Diehm Bespoke Design: Mehr als auf den Leib geschneidert

Regents Meister des Herrentailorings, Detlev Diehm, hat in München nebenbei sein eigenes Atelier gegründet

Die momentane Mode wird von zwei Strömungen beeinflusst. Die erste ist ein reißender Fluss. Sie steht für ein System der industriellen Fertigung, das sich in immer kürzeren Abständen erneuert. Und zwar in einem derart rasanten Tempo, dass es Gefahr läuft , sich selbst zu überholen. Produkte, die diesem Fluss entspringen, sind in der Regel genauso schnell wieder verschwunden wie sie auftauchen. Die andere Strömung fließt langsam und stetig rückwärts. Sie verweigert sich der entfremdeten Welt, sehnt sich nach Tradition und Inhalt, nach Dingen, die erst über die Jahre an Wert gewinnen und die mit den Händen entstehen.

Alles andere als fast fashion, das hat sich auch Detlev Diehm auf die Fahnen geschrieben. Seit über zwei Dekaden arbeitet der Modedesigner bei Regent. Als Fels in der Brandung hält er dem in letzter Zeit von Insolvenz und mehrmaligem Eigentümerwechsel angeschlagenen Herrenausstatter aus dem fränkischen Weißenburg auch weiter die Treue. Nebenbei hat er aber jetzt mit Diehm Bespoke Design in München ein eigenes Atelier für maßgeschneiderte Anzüge eröffnet, was ihm „unfassbar viel Spaß“ bereitet.

“Die Menschen sehnen sich nach bleibenden Werten und Dingen, die halten” – Detlev Diehm

Dass er mit der Maßschneiderei auf gewisse Weise den Zeitgeist trifft, ist dem Modeschöpfer selbstverständlich bewusst. „Handwerk und Manufaktur sind die Schlagworte der Stunde“, befindet Diehm. „Die Menschen sehnen sich eben nach bleibenden Werten und Dingen, die halten. Momentan ist deshalb alles mit dem Label craft versehen, egal ob Bier oder Fahrräder. Natürlich ist ein maß- geschneiderter Anzug teurer als einer von der Stange. Es braucht auch ein gewisses kulturelles Verständnis, um sich einen anfertigen zu lassen.“ Zum Glück kämen aber viele seiner Kunden selbst aus der Modebranche. Da sei das gegeben.

Diehm Bespoke Design ist auch eine Reaktion auf das Gebärden vieler großer Modeunternehmen, die vor ein paar Jahren begannen, scheinbar wahllos ihre Markenkommunikation mit Worten wie bespoke oder handmade zu schmücken, die in der maschinell gefertigten ready-to-wear eben gar nicht existiert. „Da sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man das hinterfragen sollte“, findet Diehm. Er hingegen geht zurück zu den Anfängen der klassischen Herrenschneiderei.

Bei maßgeschneiderten Anzügen wird die individuelle Silhouette selbst ein Teil des Designs

Seine Erfahrungen bei Regent kommen ihm da sicherlich zu Gute. Immerhin ist hier von Deutschlands einzigem Herrenausstatter die Rede, bei dem alle Anzüge noch komplett in Handarbeit gefertigt werden – allerdings nicht als bespoke tailoring, wie man es von einem klassischen Schneider kennt. Neben den wechselnden Kollektionen besteht bei Regent rund ein Drittel des Geschäfts aus dem Einkleiden von Made-to-Measure-Kunden, denen ihr Anzug auf Basis von mehreren bestehenden Modellen an den Körper angepasst wird. „Der Unterschied ist, dass bei richtigen maßgeschneiderten Anzügen erst der Körper vermessen wird und dann der Schnitt entsteht“, erklärt Diehm. „Die individuelle Silhouette fließt deshalb in die Gestaltung des Anzuges mit ein und wird selbst ein Teil des Designs.“

Auf das legt Diehm übrigens besonders viel Wert, nicht umsonst heißt sein eigenes Label Diehm Bespoke Design. „Ich arbeite seit 30 Jahren als Modedesigner, das möchte ich nicht aufgeben“, sagt er. „Ich versuche deshalb, die Schneiderei mit modischer Gestaltung zu verknüpfen. Dabei gehe ich auf alle Kundenwünsche ein. Dennoch tragen die Anzüge auch meine Handschrift.“ Locker sitzend oder eher körpernah: Alles geht, scheint da momentan die Devise zu sein. Allerdings: Zweireihige Sakkos seien besonders gefragt. Für einen Kunden hat er gerade ein Modell mit einem extrem taillierten Sakko entworfen, dazu eine überweite Hose mit tiefen Bundfalten. „Das sieht richtig klasse aus“, findet Diehm.

Bei Diehm Bespoke Design entsteht im Alleingang und in Handarbeit. Von der Vermessung bis zur Sakkoeinlage

An seinen Anzügen arbeitet der Designer komplett allein, von der Vermessung über den Schnitt bis zur letzten Naht. Selbst die klassische Sakkoeinlage aus Kamel- und Rosshaar – sozusagen das Grundgerüst des gesamten Anzuges, welches die Schultern, Brust und Taille unsichtbar von innen heraus stützt und modelliert – entsteht bei Diehm in Handarbeit. Einen ganzen Tag braucht er allein dafür, die Materialien zuzuschneiden und so zu verarbeiten, dass sie praktisch gegeneinanderdrücken, um in der Spannung Halt zu erzeugen. „Einige Leute würden das für verrückt halten, so viel Zeit in etwas zu investieren, das man hinterher nicht sieht“, meint der Perfektionist, „aber ohne die Einlage wäre ein Sakko kaum mehr als ein Hemd.“

Für einen Anzug braucht Diehm so schon mal 80 bis 100 Stunden bis zur Fertigstellung. Das schlägt sich auf den Preis nieder. Zwischen 2.800 und 3.500 Euro kostet so ein maßgeschneidertes Modell aus seinem Atelier, je nach Material und Schnitt. Dafür hat der Käufer lange etwas davon. „Zumindest, wenn er etwas pfleglicher mit seinen Anzügen umgeht als ich“, fügt Diehm lachend hinzu. „Früher, als man noch extrem schwere englische Stoffe verarbeitete, konnte man wirklich von Mehrgenerationenanzügen sprechen“, erklärt der Schöpfer. „Generell sind die Grammaturen heutzutage viel niedriger, wobei momentan wieder verstärkt nach etwas Handfesterem gefragt wird.“ Die Sehnsucht nach Dingen die halten, manifestiert sich also nicht zuletzt in den Stoffen, die uns umhüllen.

Dabei ist es nicht nur das Beständige, was Diehm an seinen Anzügen schätzt. „In meinen Augen sieht ein guter maßgeschneiderter Anzug einfach niemals steif oder altmodisch aus, im Gegenteil.“ Diehms Anzüge geben seinem Träger Halt und Stärke, sie können dabei aber auch unglaublich leicht sein. Das hat etwas Elegantes und gleichzeitig Lässiges. Es scheint also zu stimmen, wenn Diehm sagt: „Ein guter Anzug ist wie ein guter Freund. Er passt in alle Lebenslagen.“

Dieser Artikel ist erstmals erschienen in Achtung Ausgabe 33, März 2017.