„Der Mangel an Ressourcen ist unsere größte Stärke“

Südafrikanische Designtalente eröffneten die Berliner Fashion Week und zeigen, dass sie schon längst begriffen haben, was viele etablierte Modemarken noch mühsam lernen: unsere Ressourcen sind begrenzt.

Kein Plastik beim Catering, digitale Tickets statt Einladungskarten und Naturtextilien. Das Programm der Berliner Fashion Week steht: Nachhaltigkeit. Der Trend profitiert vom Zeitgeist. In der Eröffnungsshow reiste die Berliner Modeszene an den Ort, wo Nachhaltigkeit kein Trend ist, sondern aus der Branche nie wegzudenken war: Südafrika.

Die Show der Designtalente aus Südafrika machte den Auftakt bei der Berliner Fashion Week.

Zur Zeit der Apartheid war Südafrika aufgrund des Regimes der Rassentrennung kulturell abgeschnitten von der restlichen Kreativwelt. Doch die Proteststimmen im Land sind nicht verstummt und heute lebt das Land in einer Demokratie mit Meinungs- und Kunstfreiheit. Die „born free“-Generation war geboren. Hineingewachsen in eine Zeit, die die Rassentrennung zwar hinter sich ließ, sich aber immer noch nicht befreit hat von der Ungerechtigkeit, die sich bis in die kleinsten Ritzen der Gesellschaft hineingefressen hatte. Diese Impulse prägten auch die Mode – und tun dies immer noch.

Nachdem der Stil der großen Modeketten des Landes lange Zeit nur eine Kopie dessen war, was auf den Laufstegen in Paris und Mailand gezeigt wurde, mussten die lokalen Designer erst einmal eine eigene Stimme finden – mit begrenzten Möglichkeiten. Denn die lokalen Märkte bieten nur wenig Stoffe und Materialien für Designer. Der Großteil der Stoffe kommt in Containerladungen vor allem aus China und aus dem Westen. Sonderwünsche und individuelle Stofflieferungen sind fast unmöglich oder dauern wochenlang. Die lokalen Designer arbeiten also mit dem, was sie finden. Sie upcyceln die Stoffe, die in anderen Ländern zu viel produziert wurden. Ein Grundgedanke der Nachhaltigkeit. Aber das ist auch der Grund, wieso die internationale Modeindustrie wenig Interesse an südafrikanischer Mode zeigt: Bei den gigantischen Stückzahlen und flüchtigen Trends der Fast Fashion Industrie kann die lokale Modeindustrie nicht mithalten.

Rich Mnisi spielt in seinen Looks mit Geschlechterklischees (Foto: Antonia Eggers).

Doch die Stimmen der südafrikanischen Designer werden immer lauter. Eine dieser Stimmen ist Rich Mnisi, eines der Mercedes-Benz Modetalente der Eröffnungsshow. Seine Entwürfe mit üppigen Applikationen und leuchtenden Farben schreien so laut, dass sie auch in Berlin nicht überhört werden können. „Alkebulan“ heißt seine Kollektion, das älteste Wort für Afrika.

Lokale Näherinnen produzieren die Looks von Rich Mnisi.

Die Proportionen und das Layering der Stoffe ist eine Hommage an seine Heimat. „Es ist ein Liebesbrief an Südafrika“, sagt Rich Mnisi. Der junge Designer sieht die begrenzten Ressourcen, die ihm in seiner Heimat zur Verfügung stehen als Chance und verrät ein Geheimnis: es macht ihn sogar kreativer. „Wir sind Designer, Schöpfer, wir sollten Probleme lösen, wir sind nicht dazu da, um neue Probleme zu schaffen“, sagt der 27-jährige.

Diesen Gedanken teilt Lezanne Viviers mit ihm, die mit ihrem Label Viviers ebenfalls Looks im Rahmen des internationalen Nachwuchsprogramms “Mercedes-Benz Fashion Talents” gezeigt hat: „Unsere begrenzten Ressourcen sind unsere größte Stärke.“ Viviers nutzt alle Stoffreste, die bei der Produktion entstehen, um daraus wieder neue Designs zu erschaffen. Die junge Johannesburgerin glaubt an ein einfaches Prinzip: Was wenig vorhanden ist, scheint kostbarer und wird nicht verschwendet.

rechts: Viviers erschafft Kontraste: matt und glänzend, fest und fließend. links: Lezanne Viviers gründete vor knapp einem Jahr ihr Label Viviers (Foto: Antonia Eggers).

Die Entwürfe von Rich Mnisi werden von Beyoncé und Naomi Campbell getragen und auch Lezanne Viviers findet Gehör in der internationalen Presse. Doch die beiden sind in ihrer Generation in Südafrika eher eine Ausnahme. Denn viele junge Künstler haben dort Schwierigkeiten nach dem Studium einen Job zu finden. Laut Weltbank sind 53 Prozent der Jugendlichen in Südafrika arbeitslos. Auch über 28 Jahre nach dem Ende der Apartheid, gibt es sie noch, diese Grenzen.

Doch die Nachwuchstalente sind bereits dabei sie zu überschreiten, zumindest die Grenzen, die Südafrika bisher noch von dem internationalen Modemarkt trennen. Die Marke Rich Mnisi wächst weit über die Landesgrenzen hinaus. „Aber ich werde immer von Johannesburg aus arbeiten“, sagt Mnisi. Nur die Angst als Geschäftspartner in Europa nicht ernstgenommen zu werden, die bleibt. Dabei könnte die europäische Modebranche die Hilfe der kreativen Köpfe gebrauchen, um zu begreifen, wie kostbar Ressourcen sind.