Christiane Arp im Portrait von Martin Fengel

Es braucht Unterstützung!

VOGUE-Chefredakteurin Christiane Arp über Nachwuchsförderung

Die Vogue hat die Macht. Und Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen Ausgabe, nutzt sie in Berlin um den deutschen Nachwuchs zu fördern. Fast könnte man meinen, sie habe damals vor vier Jahren, als sie den VOGUE Salon ins Leben rief, nur darauf gewartet, dass etwas in Berlin passiert, dass sie endlich eingreifen kann. Alle waren ganz aufgeregt als die Chefredakteurin, die sonst so kühle Blonde, einem donnernden Gefühlsausbruch gleich, beim VOGUE Empfang im Restaurant Borchardt, ihrem Unmut freien Lauf ließ und das unschöne Wort „Scheiße“ in den Mund nahm. In einem Spiegel-Artikel hatte vorab gestanden, dass Berlin als Modestandort gescheitert sei. Arp war da anderer Meinung. „Die deutsche Modewirklichkeit ist nach meinem Empfinden eine andere, als viele noch glauben“, diktierte sie wenig später dem Zeit Magazin und allen Skeptikern ins Mikrofon und trat mit ihrer Initiative zum richtigen Zeitpunkt vor die Kulissen.

Seitdem hat Arp viele der jungen deutschen Designer begleitet, wie Annelie Augustin und Odély Teboul, die gerade den internationalen Woolmark Prize Europe gewonnen haben oder Vladimir Karaleev, der die wohl stimmigste und ausdrucksstärkste Kollektion während der Berliner Modewoche zeigte. Oder eben Peeret Schaad, die ihre Arbeiten neben den buntbedruckten Seidenpyjamas des Münchener Labels Horror Vacui und den handgenähten Taschen von Stiebich & Rieth aus Hamburg erstmals im VOGUE Salon präsentierten.

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Freundschaftlich: Christiane Arp mit Johanna Perret und Tutia Schaad

Ein Gespräch mit VOGUE-Chefredakteurin Christiane Arp über Nachwuchsförderung, Deutschlands risikoscheue Modehändler und warum es endlich auch ein deutsches Fashion Council braucht.

Zum 7. Mal laden Sie Einkäufer und Presse in den „VOGUE Salon“ um junge Talente aus Deutschland zu entdecken. Was war der Auslöser sich trotz Sitz in München in Berlin für Nachwuchsdesigner zu engagieren?

Wir wollten junge deutsche Mode sichtbar machen. Wir haben uns damals überlegt, diese Initiative zu starten, gerade auch weil es immer hieß, es gäbe ja kein gutes Design in Deutschland. Berlin als eine der großen wichtigsten Kulturstädte Europas ist natürlich ein Melting Pot für junge Kreative. Deswegen haben wir vermutet, dass wir hier zuerst fündig werden. Mittlerweile haben wir aber ebenso deutsche Designer dabei, die in Frankfurt, München, Hamburg oder New York leben.

Wie scouten Sie die jungen Designer, die am VOGUE Salon teilnehmen dürfen? Gibt es Auswahlkriterien oder gehen Sie rein nach ihrem Instinkt?

Das ist komplett subjektiv. Aber nicht nur durch meine Brille betrachtet, sondern durch die Vogue Modebrille. Manchmal sieht man eine Kollektion, die ist spontan so überzeugend, wie es bei Achtland zum Beispiel der Fall war, da weiß man, die muss man jetzt sofort einladen. Und ein anderes Mal braucht es etwas Zeit, wie bei Perret Schaad. Die beiden haben wir schon länger beobachtet und begleitet, aber noch etwas abgewartet, weil wir sehen wollten, wie sich die Kollektionen entwickeln. Und schon in der letzten Saison hat man gesehen, dass hier eine erwachsenere Kollektion entsteht, dass sie vielschichtiger ist, eine Brandbreite hat und eine klare Handschrift bekommt. Deswegen haben wir jetzt gesagt: perfekter Zeitpunkt.

Ein Entwurf aus der Kollektion von Perret Schaad
Ein Entwurf aus der Kollektion von Perret Schaad


Die Vielfalt der Kollektionen im VOGUE Salon reicht vom verspielten Pyjamalabel Horror Vacui bis hin zum sachlichen Design von Julia Jentzsch. Gibt es in all dem so etwas wie eine eigene deutsche Handschrift?

Ich glaube nicht, dass es eine deutsche Handschrift gibt und finde auch nicht, dass wir danach suchen sollten. Gutes Design hat keinen Stempel. Und ich würde mir wünschen, dass genau diese Vielfalt sich in deutschem Design sichtbar macht.

Nur wird diese Vielfalt kaum im deutschen Handel sichtbar.

Genau deswegen bieten wir den jungen Designern die Vogue-Bühne und zeigen ihre Entwürfe in unserem Magazin. Aber wenn unsere Leserin ein Teil in einer unserer Modestrecken sieht, und es dann nicht kaufen kann, dann verliert sie irgendwann das Interesse. Deswegen ist es wichtig, dass die jungen Designer auch ihren Weg in den Handel finden, was sicherlich auch ein typisch deutsches Problem ist. Wenn man sich anschaut: Augustin Teboul haben gerade den internationalen Woolmark Prize gewonnen, Vladimir Karaleev war ebenfalls unter den Finalisten. Das zeigt: hier entsteht etwas, dass das gut ist und dass wir hier echte Talente haben. Aber beide verkaufen, soweit ich weiß, kein einziges Kollektionsteil in Deutschland. Sie verkaufen international.

Aber warum ist das so? Sind die Deutschen wie so oft zu ängstlich?

Ein Großteil des Handels ist sicher eher im Jetzt verankert und somit nicht zukunftsorientiert. Mittlerweile haben Frauen Zugang zu Mode in der ganzen Welt. Jede Kollektion, die irgendwo auf der Welt gezeigt wird, können sie sich im Internet anschauen und sicherlich irgendwo online bestellen. Das schafft eine neue Begehrlichkeit, die der stationäre Handel noch nicht reflektiert. Ich glaube, dass Frauen oftmals im stationären Handel in Deutschland nicht finden, was sie eigentlich wollen.

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Herrschaftlich: Der VOGUE Salon im Hotel de Rome in Berlin


Braucht es vielleicht auch in Deutschland endlich ein zentrales Fashion Council, so wie es in anderen Ländern längst der Fall ist?

Alle Städte, in denen die Fashion Week funktioniert, haben so eine zentrale Organisation. Es scheint also wichtig zu sein, eine solche regelnde Institution zu haben. Und Berlin muss sich endlich in den internationalen Kalender einfügen. Es kann nicht sein, dass ich jetzt hier mit Ihnen sitze, obwohl in Paris die Haute Couture Show von Valentino läuft. So wichtig mir mein Salon ist, die Haute Couture Show ist mir auch wichtig. Es braucht, um deutsche Mode zu fördern, einfach Menschen, die sich 365 Tage im Jahr darum kümmern und nicht nur drei Tage zweimal im Jahr. Und es braucht eine Kontinuität, dass ist das Entscheidende. Deswegen glaube ich, dass so eine Interessengemeinschaft, die an einem Strang zieht, auch bei uns wichtig ist.

Was lieben Sie an Mode?

Karl Lagerfeld.

Was würden Sie sich in der deutschen Mode wünschen?

Vielleicht, dass die deutsche Mode mehr ist wie er. Dass sie es schafft, mich immer wieder zu überraschen. Dass sie etwas hat, das so spontan wirkt und trotzdem professionell ist. Und ich wünsche mir, dass die deutsche Mode sich endlich von ihrem Kastendenken verabschiedet. Davon gibt es mir zu viel. Und das hier nicht immer alles eine Frage des Standortes ist und eine politische Diskussion, denn letztendlich geht es um die Sache: gutes Design.

Tim Labenda hatte am Tag davor schon den SYFB Award des Berliner Senats gewonnen
Ein Entwurf aus der Kollektion von Tim Labenda


Und was rufen Sie denjenigen entgegen, die behaupten, Mode in Deutschland wäre immer noch eine Parade der Nichtigkeiten und Berlin zu experimentell, zu unwichtig, zu desinteressiert?

Ich kann schwer ausmachen, woher diese Stimmen  eigentlich kommen, die das behaupten. Sind das Menschen, wie ich, die von Atelier zu Atelier pilgern um sich Kollektionen anzuschauen? Sind das Menschen, die sich viel Falsches angucken – und an dem Richtigen vorbeilaufen? Ich glaube, dass es endlich die richtige Plattform geben muss, eine inhaltliche Plattform für deutsche Mode. Es muss einen Grund geben, warum Menschen hierher kommen. Und diesen Grund können nur die, die Mode machen, selbst schaffen. Und wenn es den gibt, dann werden auch die Stimmen müde, die da immer wieder sagen: Was soll das eigentlich alles?