Christine Lagarde illustriert von Caroline Marine Hebel für Achtung Mode Nr. 39.

Christine Lagarde

Christine Lagarde ist vieles, aber nicht Durchschnitt. Sie ist die erste Frau an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Sie ist die erste Nicht-Ökonomin an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Sie ist EZB-Chefin, obwohl sie vorher nie Chefin einer nationalen Zentralbank war.

Sie gilt, gleich nach Angela Merkel, als zweitmächtigste Frau der Welt, so reiht Forbes sie ein. Sie hat als Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Vertrauensfrage überlebt, obwohl ein Gericht sie wegen „Fahrlässigkeit“ im Amt als französische Finanzministerin für schuldig befand. Lagarde hat eine echte Bilderbuch-Politikerkarriere hingelegt, sie ist mit 64 Jahren dort, wo viele ambitionierte Politiker noch viel später gern wären, nämlich an der Spitze, und das als Frau, was sie traurigerweise noch immer zu einer Ausnahme macht.

Ausnahmslos ärgerlich fallen dementsprechend auch die Ausdrücke aus, mit denen die Presse Madame Lagarde bedenkt. „Die eiserne Lady mit dem Silberhaar“ nennt der Hessische Rundfunk sie, „La Grande Dame“ schreibt die NZZ. Das zeigt nicht nur den Mangel an weiblichen Vergleichsfiguren, sondern auch, wie anders Frauen in Führungspositionen noch immer wahrgenommen werden. Lagarde hat sich jedenfalls durchgeboxt, wieder und wieder, sie trifft Entscheidungen, ist souverän in Ausnahmesituationen. Als das Coronavirus in Europa zu wüten begann, beschloss die Europäische Zentralbank an einem Mittwochabend kurz vor Mitternacht ein umfangreiches Pandemie-Hilfsprogramm. Bis zum Jahresende wird die EZB Anleihen im Wert von insgesamt 750 Milliarden Euro kaufen, wenn nicht gar mehr. Das Versprechen habe „keine Limits“, erklärte Lagarde auf Twitter. „Außerordentliche Zeiten erfordern außerordentliches Handeln.“

Ja, Lagarde ist eine Frau von Welt und keine von Mittelmaß, und genau so gibt sie sich auch. Sie ist keine der Politikerinnen, die sich mit aufwendiger Hillary-Clinton-Fönfrisur und gerade geschnittenen Hosenanzügen in die Horden von Anzugträgern einpassen, sich anpassen. Lagarde gibt sich ab und zu luxuriös, after all ist sie Französin. Sie trägt Chanel, sie trägt Farbe, obwohl auch in ihrer Garderobe die obligatorischen Kostüme und Hosenanzüge zu finden sind, derer sich mächtige Frauen analog zum dunklen Herrenanzug der männlichen Kollegen bedienen. Wenn aber Lagarde das tut, dann immer mit dieser lässigen Eleganz, die sie eben einfach an sich hat: Sie kombiniert ein schwarz-weiß- kariertes Kostüm mit einem sehr pinken Halstuch. Oder einen leuchtend violetten Blazer mit farblich abgestimmten Ohrringen. Das hat immer sehr viel Stil und sieht auch teuer aus (und ist es vermutlich auch). Gleichzeitig aber hat Lagarde es schlicht nicht nötig, sich noch mehr anzupassen.

Es ist kein klassisches Power-Dressing, das Christine Lagarde betreibt, im Gegenteil: Sie trägt auch mal auf Figur geschnitten. Sie trägt Röcke, die nicht übers Knie gehen. Sie färbt sich ihre Haare nicht Aschblond, ein Move, der Politikerinnen gern zu alters- und beinahe geschlechtslosen Wesen reifen lässt – und der maßgeblich zum Erfolg von Frauen wie Angela Merkel oder Annegret Kramp-Karrenbauer beigetragen hat. Ein bisschen ist es nämlich so: Wer nicht sexy ist, wer höchstens „Mama Merkel“ ist, kann nicht gefährlich werden beziehungsweise weist so wenig weiblich konnotierte Merkmale auf, dass sie als ebenbürtige und zum Leiten befähigte Person wahrgenommen wird. Das ist natürlich – und zum Glück – nicht mehr überall der Fall, man denke an die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern oder Sanna Marin, die mit 34 Jahren nicht nur jüngste Ministerpräsidentin Finnlands jemals ist, sondern zudem eine Regierung vorstellte, bei der vielen Europäern die Spucke wegblieb: lauter junge Frauen.

Christine Lagarde ist die Sorte Frau, die von Anfang an drauf gepfiffen hat, was Frauen in bestimmten Positionen zu tragen haben, wie sie sich zu geben haben oder eben nicht. Nicht, dass sie jemals out of line gewesen wäre, weit gefehlt! Aber sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie eine Frau ist, eine kluge, taffe, versierte und unglaublich talentierte Person, klar, aber eben auch eine Frau, die es nicht einsieht, dass dieser verdammte Rock übers Knie reichen soll, und ganz ehrlich: Warum sollte er auch? Es ist ja nicht gerade so, dass all die alten weißen Männer in ihren alten langweiligen Anzügen sich Gedanken machen würden, ob der denn noch gut sitzt am in die Jahre gekommenen Parlamentsbauch. Und das müssen sie auch nicht! Doch genauso sollten Frauen ihre eigenen Regeln setzen dürfen, und da ist das Power-Dressing, wie es Margaret Thatcher einst vormachte, an vielen Stellen überholt. Dass etwa Signalfarben ihre Wirkung – gerade auf Gruppenbildern – nicht verfehlen, hat auch Angela Merkel oft bewiesen. Es scheint der Kanzlerin eine fast diebische Freude zu bereiten, in Knallrot aus all dem Anzugschwarz herauszuleuchten.

Lagarde ist ihren Weg gegangen, obwohl auch sie kämpfen und den womöglich höheren Anforderungen entsprechen musste, die nicht nur die Welt, sondern vor allem viele Frauen an sich selbst stellen. Als sie als Nachfolgerin Mario Draghis im Gespräch war, wurden zugleich Beschwerden laut, man müsse Ökonom sein und vorher schon eine Notenbank geleitet haben – Lagarde ist Juristin. Dabei konnte sie als ehemalige Finanzministerin einer wichtigen Nation ja durchaus nicht unwichtige Erfahrung im Umgang mit Geld vorweisen. Lagarde aber hat es geschafft, so wie sie 2014 ihr IWF-Amt halten konnte. In Frankfurt übrigens gilt sie als ausgesprochen gern gesehener Gast, sie geht in Museen, lässt sich auf Börsenempfängen sehen und wird überall überschwänglich begrüßt – im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Draghi, der bis zuletzt fremd wirkte in der Bankenstadt am Main. Lagarde ist charmant und natürlich, hält Reden, lernt Deutsch und besucht den Bürgermeister – und all das tut sie mit Stil.

Dieser Artikel erschien erstmalig in Achtung Mode Nr. 39.