Mit seiner Mode aus Materialien von Wiener Flohmärkten behandelt Christoph Rumpf das Thema Nachhaltigkeit mal anders.

Des Prinzen neue/alte Kleider

Mit einer Kollektion aus Flohmarktfunden gewann Christoph Rumpf das diesjährige Festival of Fashion and Photography in Hyères. Jetzt eröffnete er damit die Berliner Fashion Week und erzählt seine Geschichte weiter

Sich an einem Sonntagvormittag durch verstaubte Kronleuchter und muffige Teppiche zu wühlen, um dann mit abgebrühten Händlern um die Preise zu feilschen: nicht gerade High Fashion sollte man meinen. Bis jetzt. 

Denn genau hier beginnt das österreichische Designtalent Christoph Rumpf seine Arbeit – jeden Samstag ist er auf einem, jeden Sonntag auf drei Wiener Flohmärkten unterwegs. Und wozu? Statt für seine Kollektionen ständig neue Materialien zu produzieren, greift er lieber auf vorhandene Ressourcen zurück. Und erinnert damit einmal mehr daran, dass Nachhaltigkeit auch in der Modewelt ein inzwischen unumgängliches Thema ist.

Von Vorhängen und Perserteppichen, bis hin zum Kronleuchter: ausrangierte Schätze, dessen Zauber oft mehr in den Geschichten liegt, die man hinter ihnen vermutet als in ihrem materiellen Wert. Geschichten, die der Stoff sind aus dem Christoph Rumpf Mode macht. Seine Kollektionen entstehen fast ausschließlich aus Trödelfunden und sogenanntem Dead Stock, in Produktionen übriggebliebene oder nicht verwendete Stoffe, die er so wieder zum Leben erweckt.

Christoph Rumpf fotografiert von Pierrick Rocher.

Noch mitten im Designstudium gewann der 25-Jährige aus der Steiermark im April den begehrten Nachwuchs-Designer-Preis: den Grand Prix du jury Première Vision des International Festivals of Fashion and Photography in Hyères. Und seine Mode? Die ist alles andere als staubig. Opulent, großzügig und schillernd: eine Kollektion, die zwischen Perlenstickereien und Perserteppichen gängige Geschlechterrollen beinahe aufzulösen scheint.

Erst kürzlich eröffnete Christoph Rumpf mit seiner Show die Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin. Mit Achtung Digital sprach der Jungdesigner über seine Mode und dessen Geschichten.

Achtung Digital: Dein Sieg in Hyères ist jetzt etwa drei Monate her, wie war das? 

Christoph Rumpf: Ziemlich viel auf einmal. Die ersten 20 Minuten waren mit Abstand die anstrengendsten. Ich war total in Schock und dann kamen noch diese ganzen Fragen. Der zweite Tag war dann aber toll. Auch wenn das alles ziemlich überraschend kam. Als ich meine Kollektion eingeschickt habe dachte ich mir noch: probieren wir’s mal, ist sicher lustig. Ich bin ja noch nicht mal fertig bin mit dem Studium. Und jetzt habe ich gewonnen.

AD: Was hat sich seitdem für Dich geändert?

CR: Mein E-Mail Kontakt. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Emails geschrieben. Plötzlich ist so viel geplant und ich habe so viele Optionen.

Nach seinem Sieg in Hyères eröffnete Christoph Rumpf mit seiner Kollektion die Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin.

AD: Natacha Ramsay-Levi, die in Hyères in der Jury saß, sagte nach Deinem Sieg: “We were looking for someone with their own world and their own identity” – Wie würdest Du diese eigene Welt beschreiben?

CR: Ich finde es schwierig etwas schon jetzt „meine eigene Welt“ zu nennen. Ich weiß nur was die Leute darüber sagen und das ist meistens „opulent“. Es gibt aber noch so viele verschiedene Dinge, die mir gefallen. Ich glaube auch, dass jede meiner Kollektionen sehr anders sein wird.

AD: Wie behandelst Du das Thema Nachhaltigkeit in Deiner Mode?

CR: Ich wollte eine Kollektion machen, die den Leuten etwas bringt und gleichzeitig der Umwelt nicht schadet. Die Ausgangsmaterialien kaufe ich auf Flohmärkten und nutze Dead Stock, aber ich möchte diese Stoffe auch reproduzieren können. Nur eben so, dass sich verfolgen lässt, woher sie kommen. Ich finde das ist ein guter Weg Mode und Nachhaltigkeit zu verbinden. Momentan ist das für mich noch sehr einfach, weil ich als kleiner Designer nicht in großen Massen produzieren muss. Aber das will ich auch nicht. Ich möchte ein kleines Label bleiben, weiterhin sustainable arbeiten und lokal produzieren. Es ist nicht mein Ziel damit super reich zu werden. Auch darauf zu achten, wem man Arbeit gibt und welche Models man auswählt ist mir wichtig.

AD: Materialien die Du auf Flohmärkten findest, wie entsteht daraus eine Kollektion?

CR: Ich gehe jeden Samstag auf einen und jeden Sonntag auf drei Flohmärkte und suche einfach danach, was mir gefällt. Das ist eine ziemlich ästhetische Entscheidung. Die geht dann Hand in Hand mit einer Geschichte zur Kollektion, die ich im Hinterkopf habe. Ich mag es lieber mit Geschichten zu arbeiten, als mit festen Konzepten. Du kannst die Geschichte jederzeit verändern. Das liebe ich. 

Seine Mode ist großzügig und skulptural.

AD: Deine Kollektion erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der im Dschungel aufwächst, dann in die Zivilisation zurückkehrt und sich als ein lang vermisster Prinz entpuppt. Dort fällt es ihm schwer seiner neuen gesellschaftlichen Rolle gerecht zu werden. Wie kamst Du zu dieser Geschichte?

CR: Es gibt da einen Bezug zu meiner eigenen Geschichte. Ich komme ja wirklich vom Land und hatte in meinem Heimatdorf nie viele Freunde. Mit 17 bin ich dort ausgezogen, erst nach Graz und gleich darauf nach Wien. Da hatte ich dann plötzlich extrem viele Freunde und ein sehr soziales Leben. Auch für mich war das am Anfang alles zu viel. Das Leben auf dem Land ist eben ein ganz anderes als das in der Stadt.

AD: Wie sieht die Modeszene in Österreich denn eigentlich so aus?

CR: Die ist klein und sehr überschaubar. Allerdings wird sie viel gefördert, was ich super finde. Viele verlassen Österreich dann aber, weil der Kunde nicht dort ist. Nach meinem Diplom will ich auch gehen, dann möchte ich nach Paris.

AD: Mit Deinem Sieg in Hyères trittst Du in große Fußstapfen. Vor Dir gewannen unter anderem Anthony Vaccarello und Julien Dossena den gleichen Preis. Wie gehst Du mit dem Druck um?

CR: Eigentlich spüre ich da gar keinen Druck. Auch wenn ich plötzlich als richtiger Designer gesehen werde, obwohl ich ja noch mitten im Studium bin. Eigentlich bedeutet das alle sechs Monate eine neue Kollektion präsentieren zu müssen, aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so. Du kannst Dir Deine eigenen Regeln machen.

Christoph Rumpfs Mode basiert auf Geschichten.

AD: Für die Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin hast Du zum ersten Mal auch Damenmode entworfen. Wie stehst Du überhaupt zu Begriffen wie Männlichkeit und Weiblichkeit?

CR: Das ordne ich gar nicht so zu. Beim designen denke ich nicht viel daran, ob etwas zu einem Mann oder einer Frau passt. Die Frauenlooks der Kollektion habe ich übrigens an mir selbst gefittet. Ich habe die perfekten Frauenmaße. Auch in meinem Privatleben sind diese Begriffe extrem unwichtig.

AD: Und wovon träumst Du für die Zukunft? 

CR: Davon, nicht immer an einem Fleck zu bleiben und an vielen verschiedenen Orten zu wohnen. Das ist mein großes Ziel.