Illustration: Caroline Marine Hebel exklusiv für Achtung Mode

Goodbye Cocktailkleider! Mit Bouchra Jarrar beginnt bei Lanvin eine neue Ära

Mit konsequentem Selbstbewusstsein hat Bouchra Jarrar das angeschlagene Erbe von Labelgründerin Jeanne Lanvin angetreten und hilft damit Lanvins modischem Frauenbild auf die Sprünge

Die französische Designerin der Stunde? Für diese Stelle wären einige in Frage gekommen: Simone Rochas Obsession mit Rüschen wäre eine spannende Fortsetzung für Lanvin gewesen, Erdems Bekenntnis, Kleider am besten aus Spitze zu fertigen, hätte womöglich auch Sinn gemacht. Doch weniger theoretisch gedacht, musste es einfach Bouchra Jarrar sein, eine Pariserin, nicht im Sinne einer ketterauchenden, ständig am Rotweinglas nippenden Klischee-Pariserin, sondern eine, die das von Schulden und Rechtsstreits geplagte Haus, zumindest in kreativer Hinsicht, auf ihre Art auf Linie bringt. Jemand mit klaren Prinzipien, der nicht dort anknüpft, wo Alber Elbaz, der das Haus nach 14 Jahren im Herbst 2015 im Streit verließ, aufgehört hat. Dessen Frauenbild – Cocktailkleid über der nicht mehr ganz so straffen Haut, Champagnerglas zu sehr später Stunde – bei aller Liebe allmählich in der Bedeutungslosigkeit verschwand.

Bouchra Jarrar gibt Lanvin seine Linie zurück

Stattdessen Bouchra Jarrar, Konsequenz in Person. Auch die chinesische Mehrheitseigentümerin von Lanvin, Shaw-Lan Wang, wird jetzt auf Französisch mit ihr kommunizieren müssen. Bouchra Jarrar spricht nämlich kein Englisch und hat auch ansonsten ein Talent dafür, auf so sichere Art bei sich zu bleiben, dass sie einem Haus, das nicht mehr weiterweiß, den Weg zeigen kann, indem sie es einfach hinter sich herzieht. Im Übrigen kann so einem Haus, das längst auch die kreative Kontrolle verloren hat, vermutlich nichts Besseres passieren, als einen Control-Freak an der Spitze zu haben.

Bouchra Jarrar bei Lanvin, das passt schon deshalb, weil es hier eben auch um die Verwaltung des Erbes einer der selbstbewusstesten Modefrauen des vergangenen Jahrhunderts geht, jenes von Jeanne Lanvin, die ihr Haus 1889 gründete und als eine der ersten Kleider fertigte, in denen sich Frauen richtig bewegen konnten. Gut möglich, dass eine der begabtesten Modefrauen von damals und eine der begabtesten von heute ihr Selbstbewusstsein den jeweiligen Großfamilien schulden: Jeanne Lanvin wuchs als ältestes von elf Geschwistern auf, Bouchra Jarrar als sechstes von sieben in Cannes, ihre Eltern waren marokkanische Einwanderer.

Bouchra Jarrars Frauen müssen keine Kleider tragen, um weiblich zu sein.

Kein Wunder also dass, Bouchra Jarrar für Lanvin – apropos Selbstbewusstsein – vor allem Bouchra Jarrar bedeutet. Goodbye Cocktailkleider! Jarrars Frauen müssen keine Kleider tragen, um weiblich zu sein. Ihr besonderer Stil ist viel zu durchdacht, um Frauen – auch wenn es naheliegend ist – in Kleider zu stecken. Ihre Hosen sind perfekt auf die Silhouette von Frauen geschneidert, fast eine Art Alleinstellungsmerkmal in der Mode, und zugleich universell genug, um, mit viel Schwarz-Weiß überall auf der Welt als Uniform der Pariserin verstanden zu werden. Für Lanvin ist das jetzt die neue Linie, und die reicht bis hin zur Perfecto-Jacke, eines von Bouchra Jarrars frühen Markenzeichen.

Mit diesen Ideen gründete sie vor sieben Jahren auch ihr eigenes Label, nachdem sie lange genug für andere gearbeitet hatte, namentlich zehn Jahre für Nicolas Ghesquière bei Balenciaga, bevor sie etwas über ein Jahr lang das Haute-Couture-Atelier von Christian Lacroix leitete. 2014 erhielt sie einen Anruf von der Pariser Modekammer: Nach drei Jahren, in denen sie ihre Kollektionen als membre invité stets zur Couture-Woche gezeigt hatte, denn das war der Anspruch, nahm man sie als membre permanent auf. Eine größere Ehre kann einem Modemacher auch dieser Tage nicht zuteilwerden.

Bouchra Jarrar hätte das nicht machen müssen, eine angeschlagene Marke wie Lanvin zu übernehmen. Sie hatte längst genug Traditionshäuser von innen gesehen, um es vielleicht sogar besser sein zu lassen. Zudem war ihr eigenes Label auf dem besten Weg, an bester Adresse: Rue du Mont Thabor, Hausnummer 10, 1. Arrondissement. Eine Parallelstraße weiter nördlich liegt die Rue Saint Honoré, ein paar Schritte Richtung Süden und man steht in den Tuilerien. In der Altbauwohnung an dieser Adresse präsentierte die Designerin ihre Kollektionen nicht nur, hier arbeitete sie wirklich. Hier waren Atelier und Showroom angesiedelt. Vermutlich aber war die Verlockung zu groß, auch namentlich und nicht nur leise kreativ in die erste Liga der Mode aufzusteigen. Vor allem aber zeigt es, dass Bouchra Jarrar – Control-Freak, Konsequenz in Person, großes Selbstbewusstsein – eines hat: Mut.

 

Text: Jennifer Wiebking

Dieser Artikel ist erstmals erschienen für Achtung Ausgabe 33, März 2017