Links: Frida Kahlo, Selbstbildnis mit Dornenhalsband, © Banco de México Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust/VG Bild-Kunst, Bonn 2020; Rechts: Ithell Colquhoun, Anatomie des Baumes, © Samaritans, Noise Abatement Society & Spire Healthcare

Fantastischer Protest

Grundgesetz, Artikel 3: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Auf dem Papier. Trotzdem werden Frauen für die gleiche Arbeit immer noch schlechter bezahlt, sie fehlen in den ersten Rängen von Politik und Wirtschaft und auch die Kunst unterdrückte Frauen. Selbst dort, wo Künstler auf der Suche nach einer neuen Wirklichkeit waren: im Surrealismus.

Wo hört der Traum auf und wo beginnt die Wirklichkeit? Diese scheinbar klaren Grenzen lassen Surrealistinnen in ihren Werken verschwimmen – transzendent und provokant. Sie waren Revolutionärinnen der Kunstgeschichte. Und sie wurden von ihren männlichen Kollegen zu erotischen Musen stilisiert.

In Katalogen und Sammelbändern sind Namen wie Alice Rahon oder Kay Sage selten zu finden. Männliche Surrealisten sind umso berühmter: Salvador Dali und Max Ernst wurden etliche Ausstellungen gewidmet. Dabei wollten die Surrealisten mit allen Konventionen brechen, sich von den patriarchalen Werten lösen und den Kapitalismus zerstören. All das wollten sie im Traumhaften finden: Ein fantastischer Protest. Entstanden ist die Idee aus den Trümmern des ersten Weltkrieges, in den frühen 1920er Jahren. Eine Zeit, wie eine Pause zwischen den Kriegen, dessen Erfahrungen viele Künstler in tiefe Zweifel stürzte.

Leonora Carrington, Selbstbildnis in der Auberge du Cheval d’Aube, 1937/38, Öl auf Leinwand, The Metropolitan Museum of Art, New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2020.

Versessen darauf sich von den bürgerlichen Werten zu lösen, bemerkten die männlichen Surrealisten offenbar nicht, dass sie selbst gefangen waren im Käfig eines Rollenklischees. Sie zerlegten die Frauen: Sie waren Hände, Füße, Köpfe – aber selten eine ganze Frau. Kopflos dargestellt, nahmen sie den Frauen ihre Intelligenz und auch die Fähigkeit zu widersprechen – austauschbar und sexualisiert. Die Surrealistinnen selbst stellten sich hingegen in ihren Werken Fragen über ihre eigene Identität und ihr Geschlecht und brachten die Form des Selbstporträts auf einen entscheidenden Weg in der Kunstgeschichte. Bis auf wenige prominente Künstlerinnen wie Frida Kahlo oder Meret Oppenheim, fanden ihre Werke jedoch kaum Aufmerksamkeit. Sie blieben verborgen im Schatten ihrer männlichen Kollegen.

Claude Cahun, Selbstporträt (I am in Training… Don’t Kiss Me), ca. 1927, Vintage-Silbergelatineabzug, 11,7 x 8,9 cm, Privatsammlung, © Claude Cahun.

Doch das ändert sich jetzt. Die Ausstellung „Fantastische Frauen“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle rückt 260 surrealistische Werke von 34 Künstlerinnen aus elf verschiedenen Ländern in das Licht der Museumsstrahler. Die Kuratorin Ingrid Pfeiffer wählte sie aus: Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen genauso wie Performance, Film und Fotografie. Aber was widmeten sich die Surrealistinnen mit ihrer Kunst? Vor allem stellten sie sich immer neuen Fragen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Sie kritisierten die Aggressoren des Krieges, das Patriarchat und den Eurozentrismus. „Im Großen und Ganzen war ich sehr überrascht, wie aktuell die Surrealistinnen noch sind“, wie Ingrid Pfeiffer gegenüber dem Deutschlandfunk sagte. Bis zum 24. März ist die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen und zeigt, wie surreal die Künstlerinnen waren und wie real ihre Unterdrückung – bis heute.