Ein bisschen weniger Ladies-Lunch, dafür mehr Realitätssinn hätte Rena Lange vielleicht in eine sichere Zukunft geführt. Stattdessen ist das Traditionsunternehmen pleite.

Die Rudigiers

Die selbsternannten Modernisierer der deutschen Mode scheitern erstmals

Luxus-Konglomerate in der Mode? Das kannte man bisher nur aus Frankreich. Lediglich die deutsche JAB Holding der Milliardärsfamilie Reimann (Belstaff, Jimmy Choo, Bally), die ehemals unter dem Namen Labellux fimierte, und die Schweizer Holy Group (Strellson, Windsor, Joop) versuchten sich bisher im deutschsprachigem Raum als LVMH in Kleinformat. Dass es aber durchaus noch Ambitionen nach modischer Expansion gibt, beweist ein Power-Paar aus Salzburg. Die Rudigiers, ein Name, an den man sich (vielleicht) schon bald in der europäischen Modewelt gewöhnen muss, denn ganz offensichtlich will das Ehepaar, Claudia und Dr. Siegmund Rudigier, mit seinem Unternehmen zu einer Luxusgruppe werden. Auf der bisherigen Einkaufsliste: 2010 die italienische Jackenmarke Mabrun, 2012 der österreichische Hemden- und Textilkonfektionär Gloriette und das deutsche Luxuslabel Rena Lange. Im Dezember letzten Jahres folgte dann die Mehrheitsbeteiligung beim fränkischen Premium-Label St. Emile. Synergien schaffen – lautet das unternehmerische Zauberwort, etwas, was gerade den deutschen, oft familiengeführten Modemarken traditionell eher schwer fiel.

Dass Rudigier eigentlich durchaus über genügend Branchenerfahrung verfügt, um im Haifischbecken des internationalen Modebusiness zu überleben, zeigen seine bisherigen Stationen als Marketing-Direktor bei Wolford oder Vertriebsvorstand von Donna Karan. Zuletzt war er als CEO bei der Porsche Design Group tätig. Die Trennung folgte 2006, hinter vorgehaltener Hand, im Streit über das Wachstumstempo. Rudigier konnte es anscheinend nicht schnell genug gehen mit den sehr hohen Investitionen in aufwendige Geschäfte an sündhaft teuren Standorten. Dem sparsamen Porsche-Chef Wiedeking drückte er dabei offensichtlich zu sehr aufs Gas.

Ehrgeizige Ziele kann Rudigier nun also selbst ausgeben. Und so will man auch beim Neuzugang St. Emile vor allem den Ausbau um arrondierende Segmente wie Sonnenbrillen und Düfte sowie die Internationalisierung des Labels vorantreiben. Auch bei Rena Lange hatte man sich Grosses vorgenommen und zeitweise schien  dies auch geglückt. Zumindest hatte man sich Anfang des Jahres in Paris mal eben ein Geschäft mit geradezu Super-Flagship-Qualitäten unter den Nagel gerissen: 332 m² an der renommierten Rue du Faubourg Saint Honoré, direkt gegenüber vom Luxushotel Le Bristol.

Einzig und allein die Kollektionen ließen bisher die Strahlkraft der luxuriösen Pret-à-Porter der einstigen Gründerin Renate Günthert vermissen. So musste dann im Mai auch die bisherige Designerin Annick Gorman nach nur einem Jahr gehen. Neuer Kreativdirektor ist Ludwig Heissmeyer, der zuvor zehn Jahre als Design Director bei Caroline Herrera tätig war. Seinen Job so richtig mit Freude antreten, konnte Heissmeyer jedoch nicht. Mitte September wurde die Insolvenz des traditionsreichen Modeunternehmens aus München bekannt gegeben – nach Escada und Strenesse nun also schon das dritte deutsche Traditionshaus, welches den Wechsel vom inhabergeführten Modeunternehmen in die Zukunft verpasst hat. Rudigiers Holding hatte das Modehaus im Dezember 2012 von Daniel Günthert, dem Sohn des Gründerpaares, übernommen. Mit der Verpflichtung von Annick Gorman als neue Head-Designerin wollte man “das gute Erbe der Marke Rena Lange in die Zukunft tragen.” Doch schon die erste Kollektion unter der Federführung der Kreativen erwies sich als biederer Kaufhaus-Chic. Wahrlich nichts für die trendbewussten Töchter, der unlängst in die Jahre gekommenen Stammkundinnen. Nun sollte also Ludwig Heissmeyer retten, was anscheinend nicht mehr zu retten war.

Das Wechselkarussell der Designer à la Bernard Arnault und somit die Spielregeln des internationalen Luxusgeschäfts scheint also auch Rudigier schon zu beherrschen. Ob das alleine ausreicht, bleibt fraglich. „Ich war lange genug Trainer. Jetzt will ich mitspielen“, sagte er der „Textilwirtschaft“ in einem Interview. Der deutschsprachigen Modewelt wäre bei so viel Wille zumindest eine Verlängerung zu wünschen. Nach der Insolvenz bei Rena Lange bleibt abzuwarten, wie lange seine Spielzeit wirklich dauert.