Ein Bild von einer Stadt

Berlin ist gerade mal wieder ziemlich angesagt: Mit Gucci und Givenchy dienen die brutal urbanen Landschaften der Hauptstadt gleich zwei einflussreichen Modehäusern als Kulisse aktueller Kampagnen

Wenige Designer lenken das momentane Modegeschehen so sehr mit wie Guccis Kreativdirektor Alessandro Michele. Mit schier allem, was er aktuell aus dem Hut zaubert, generiert der bärtige Italiener neue Hypes. Wenn sich Michele also dazu entschließt, die Gucci-Kampagne für Frühjahr-Sommer-2016 in Berlin zu fotografieren, dann hat das auch Konsequenzen für das Bild der deutschen Hauptstadt – schlagartig hat diese in Sachen Coolness im internationalen Vergleich wieder ein paar Punkte aufgeholt. Gesagt, getan: Michele schickte seine Bande Gucci-Models, darunter übrigens die Deutsche Mia Gruenwald, im 70er-Jahre-Look erst mal auf das Dach des etwas an Farbe verlorenen Maritim-Hotels. Im Hintergrund sind Gebäude der Friedrichstraße zu erkennen, die hell beleuchteten Kuppeln auf dem Gendarmenmarkt, ein Baukran sowie ein paar Plattenbauten-Reliquen aus der ehemaligen DDR – allesamt alte Vertraute im Stadtbild des Berliner Ostens.

Was uns Gucci in der neuen Kampagne kredenzt, passt sodann gut in unsere Vorstellung einer 70er-Jahre-Szenerie und passt doch irgendwie nicht: Weil wir eigentlich wissen, dass eine solche Szenerie in den echten Siebzigern in jenem Teil der Stadt, der damals im ummauerten DDR-Gebiet lag, so nicht hätte stattfinden können. Dort gab es zu genau dieser Zeit zumindest auf legalem Weg weder Gucci noch High Fashion – aber durchaus den Wunsch danach. Mit seiner Posse in „Westklamotte“ auf dem Dach eines Hotels herumlungern oder mit Pfau unter dem Arm durch U-Bahn-Passagen skaten, kam ob der befürchteten Konsequenzen (und sicherlich ob des Mangels an Pfau, Westklamotte und Skateboard), eher selten vor: Das Ostberlin der 70er Jahre war ein Fleckchen künstlich plangewirtschafteter Surrealität; ein urbanes Experiment unter einer sozialistischen Käseglocke.

Der Reichtum von Micheles mit ‚Carte de Tendre’ betitelter Kollektion hingegen, in der Lurex auf Seide und Chiffon trifft, Schlaghosen auf transparente Blusen und asiatische Prints auf Landkarten aus dem 17. Jahrhundert, bildet so einen fulminanten Kontrast zum realen Ostberlin der 70er Jahre. “Ich glaube, dass nicht alles, was man sieht, real ist”, sagte Michele nach der Präsentation seiner F/S 2016 Kollektion folgerichtig. “Man kann heute alles sein, was man will, auch, wenn das gar nicht existiert.”
Der artifizielle Schauplatz, den das Team von Fotograf Glen Luchford kreiert, ist also ein Trugbild, macht aber zumindest eins deutlich: Besonders schön erscheinen solche Ideen wohl erst im Kontrast zu den „brutalen urbanen Landschaften der deutschen Hauptstadt“, wie der italienische Kreativdirektor sie nannte.

 

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Fotografiert von Max von Gumppenberg und Patrick Bienert, Givenchy Kampagne Pre-Fall 2016

 

Deren brachialem „ostigen“ Charme erlag zeitnah ein weiterer Kreativdirektor: Riccardo Tisci ließ wiederum die neue Pre-Fall 2016 Kampagne für Givenchy in der deutschen Hauptstadt fotografieren und serviert die Bilder unter dem Hasthag #berlincalling auf Instagram. Fotografen Max von Gumppenberg und Patrick Bienert sowie Stylistin Katy England inszenierten die Kollektion ebenfalls vorzugsweise vor städtebaulichen Reliquien der ehemaligen DDR: Dem einstmals umjubelten sozialen Wohnungsbau mit Blick auf den Fernsehturm in der Karl-Marx-Allee, die zu ihren Glanzzeiten Stalinallee hieß, als auch im Kino International. All das übrigens bei grauem Himmel und mit rotem Kleinwagen, altem Laster oder schwer bepacktem Fahrradfahrer im Rücken der ausdruckslos dreinschauenden Models.

Der Kontrast zwischen Alltag und Anlass scheint in diesen Bildern zu verschwimmen – wenn auch mit Kalkül. In kreischend pinken Schnürstiefeletten zu einem cremeweißen Seiden-Spitzenkleid posiert das Modell auf der einstigen Vorzeigestraße der DDR, die schon lange nicht mehr als Sehnsuchtsort ihren Dienst erweist. Gerade wegen dieses Verstoßes gegen die ungeschriebene Kleiderordnung scheinen die angepriesenen Kleidungsstücke das Leben glamouröser und aufregender zu machen. Mit diesen Anzeigen sollen also luxuriöse Fluchten aus der Tristesse des grauen Alltags verkauft werden. Das gelingt mit Hilfe des übersteigerten Freiheitsgefühls, das Berlins brutal ehrliche Architektur als geschichtliche Kulisse transportiert.