell erkannt: Die Frau, die Kleider des gebürtigen Tunesiers trägt, der in Südfrankreich Mode studierte, soll zum Beispiel keine süße Prinzessin sein. Sondern eben eine starke Kämpferin. Dabei darf sie schon noch funkeln und glitzern, wie es in konservativen Kreisen Gang und Gäbe ist. Aber bitte lieber düster – anti-modisch. So, wie es einst die modische Avantgarde verkündete.

Dann wären da noch die Masken, die jeder Experte sofort entlarvt als Idee eines anderen Créateurs: Martin Margiela. Ein Pulk französischer Journalisten kann sich deshalb ein Belächeln nicht verkneifen. Ein junger Tunesier, der sich vom großen maitre etwas zu viel hat inspirieren lassen? So einfach ist es aber nicht. Hier geht es, anders als damals bei Margiela, nicht um eine Reflektion von Anonymität – sondern um eine Auseinandersetzung mit der verschleierten Frau in islamisch geprägten Kulturkreisen.

Zwischen Anti-Couture, Gruftie und Avantgarde: Ludovic Winterstans Kampfansage für den kommenden Winter. @FashionWeekTunis
Zwischen Anti-Couture, Gruftie und Avantgarde: Ludovic Winterstans Kampfansage für den kommenden Winter

Ein Ding, zwei Bedeutungen – gefundenes Fressen für Kulturwissenschaftler. In Momenten wie diesen wird auf der Fashion Week Tunis klar: wer nur eurozentristisch lesen kann, kommt hier nicht weit. Selbst dann, wenn sich einem nicht sofort jede Bedeutung erschließt, muss man die Zeichen also erst mal feiern, wie sie fallen.

Die Textilindustrie ist für Tunesien der strategisch wichtigste Industriezweig. Die Modebranche kann hier noch aufholen

Das erprobt man in Tunesien bereits, seit 2009 die Fashion Week Tunis als jährliches Event initiiert wurde. Seit 2013 findet sie unter der Federführung der tunesischen Modekammer statt, der Chambre Syndicale Tunisienne de la Couture, des couturiers et des créateurs de mode. Die Organisation der Modewoche innerhalb einer offiziellen Innung zeigt auch, wie ernst Mode hier mittlerweile genommen wird. Nicht zuletzt, da die Textil- und Bekleidungsindustrie der strategisch wichtigste Industriezweig der tunesischen Volkswirtschaft sei, wie es bei der deutsch-tunesischen Industrie- und Handelskammer heißt.

Nach elektronischen Produkten sind Kleidung und Textilien Tunesiens zweitgrößter Exportschlager mit einem jährlichen wachsenden Gesamtvolumen von knapp 3,5 Milliarden Dollar. Für ausländische Unternehmen, auch aus Deutschland, ist Tunesien als Produktionsland beliebt. Hier produzieren unter anderem Van Laak, Mustang und Picard. Die kurzen Wege und leichte Kommunikation (hier spricht jeder mindestens Französisch) sind ein echter Standortvorteil. Im Gegensatz zu Asien sind Kontrollen also leichter und Waren schneller vor Ort.

Selbst für reiche Tunesier ist es schwer, in ihrer Heimat an Mode heranzukommen

Die Anschläge der letzten Jahre haben daran nichts geändert. Anders als in der Tourismus- und Handwerksbranche, wo die Zahlen im vergangenen Jahr um rund fünfzig Prozent eingebrochen sind. Kein Wunder, dass in Tunesien verstärkt auf Kleidung gesetzt wird. Durch die Existenz der Fashion Week möchte man zukünftig aber nicht nur als Textil- sondern auch als Modeland wahrgenommen werden. „Und da hinken wir echt noch hinterher“, sagt Seyf Dean Laouiti, Modedesigner und Gründer des ersten tunesischen Modemagazins FFDesigner: „Für junge Designer wird im Land nach wie vor zu wenig gemacht.“

Fashion Week Tunis 2016 FFDesigner Magazine
Cover der aktuellen Ausgabe von “FFDesigner”, Tunesiens erstem Modemagazin. Das Kamel ist ein Markenzeichen des Landes – der auf orientalisch getrimmte Cola-Becher auch

Dean Laouiti, der eine Zeit lang in Peking studiert hat, wünscht sich einerseits mehr Förderung, die es dem Nachwuchs ermöglicht, kreativer zu arbeiten. Andererseits möchte er selbst mit seinem Magazin einen Beitrag dazu leisten, das Thema Mode generell sowie lokale Talente zu etablieren. „Über das Internet weiß die Tunesierin ziemlich genau, was in der Welt modisch gerade los ist“, so Dean Laouiti. „Für Tunesien gilt das leider nicht.“ Problematisch sei auch, dass es selbst die vermögenden Tunesier schwer haben, an Mode überhaupt heranzukommen. Viele Luxusmarken, etwa Chanel oder Jimmy Choo, fehlen auf dem Markt. Online bestellen? Fast unmöglich. Und mal eben zum Shoppen nach Paris? Wegen der strengen Visa-Vorschriften für viele unmöglich.

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Der Gründer und Chefredakteur vom ersten tunesischen Modemagazin, FFDesigner, ist selbst ein Fashionisto

„Einschränkungen? Kenne ich nicht. Wir machen, was wir wollen!“ – Seyf Dean Laouiti

„In FFDesigner stellen wir deshalb nur Mode vor, die es in Tunesien tatsächlich auch zu Kaufen gibt“, so Dean Laouiti. Visuell möchte er sich mit seinem Magazin dabei an internationalen Standards orientieren – schwierig in einem Land, in der sich die Branche noch nicht professionalisiert hat. Wo es beispielsweise noch keine Modelagenturen, sondern nur ein paar hübsche, talentierte Mädchen gibt. Reinreden lasse er sich bei der Heftkonzeption aber von niemandem. Barbusige Damen gibt es in FFDesigner eher nicht, Dean Laouiti macht aber klar: „Einschränkungen? Kenne ich nicht. Wir machen, was wir wollen!“

Das sagt auch Sabrina Farhani, Medizinstudentin, die 2011, praktisch mit der Revolution, angefangen hat zu bloggen. Auf Vita Luna Spirit und ihrem Instagram-Channel zeigt sie sich so, wie sie es möchte – und nur sie. Genau wie ihre Kolleginnen von The one and only Ness und Mon journal pas très intime bedeutet das natürlich, die Haare unverdeckt zu tragen und auch etwas Bein und Décolletée zu zeigen. Und weil es in Tunesien so wenig Mode gibt, tragen die Bloggerinnen viel Vintage – Second Hand-Kleidung, die übrigens oft aus Deutschland kommt. Belohnt werden sie dafür mit 40.000-60.000 Unique Visitors jeden Monat und um die 25.000 Instagram Follower – eine durchaus stattliche Menge.

Das Bloggen habe sie definitiv selbstsicherer und selbstbewusster gemacht, sagt Farhani. Für sie ist es auch ein Ausdruck von persönlicher Freiheit, die erst durch die Revolution möglich wurde.

Fashion Week Tunis: Die erfolgreichsten Bloggerinnen Tunesiens posen für die Kamera
Fashion Week Tunis: Die erfolgreichsten Bloggerinnen Tunesiens posen für die Kamera

Nach der Revolution: Ein Selfie für die Freiheit

„Die Revolution hat einiges verändert“, sagt auch Hend Gasmi, die gemeinsam mit ihrer Design-Partnerin Cyrine Faillon das hier als sehr hip geltende Label Mademoiselle Hecy betreibt, die für ihre keck-verspielten, urbanen Kleider bekannt sind, die im Prenzlauer Berg hohen Absatz finden würden. Aber: „Die tunesische Frau war schon immer sehr selbstbewusst!“ Da ist was dran: In den 190er Jahren galt Tunesien als das fortschrittlichste arabische Land, was Frauenrechte angeht, und in Sachen Arabischer Frühling heute als „Vorzeigeland.“ Dennoch gibt es nicht nur liberale, sondern auch islamistische Stimmen im Land. Die Wahl der Kleider oder die Entscheidung, sein Haar zu verhüllen, hat hier auch eine politische Dimension.

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Hend Gasmi und Cyrine Faillon, die Designerinnen von Madame Hecy

„Das Wichtigste, was die Revolution den Bürgern gebracht hat, ist der Mut, auf eigene Ideen zu vertrauen“, sagt Modedesigner Sofiane Ben Chaabane. „Der ehemalige Präsident Ben Ali hat es viele Jahre geschafft, Kreativität und Innovation zu unterdrücken. Die Tunesier lebten unter einem Überwachungsapparat, ähnlich dem der ehemaligen DDR.“ Der gebürtige Tunesier hat viele Jahre in Paris gelebt und dort im Marketing-Bereich gearbeitet.

„Das Wichtigste, was die Revolution den Bürgern gebracht hat, ist der Mut, auf eigene Ideen zu vertrauen“ – Sofiane Ben Chaabane

Ben Chabbane packte der Spirit der Revolution, weil er „mit dabei sein wollte, wie seine Heimat sich wandelt“ und ging mit seiner französischen Frau und den Kindern zurück nach Tunis, um das gemeinsame Label Lyoum aufzubauen, was so viel heißt wie „heute“ – eine Anspielung auf ein Leben in der Gegenwart. Angefangen als Label für Kindermode sind sie heute vor allem für ihre interkulturellen Botschaft-T-shirts berühmt, auf denen „Cobain loved Falafel“ oder „Hemingway loved Couscous“ zu lesen ist. Darauf stehen stylische Tunesier. Aber auch die Touristen.

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Sofiane Ben Chaabane, Designer von Lyoum, in seiner Boutique in La Marza. Pfiffig: Ein T-Shirt im US-College-Look, aber arabischem Schriftzug

„Seit der Revolution ist viel passiert“, sagt auch Dean Laouiti. „Generell könnte es trotzdem nicht schaden, noch ein paar mehr Modetalente im Land zu haben“, fügt er lachend hinzu. „Sich modisch zu kleiden ist wirklich nicht einfach.“ Dean Laouiti ist übrigens selbst ein echter Fashionisto, der auch mal mit Mikey Mouse-Ohren und einer GoPro als Kopfschmuck in der ersten Reihe Platz nimmt.

Die Zeichen nicht vergessen!

Natürlich sticht er damit heraus. Man braucht sich nichts vormachen, für die meisten Tunesierinnen, die sich in den Modekreisen bewegen, bedeutet Freiheit immer noch die Freiheit, so viel Haut wie möglich zu zeigen. Und Mode natürlich jede Menge Glanz, Glamour und Chichi, wie es vor allem in patriarchalen Verhältnissen in den meisten Nationen noch üblich ist – nur eben für die Tunesierin trotzdem erstmal Freiheit bedeutet. Stolz zelebrieren sie den Porn Chic, der in unserem Empfinden eher vulgär aufstößt. Da heißt es: die Symbolik nicht vergessen.

Seyf Dean Laouitis Tattoo: Damit sorgt man in Tunesien für Gesprächsstoff
Seyf Dean Laouitis Tattoo: Damit sorgt man in Tunesien für Gesprächsstoff

Wo wir wieder bei der Doppeldeutigkeit der Zeichen wären, da kann Dean Laouiti ein Lied von singen. Sein Fashion-Statement diese Woche: ein abwaschbares kunterbuntes Tattoo, das sich über die gesamte Wade schlängelt. Bei uns hat so eine tätowierte Wade erst einmal eine rein modische Aussage, die man entweder mag oder nicht. In Tunesien wiederum bietet das Bild am Bein Konfliktpotenzial.

Weil der Islam angeblich Tätowiererungen verbietet, waren sie in Tunesien lange Zeit Grauzone. Erst vor zwei Monaten eröffnete das erste staatlich offiziell anerkannte Tattoo-Studio. „Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für Tunesien“, schrieb der Macher „Fawez le Tatoueur“ am Tag der Eröffnung auf seiner Facebook-Seite. Wie so vieles, was in Tunesien passiert, nach der Revolution ein Schritt in die richtige Richtung. Ein paar mehr davon dürfen es aber gerne noch sein.