Dezent, aber mit Biss

Cartier hat der legendären Baignoire Uhr ein zeitgemäßes Design verpasst. Eine Hommage an unabhängige Frauen und starke Charaktere

Es gibt genau zwei Wege sich dem Haus Cartier zu nähern. Ein Weg wäre es die Geschichte des Königs der Juweliere exakt so erzählen wie sich jede andere Geschichte der Haut Joaillerie liest: prächtige Kronjuwelen, der Glamour Hollywoods, ein wenig Uhren, ein wenig Schmuck, ein wenig Chi-Chi – fertig. Eine Aufzählung der Meilensteine der Juwelierkunst gebettet auf dem Dekolleté der High-Society.

Der andere Weg beginnt mit einem kleinen Vogel. Einem Vogel, eingeschlossen in einem Käfig, entworfen in den unverkennlichen Farben der Tricolore, drapiert in einem mit rotem Samt ausgelegtem Schaufenster der Rue de la Paix im Dezember 1940 – „L`oiseau en cage“. Als die Nazis Paris besetzten, zeigt Cartier Widerstand. Hochkarätig sicherlich, dennoch ein Affront allemal. Wer das Haus Cartier wahrlich erfassen will, tut gut daran hier zu beginnen bei diesem kleinen Vogel und seiner Schöpferin: Jean Toussaint.

Frech, stark und die Haare zu einem markanten Pagenkopf geschnitten kam sie stets mit türkisfarbenen Cowboystiefel zur Arbeit. Eine Frau, die das Leben in vollen Zügen genießen konnte; die nie ohne Zigarettenspitze rauchte, ihren Hals mit unzähligen geknoteten Perlenketten drapierte, am Tage nur königsblau und abends ausschließlich Pyjama-Seidenanzüge trug. Man erwähnt deshalb auch nur diskret nebenbei, dass Jeanne eine lange Zeit die heimliche Geliebte von Louis Cartier war.

Im Swinging London der 60er Jahre entstand die Baignoire Allongée, eine Oversize-Uhr, die schlichten Chic mit gewagten Proportionen verband.

Jenem Enkel des Firmengründers Louis-Francois Cartier der mit seiner Muse Toussaint am neuen, künstlerischen Stil des Hauses feilte. Schon zuvor hatte Cartier wunderschöne Schmuckstücke gefertigt, doch sich dabei hauptsächlich auf sein Handwerk und die Wünsche der adeligen Kundschaft konzentriert. Erst durch den Enkel Louis vermochte man es, ein Stück aus dem Hause Cartier auch von anderen zu unterscheiden.

Freigeistig, visionär, ein Stil, der sich bis heute nicht an irgendeinem handwerklichen Know-how festmachen lässt, sondern einzig und allein an dem freien Spiel mit Proportionen und Farben und dem Wille Schmuckstücke, ja, Kunstwerke zu schaffen die ihre ganz eigene Relevanz besitzen.

Tickende Kunstwerke, wie die Baignoire Uhr, dessen Geschichte damit beginnt, dass Louis Cartier im Jahr 1912 die traditionelle Rundform bei Uhren in Frage stellte und in die Länge zog bis zwei gerade, an beiden Enden von Bögen geschlossene Parallelen entstanden. Deren neue Form? Ähnlich einer Badewanne, was im Französischen „baignoire“ bedeutet. Ein femininer Touch auf einer bis dahin oft maskulinen Uhr.

Noch heute gilt die Maxime: Bei Cartier hat die Ästhetik immer Priorität. Die Technik muss sich dem Stil unterordnen.

Nun hat Cartier in diesem Jahr das Design weiterentwickelt: das Armand schmaler gemacht, die römischen Ziffern vor einem silbrig-matten Hintergrund moderner und auch die Wasserdichtigkeit bis zu 30 Metern entspricht den Qualitätsanforderungen der heutigen Zeit.

Geblieben ist der markante, einzigartige Look, der schon in Catherine Deneuve, Romy Schneider und Jeanne Moreau treue Anhängerinnen fand. Allesamt freigeistige Frauen mit unabhängigen Schönheitsvorstellungen. Eben wie jene elegante junge Frau, die in den 20ern Jahren das Sagen im Hause Cartier hatte.