Catch her, if you can

Designerin Stephanie Hahn lässt ihre Mode für sich sprechen: von Düsseldorf aus entstehen Männer- und Frauenkollektionen für ihr Label 22/4

Erzählt man als Moderedaktion von der stolzen Entdeckung eines neuen Designtalentes, entspricht das in der Regel nicht ganz der Wahrheit. Vielmehr könnte man den der Berichterstattung vorangegangen Prozess als eine Bombardierung der Redaktion von allen Seiten bezeichnen: mit einer Flut aus Pressemitteilungen und immerwährend nachfeuernden PR-Ladies, parolenhafter Mundpropaganda, flugs geschossener Instagram-Aufnahmen und nicht zuletzt der kriegerischen Kultwerdungs-Strategie der Designer oder Kreativdirektoren selbst. Weil wir von Achtung Mode uns niemals einfach kleinkriegen lassen, läuft das bei uns so: Sobald wir das Gefühl haben, es wird zu sehr mit Superlativen geballert, ziehen wir die Barrikaden hoch. Wir glauben nicht an eine Feuer-Drauf-Strategie. Ein wenig Understatement, subtile Überzeugungsarbeit, das kann uns hingegen schon eher verführen.

Ausharren im Versteck

Im Falle der Designerin Stephanie Hahn und ihrem 2009 gegründeten Label 22/4 verhält es sich genau anders herum. Keine frontalen PR-Bilder, fehlende Berichterstattung in der deutschen Presse, maximal eine Hand voll kaum repräsentativer Google-Suchergebnisse, dazu eine Website under Construction – Seit Jahren macht sich die Designerin mit Sitz in Düsseldorf so dermaßen rar in der Öffentlichkeit, dass das mit verführerischer Verknappung schon nichts mehr zu tun hat.

Das Ausharren in ihrem gut gewählten Ruhrgebiet-Versteck, umgeben von mittlerweile zehn Mitarbeitern, hat das Talent so weit perfektioniert, dass wir sogar zwischenzeitlich dachten, 22/4 sei lediglich ein urban myth.Was sich nach viel Recherche glücklicherweise als falsche Fährte erwies. Denn die Kollektionslinie für Frauen und insbesondere die für Männer der Düsseldorfer AMD-Absolventin gefallen uns ziemlich gut – so gut, dass wir aufpassen mussten, aus unserem Männermode-Shoot mit Victoria-Schauspieler Franz Rogowski in unserer aktuellen Print-Ausgabe Nr.30 keine reine 22/4_Hommes-Strecke zu machen; eine ihrer Anzughosen hat es sogar auf eines unserer Cover geschafft.

Möchtest du gelten, mach dich selten

Dass Stephanie Hahn schwer zu catchen ist, liegt sicherlich auch daran, dass sie sich und ihre Person zugunsten einer Konzentration auf ihre Mode einfach lieber in den Hintergrund stellt und so, ob gewollt oder nicht, einen Gegenentwurf zeichnet zum aktuellen medialen Ausverkauf des Designers, an dessen Sichtbarkeit sich zunehmend der Erfolg des Unternehmens bemisst. Daher kommt auch der abstrakte Labelname 22/4, dessen Zusatz _Hommes oder _Femmes anzeigt, um welche Linie es sich handelt und der eine direkte Verbindung mit der Designerin glatt verhindert.

Über Fräulein Hahn wissen wir auch nach einer guten halben Stunde Interview wenig Persönliches. Außer, dass sie über den Umweg der Architektur bei der Mode landete – im Prozess des Hausbauens sehe sie durchaus eine Parallele zur Kreation einer Kollektion, schließlich baue sich auch hier auf dem Fundament eines Schnittes oder einer Zeichnung langsam etwas Spannendes, Neues, Beständiges auf – und dass sie eine Faszination für Männermode bereits seit ihrer Kindheit begleite. Damals liebte sie es, in die alten Anzüge und Smokings ihres Vaters zu schlüpfen, ganz egal, dass diese ihr natürlich viel zu groß waren. Im Studium konzentrierte sie sich bald auf das Erlernen spezifischer Techniken zur Gestaltung von Männermode und sammelte nach den Lehrjahren erste Erfahrungen bei Frank Leder in Berlin.

Der von uns hoch geschätzte Designer, der es schafft, traditioneller perfektionierter Menswear mit Hang zur Tracht Zeitgeist einzuhauchen, hat Hahns Stil sichtbar geprägt. So geht es ihr heute vor allem darum, gut gemachte, ausgereifte Kollektionen Made in Germany zu entwickeln, bei der sich innovative Elemente erst aus dem Zusammenprall traditioneller deutscher Handwerkstechniken mit hochwertigen Materialien aus Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland herauskristallisieren.

In der aktuellen Winterkollektion, einer Hommage an den dapper dandy Oscar Wilde, mixt sie so klassische Referenzen des traditionellen Tailoring mit modern-glamourösen Sportswear-Einschlägen. Bewährte Glencheck-Muster erscheinen hier auf fließend-glänzenden Sweater-Hosen-Kombis; Sakkos werden zu architektonischen Capes modifiziert, Satin-schimmernde Bomberjacken zu strengen Vatermörder-Krägen kombiniert und Elemente typischer Jagdtrachten wie spießige Fuchsschwänze zu ungewöhnlichen Fellaccessoires wie Armstulpen oder Budapester-Besatz verwandelt.

Klassische Männermode als Fundgrube für Ideen

Auch ihre Damenkollektion spielt stilistisch mit ähnlichen Referenzen, bedient sich in vielerlei Hinsicht der Menswear. Mäntel, Westen und der Einsatz von Fell sprechen von einer Verwandtschaft beider Kollektionen – und einem deutschen Provinz-Stil als Klammer. Dennoch ist ihre _Femmes-Kollektion klar auf den weiblichen Körper zugeschnitten: Von exakt gleichen Schnitten, wie es einige Unisex-Designer handhaben, hält Hahn nämlich wenig. Sie respektiere die biologischen Unterschiede beider Geschlechter, die ganz einfach eine andere Passform mit sich brächten, ganz gleich, wie ähnlich sie sich im kulturellen Verständnis seien. Weil aber beiden Linien die Liebe zur Menswear zu Grunde liegt, ist es kaum verwunderlich, dass diese – zumindest in Sachen öffentlicher Repräsentanz – besser ankommt.

So zeigt Hahn ihre Männerkollektionen mittlerweile auf Einladung unter dem Gütesiegel der französischen Modekammer Chambre Syndicale im Rahmen der Pariser Männermodewoche, auch in diesem Januar wieder; für die Damenkollektionen sucht sie sich gelegentlich eigene Orte der Präsentation. Eigentlich ist es verwunderlich, dass die Sympathie der französischen Nachbarn für 22/4 noch nicht in deutsche Gefilde übergeschwappt ist – Deutschland sei aber von vornherein lediglich Label-Standort, jedoch kein Markt gewesen, schlussfolgert Hahn ohne spürbares Bedauern.

Als eine Art Exilantin teilt sie das Schicksal vieler modischer Auswanderer: Gezeigt wird in Paris, verkauft im asiatischen Raum. Was die Präsenz ihrer beider Linien in den Geschäften angehe, ließe sich übrigens kein Ungleichgewicht erkennen. Auch bei 22/4 sei die Kundin immer noch eine starke Käuferin. Vielleicht liegt ja auf ihr die Hoffnung für eine Etablierung auf dem deutschen Markt. Jetzt, wo wir Stephanie Hahn und 22/4 nämlich einmal “eingefangen” haben, fänden wir es ausgesprochen schade, sie wieder in ihr Versteck zu entlassen. Auch weil sich sich dem aktuellen Personenkult auf extreme Weise widersetzt.

Dieser Text erschien in leicht abweichender Form erstmals in Achtung Mode Ausgabe 30.