Seit 2010 führt Tanja Wagner ihre Galerie in Berlin. Foto: Daniel Farò.

Die Perspektive zählt

Die Galerie Tanja Wagner zeigt fast ausschließlich weibliche Künstlerinnen. In BODY, einer ihrer letzten Ausstellungen, widmete sie sich mit Fotografien von Lina Scheynius dem Körper - mit all seinen Ecken, Kanten, Rundungen und Öffnungen

„The exhibition includes some sexually explicit visual material“ ist auf der verspiegelten Scheibe der Tür zu lesen. Um die Ausstellung BODY in der Galerie Tanja Wagner zu betreten, muss erst einmal geklingelt werden. Dahinter finden sich die Arbeiten der schwedischen Fotografin Lina Scheynius. Und explizit das sind sie: ungeschönt, ehrlich und nackt. Seit 2010 führt Tanja Wagner ihre eigene Galerie in Berlin Schöneberg, nahe der Kurfürstenstraße, wo man nun diese intimen Momentaufnahmen sehen kann. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Stationen bei großen Namen der Kunstszene wie der Galerie Max Hetzler und dem Centre Pompidou in Paris, war klar: sie möchte ihr eigenes Programm formulieren. Und dies lautete für sie: hauptsächlich auf weibliche Künstlerinnen zu setzen – von Performance-Kunst über Malerei bis hin zur Fotografie.  Zum diesjährigen Berliner Gallery Weekend eröffnete sie gerade ihre nächste Ausstellung: We come with a bow – die inzwischen fünfte Solo-Ausstellung der Bosnischen Künstlerin Šejla Kamerić. Damit bietet Tanja Wagner erneut einer starken weiblichen Position einen Raum, um Themen wie Gleichberechtigung und Stereotypisierung öffentlich zu besprechen. 

“We come with a bow” ist noch bis zum 15. Juni in der Galerie Tanja Wagner zu sehen.

Mit Achtung Digital sprachen Tanja Wagner und die Fotografin Lina Scheynius über ihre vergangene Ausstellung, weibliche Perspektiven und unsinnige Einschränkungen auf sozialen Medien. 

Die Ausstellung BODY in der Galerie Tanja Wagner.

Achtung Digital: Was macht Berlin als Standort für eine Galerie besonders?

Tanja Wagner: Ich wollte unbedingt nach Berlin. Es war so lebendig, offen und weit. Nicht nur die Stadt selbst, auch der Horizont. Berlin hat eben eine wahnsinnig hohe Lebensqualität. Glücklicherweise ist die Stadt auch noch immer individuell, bietet Freiräume. Noch gibt es den Platz um sich zu entfalten und auszuprobieren. Aber das muss auch gepflegt und behütet werden, um diese Stadt so lebendig zu erhalten.

AD: Du stellst größtenteils weibliche Künstlerinnen aus, warum?

TW: Mir sagte eine Kollegin einmal, sie würde ja gerne mehr Künstlerinnen ausstellen, aber es gäbe so wenig Gute. Das hat mich irritiert und ich dachte: „In our day and age ist das immer noch so ein Thema?“ Dann habe ich bewusst danach geschaut und sehr schnell genügend Künstlerinnen gefunden mit denen ich die Galerie eröffnen wollte. Das war der Startschuss. Das Programm hat sich dann mit diesen starken weiblichen Positionen ganz organisch so weiterentwickelt. Das wollte ich aber nie besonders thematisieren oder politisieren. Es geht darin um den Menschen und darum, relevante Themen auf eine bestimmte Weise anzusprechen. Um eine Einladung zum Austausch und keinen Fingerzeig.

Lina Scheynius, untitled (diary), 2009.

AD: Welche Rolle spielt dabei der weibliche Blickwinkel? Gerade wenn Nacktheit und Sinnlichkeit dargestellt werden.

TW: In der Kunstgeschichte wurden diese Themen meist nur aus einem männlichen Blickwinkel behandelt. Da ist der weibliche Körper oft objekthaft dargestellt und wird als Selbstverständlichkeit betrachtet. Das ist das Tolle an den Künstlerinnen mit denen ich arbeite. Lina zum Beispiel schafft es mit ihrem Blickwinkel eine Verletzlichkeit zu transportieren. Eine Wertschätzung für den Körper, eine Intimität, bei der alles sein darf und die alles miteinschließt: die tollen, ekstatischen Seiten, genauso wie die Verletzlichen. Eine solche Sinnlichkeit in den Kunstmarkt zu infiltrieren, das interessiert mich. Wer kann sich dafür öffnen und wer nicht?

Lina Scheynius, untitled (diary), 2018.

AD: Glaubst Du, dass Du es als Frau in dem Business schwerer hast?

TW: So wie ich arbeite, was ich zeige und wie ich lebe, das wäre vor 20 Jahren so nicht möglich gewesen. Da ging es noch auf eine sehr männlich dominante Art viel stärker um Behauptung und Konkurrenz. Und das ist auch heute noch lange nicht ganz verschwunden. Ich glaube aber, dass da gerade ein Wandel stattfindet.

AD: Der Titel Eurer Ausstellung lautete BODY. Warum genau?

Lina Scheynius: Wir hatten das Bedürfnis den weiblichen Körper in allen seinen Formen zu zeigen. Dabei sind Bilder meiner schwangeren besten Freundin und welche aus ihrem Kreissaal. Da sind Bilder einer älteren Freundin beim Sex mit ihrem Partner oder nackt in einem Teich schwimmend. Und da sind viele Selbstportraits, auch welche gemeinsam mit ehemaligen Partnern. Da ist viel Haut. Alles ist sehr roh, aber auch wunderschön. Es ist sozusagen eine Auseinandersetzung, ein Zelebrieren des Körpers und davon Mensch zu sein.

Lina Scheynius, untitled (diary), 2017.

AD: Wie reagieren die Leute auf eine Ausstellung wie BODY?

TW: Als Frau eine Fotografin auszustellen, die diese Themen behandelt, ist allein wegen der Reaktionen darauf schon total spannend. Wir haben im Vorfeld viel darüber gesprochen, welche Arbeiten wir zeigen wollen. Dabei sind ja auch einige radikale Arbeiten, die noch nie zuvor veröffentlicht wurden. Die Plazenta oder der mit Menstruationsblut verschmierte Penis. Am Ende haben wir genau diese Arbeiten zuerst verkauft. Das fand ich toll. Und zu sehen, dass es viele Besucher*innen einfach berührt: junge Frauen, ältere Herren und alle möglichen Formen von Gender. Vielleicht gibt es da ja doch eine universale Sprache.

Lina Scheynius, untitled (diary), 2018.

AD: Viele der Bilder in BODY konnten auf Grund „pornografischen Inhalts“ zum Beispiel auf Plattformen wie Instagram nie veröffentlicht werden. Fühlst Du dich manchmal eingeschränkt?

LS: Ja. Besonders, weil ich mit einer großen Followerschaft auf einer anderen Plattform angefangen habe, wo Nacktheit kein Problem war. Also war ich es gewöhnt meine Arbeiten online zu zeigen und damit ein großes Publikum zu erreichen. Mich an die Richtung anzupassen, in die sich das Internet zurzeit entwickelt, fällt mir schwer. 

AD: Wie stehst Du als Galeristin zu solchen Einschränkungen im Kontext mit Kunst?

TW: Das ist total bescheuert. Nippel verpixeln zu müssen finde ich einfach albern. Allein, dass man im Jahr 2019 noch einen Männeroberkörper nackt zeigen darf und einen Weiblichen nicht – das ist doch irre! Was diese Sexualisierung des weiblichen Körpers mit der Psyche macht und wie tief diese in unseren Köpfen verwurzelt ist. Das Spannende an Linas Arbeiten ist ja gerade, dass sie im Grunde genommen das Normalste der Welt zeigen: Menstruationsblut, Sexualität, Intimität, Falten, Öffnungen, Geburten, die Umwelt.

Lina Scheynius, untitled (diary), 2018.

AD: Habt Ihr manchmal Angst, mit dem was Ihr zeigt zu weit zu gehen?

LS: Ja schon, manchmal bin ich etwas schüchtern oder habe Angst diese Dinge zu zeigen. Aber das ist auch das, was meiner Arbeit ihre Kraft gibt. Ich zeige mich damit verletzlich und die, die es mögen, erkennen sich selbst darin wieder. Ich glaube daran, offen mit den Leuten zu sein. Das verbindet einander und man fühlt sich weniger allein. 

TW: Nein, gar nicht. Ich finde es wichtig den ganzen Kosmos zu zeigen. Schließlich entscheidet man sich ja freiwillig dazu, sich mit dieser Art von Kunst zu beschäftigen.
Dafür klebt an der Tür extra ein Satz, damit die Leute vorher wissen, dass das Gezeigte teilweise explizit ist.

Lina Scheynius, untitled (diary), 2008.

 

Courtesy Galerie Tanja Wagner, Berlin.