Die Perfektionistin

Jil Sander, die eine der größten deutschen Modemarken schuf, ist wieder da. Die Ausstellung in Frankfurt zeigt, wie wichtig ihre Vision war und stellt einmal mehr die Frage, kann die Marke ohne ihre Gründerin existieren?

Es war an einem bitterkalten Wintertag im Februar 2000 in Mailand, da habe ich Jil Sander geküsst. Ich habe sie fest in den Arm genommen und geküsst. Und wir haben geweint. Alle haben geweint an diesem Tag. Von Suzy Menkes bis zu Carine Roitfeld. Es war nach jener Schau, mit der Jil Sander sich von „Jil Sander“ verabschiedete. Nur vier Monate, nachdem Prada-Chef Patrizio Bertelli bekannt gemacht hatte, dass er 75 % der Stammaktien und 15 % der Vorzugsaktien von Jil Sander gekauft habe. Der Deal hat Jil Sander zur reichen Frau gemacht – 275 Millionen DM wurde damals geschätzt. Die kurze Mailänder Ehe soll ein Desaster gewesen sein. Offenbar prallten ein toskanischer und ein hanseatischer Dickschädel aufeinander. Bertelli wollte große Auflagen und niedrigere Preislagen. Jil Sander wollte Qualität und elitäre Kollektionen. Nach diesem spektakulären Abschied gabelte sich das Schicksal der beiden Namensträger: Die Jil Sander AG stolperte von Katastrophe zu Katastrophe. Und Jil Sander, die zarte Frau, war wohl zum ersten Mal in ihrem Leben glücklich und entspannt. Führte ein Leben in Muße, reiste mit ihrer Lebensgefährtin Dickie Mommsen, kümmerte sich um Kunst und Gartenbau. Zeitweilig war von einem großen Anwesen auf Mallorca die Rede.

Im Endeffekt war sie mit diesem Leben in viel zu früher Muße nicht zufrieden. Und die Deutschen vermissten sie. Jil Sander war für die Deutschen immer eine Vorzeigefrau. Sie hat in ihrer Generation alles vorweggenommen, was heute zum Ideal einer modernen jungen Frau gehört. Sie hat sich 1968 mit 24 Jahren selbständig gemacht. Sie hat schwere Jahre gehabt und sich mühsam durchgebissen. Sie hat fast ein Jahrzehnt gebraucht, vom Gründungsjahr ihrer Boutique in Hamburg 1968 bis 1978, um sich Anerkennung zu verschaffen. Was sie von Anfang an verfolgte, war nicht die dekorierte Frau, war nicht „Das Schmuckstück“ aus dem gleichnamigen Film mit Catherine Deneuve. Sie hat sich von Anfang an der klassischen Moderne verpflichtet gefühlt. Das ist das, was mit dem Epochen-Stichwort „Bauhaus“ verbunden ist: Das Klare, Gradlinige, Kantige, Sachliche. Weiß, Grau, Schwarz, Dunkelblau. Das Kompromisslose. Als sie 1968 in einem ehemaligen Lampenladen im feinen Hamburger Stadtteil Pöseldorf ihre Boutique eröffnete, war die innen schneeweiß und von außen pechschwarz.

Ihr Durchbruch läßt auf sich warten. Sie ist indes so von sich überzeugt, dass sie 1977 in Paris mit ihrer Kollektion auf den Laufsteg geht. Was ein grandioser Flop wird. Heute weiß man, warum. Nach der 68er Revolution waren die Siebziger das Jahrzehnt, in dem die Mode besonders heftig über die Stränge schlug. Man tobte sich aus. Alles war erlaubt. Die Stars des Jahrzehnts waren in Paris Thierry Mugler und Claude Montana, in Mailand Gianni Versace und Valentino. Parallel tobte ein Siegeszug des schlechten Geschmacks. Einige Jahre nach Mary Quant provozierte in der Kings Road Vivienne Westwood, die intellektuelle Rebellin, die bis heute die Szene aufmischt. Nach ihr kam Jean Paul Gaultier. Und dann das enfant terrible schlechthin, John Galliano mit und ohne Dior. Das alles war nicht die Welt von Jil Sander. Sie war von Anfang an die Puristin, die Inkarnation der Perfektion. Sie machte von Anfang an eine Mode für Frauen mit Klasse, eine Mode für selbstbewusste Frauen, die ihr Geld selbst verdienten, für Frauen, die respektvoll behandelt werden wollen. Das Schmeichelnde, das Feminine – das kam in ihren Kollektionen immer über das Material. Kurzum, sie machte Mode für Frauen, wie sie selbst. Sie soll einmal gesagt haben: „Ein Kleid ist dann perfekt, wenn man nichts mehr weglassen kann.“ Eine ähnliche Radikalität gibt es in der Designgeschichte nur noch einmal, und zwar bei Balenciaga.

Der große Durchbruch für Jil Sander und ihre Marke kam, als Herbert Frommen, der legendäre Mann von Lancaster (heute Teil des Coty-Konzerns) auf die Idee kam, einen Duft mit ihrem Namen zu lancieren. Das war 1978. Jil Sander bekam ein Gesicht. Für das Foto, das dann fast ein Jahrzehnt lang für die Identität der Marke stand, brauchte man damals in New York eine komplette Woche. Es war das Gesicht einer makellosen Schönheit. Aber es wurde mehr. Es wurde das Gesicht einer Epoche. Und zwar dieser neuen Epoche der Karrierefrau. Das hatte es zuvor nur einmal gegeben: Bei der Duft-Kampagne von Yves St. Laurent in den Sechziger Jahren, als sich zum ersten Mal ein berühmter Mann nackt vor die Kamera wagte. Mit der Marken-Kampagne ging es raketenartig nach oben. Die Achtziger Jahre wurden so erfolgreich, dass Jil Sander 1989 als eine der ersten deutschen Modefirmen an die Börse ging. Und dann kamen gewaltige Investitionen in den Ausbau der Marke, in die Etablierung von Flagship-Stores in Asien und in Europa, die so teuer waren, dass Jil Sander zwangsläufig an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stieß. Ihre trotzigste Investition 1993 war die in Paris, in das ehemalige Maison von Madame Vionnet. Deswegen kommt 1999 der Wendepunkt und sie verkauft ein wesentliches Aktienpaket an Prada. Sie fühlt sich befreit. Endlich nicht mehr die Doppel-Last des Firmen- und des Kreativchefs. Diese Ehe Prada-Sander geht nach wenigen Monaten schief. Und damit sind wir wieder bei unserem tränenreichen Abschied im Februar 2000 in Mailand.

Von da erleben wir ein ständiges Wechselbad. 2000 Abschied von der Prada-beherrschten Jil Sander AG. 2003 wird sie wiedergeholt. Im November 2004 geht sie wieder. 2006 verkauft Prada Jil Sander an Change Capital Partners in London. Ende 2006 wird die Jil Sander AG von der Börse genommen. Oktober 2008: Change Capital Partners verkauft an die japanische Onward Holding und deren italienische Tochter Gibo. Im Frühjahr 2009 wird Jil Sander Beraterin der japanischen Firma Uniqlo Fast Retailing. Im Februar 2012 wird sie wieder zu Jil Sander geholt. Im Oktober 2013 geht sie wieder weg. Es bleibt am Ende einer großen Karriere die Frage: Können die Design-Häuser ohne ihre Begründer existieren? Auf lange Sicht müssen sie es. Aber jetzt? Nein. Eine Marke braucht eine Seele. Diese Seele muss personifiziert sein. In der Geschichte der Mode war das immer ein natürlicher Prozess. Giorgio Armani hat Armani erfunden und ist bis heute die Seele. Karl Lagerfeld ist die Seele von Chanel. Die Porsches und die Piechs sind die Seele von Porsche. Zinkanns sind die Seele von Miele. Die Ottos die von Otto.

Wenn man keine Seele hat, muss man eine erfinden. George Clooney wurde die Seele von Nespresso. Coco Chanel ist 88 Jahre alt geworden und saß bis zur letzten Stunde auf dem berühmten Treppchen in der Rue Cambon. So verrückt das auch klingt: Ich glaube, dass Jil Sander bis auf weiteres ohne Jil Sander nicht leben kann.

Dieser Artikel wurde erstmals in Achtung Mode Nr. 27 (März 2014) veröffentlicht. Die Ausstellung Jil Sander. Präsens ist noch bis zum 06. Mai 2018 in Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen.