Hilal Ata in Gucci fotografiert von Benedikt Frank für Achtung Mode Nr. 36.

Denkstück

Im Wonderland sind alle Freaks. Was verbindet die Mode mit der Philosophie? In beiden Fällen handelt es sich um Spiele. Während die Philosophie mit Wahrheiten jongliert, vertreibt sich die Mode mit Kleidern die Langeweile.

In Zeiten, da Philosophen, die das Spielerische des Denkens leugnen, über die Gamifizierung der Welt jammern, lohnt es sich, den französischen Kulturphilosophen Roger Caillois (1913–1978) zu lesen – nicht zuletzt, da ihn Guccis Creative Director Alessandro Michele gerne zitiert. Die Spiele und die Menschen Maske und Rausch lautet der Titel einer einflussreichen Schrift, die Caillois 1958 veröffentlichte. „Wer die Wirklichkeit als Spiel ansieht, bereichert das Werk der Zivilisation“, heißt es in diesem Text. Gleicht die Mode etwa nicht jenem göttlichen Game, das die Hindus als „Lila“ bezeichnen? Denn durch die Kleidung kann ich zu meiner eigenen Schöpfung werden und radikale Freiheit demonstrieren. Für Fashion Victims ist das berauschend. Der „wollüstigen Panik“, wenn im Casino die Würfel gefallen sind, entspricht die Hysterie, die man beim Shoppen erlebt. Stets geht es darum, „dem gewöhnlichen Leben zu entfliehen“, wie Caillois schreibt. Dies kann gerade dadurch gelingen, dass man sich selbst „zu einem anderen macht“. Solche Metamorphosen können ein enormes Vergnügen bereiten. Denn wir sollten uns dazu verpflichtet fühlen, „den Zuschauer zu faszinieren“. Wer das Gefühl hat, dass sein Leben stagniert, kann sich durch die „Erregung und Unruhe“, die in der Mode herrscht, neu erfinden. Diese ist ein Spiel, in dem „überbordende Phantasie“ möglich ist. Dank Alessandro Michele kann sich die Gucci-Kundin wie Alice in Wonderland fühlen und eine surrealistische Ekstase verkörpern. Der Gucci-Boy kann sich den Luxus leisten, flamboyant zu sein und wie Émile Zola laut zu leben. Dadurch entkommt man jener „glanzlosen, monotonen und ermüdenden Existenz“, die jedem droht, dessen Einbildungskraft verkümmert ist. Im Wonderland sind alle Freaks und diesen Wahnsinn sollte man als eine höhere Form der geistigen Gesundheit betrachten. Es wäre ja „eine traurige Welt, in der es nur vernünftige Kleidung gäbe“, wie Suzy Menkes zu sagen pflegt. Die Couture feiert in ihren besten Momenten stets einen „Sieg über die erdrückende und abstoßende Trägheit des Alltags“, lernt man bei Caillois. Denn nicht nur für Alessandro Michele „ist das Leben zum Träumen da“ (Nadine Sieger). Und je freier diese Träume sind, umso besser. 

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 39.