Prachtvolle Provinz

Im Bildband „Trachten“ beleuchtet Modefotograf Gregor Hohenberg das kleidsame Erbe deutscher Regionalgeschichte

Fünf Jahre ist unser Berliner Chefmodefotograf Gregor Hohenberg gemeinsam mit seiner Frau Annett durch 22 Regionen Deutschlands gereist, um Menschen in Trachten zu portraitieren. Entstanden ist dabei ein Bildband, der in lebendigen Aufnahmen und modischer Inszenierung die vielfältige Kultur- und Kostümgeschichte lokaler Handwerkskunst erzählt. Ein Gespräch mit ACHTUNG DIGITAL über die Pracht und Bedeutung der deutschen Tracht

Achtung Digital: Wie kommt man auf die Idee, über mehrere Jahre durch Deutschland zu reisen, um Trachten zu fotografieren?

Gregor Hohenberg: Die Idee entstand vor circa fünf Jahren, im Urlaub auf Sardinien. Nach einer Osterprozession in Oliena haben meine Frau Annett und ich junge Paare beim Tanzen beobachtet, die dort die Tracht des Bergdorfes trugen. Es war so lebendig und anmutig schön anzuschauen, dass wir angefangen haben, auch in Deutschland nach Trachten zu suchen. Das ZEITmagazin hat uns anfangs in unserem Vorhaben unterstützt, aus dem dann glatt ein fünfjähriges Projekt mit Reisen in alle Winkel des Landes geworden ist.

 

Wie habt Ihr Euch auf das Projekt vorbereitet?

Meine Frau hat recherchiert, die Reisen teilweise begleitet und organisiert. Wir haben in Bibliotheken alte Bücher von Erich und Hans Retzlaff und anderen Trachtenfotografen aus den 1930er Jahren analysiert und mit einer Kulturhistorikerin gesprochen. Auf den Reisen vor Ort haben wir uns mit Bauern, Ladenbesitzern und Gastwirten ausgetauscht, die uns wichtige Hinweise geben konnten und uns so auf die Spur weniger bekannter Trachten brachten. Natürlich haben wir auch die Trachtenvereine der einzelnen Regionen kontaktiert.

 

Welche Bedeutung haben Trachten für Dich als kulturelles Erbe?

In fast allen Kulturen gibt es traditionelle Kleidung, die Auskunft gibt über Individualität und Zugehörigkeit zu einer Region, Berufsgruppe oder den sozialen Status. Die Tracht ist Zeichen einer Lebensweise in einem bestimmten Raum zu einer bestimmten Zeit – und vor allem großartige Handwerkskunst.

Viele kleine Handwerksbetriebe existieren heute überhaupt nur noch, weil es eine lebendige Trachtenkultur gibt. Zum Beispiel die Miesbacher Schneiderwerkstatt von Angelika Erler für das Miesbacher Mieder, deren Steppornamente durch das Einfügen filigraner Weidenruten und Reiskörner plastisch hervortreten – die gleiche Handwerksarbeit und hohe Schneiderkunst wie vor 120 Jahren.

„Trachten sind in ihrer Gesamtheit hauptsächlich ein Spiegelbild der Zeit, in der sie entstanden – eine romantische Zeitkapsel. Sie sind Kulturgeschichte zum anfassen und zeigen uns, dass es deutsche Mode schon vor dem Bauhaus gab.“

Was können Trachten denn über die Kostümgeschichte Deutschlands verraten?

Schaut man auf die Trachten der einzelnen Regionen, kann man viele verschiedene kulturelle Einflüsse entdecken. So ist der Norden von Holland geprägt, in Hessen gibt es wiederum noch die Spuren der Jakobiner und Hugenotten zu sehen.

Trachten zeigen uns außerdem, wie international schon damals gehandelt wurde. Für die St. Georgener Tracht wurden Bänder und Stoffe aus Italien und Glasperlen aus Böhmen eingeführt. Auch lässt sich an ihr der Wohlstand einer Region ablesen. Die Ochsenfurter Tracht, bei der bis zu sieben aufwändig gearbeitete Röcke übereinander getragen wurden, spricht beispielsweise für einen fruchtbaren Boden.

 

Warum tragen Menschen heute eigentlich noch Tracht?

Die meisten der Trachten, die wir fotografiert haben, sind vor etwa 120-150 Jahren entstanden, ich sehe da große Parallelen zur Gegenwart: Damals setzte die Industrialisierung ein und zog starke Veränderungen in der Lebensweise der Landbevölkerung nach sich. Viele Bauern gingen in die Städte, um an den Maschinen zu arbeiten. Zu dieser extremen Veränderung gab es zu der Zeit allerdings auch eine romantische Gegenbewegung – eine Art Identitätssuche, auch durch die Tracht, um der Industrialisierung und Entwurzelung durch bewusste Traditionspflege oder Förderung lokaler Handwerkskunst einen Gegenpol zu setzen. Damals wurden die ersten Trachtenvereine gegründet.

 

Was hat das mit der Gegenwart zu tun?

Momentan stehen wir wieder einer extremen Veränderung gegenüber: dem digitalen Zeitalter. Viele Menschen arbeiten am Computer, kaufen im Internet ein, lernen im Netz sogar den Partner kennen. Auch heute gibt es dazu einen Gegentrend: lokales Essen wird zelebriert, traditionelle Architektur entdeckt und eben auch Trachten als kulturelles Erbe wiederbelebt.

„In den Trachten wird getanzt, zu Trachtentreffen gereist und sich kennengelernt – man kann tatsächlich unzählig viele Gründe nennen, warum die Tracht von ihren Trägern nach wie vor gepflegt und geliebt wird.“

Kleider machen Leute. Was passiert mit dem Träger, sobald er in eine Tracht schlüpft?

Es gleicht einer Verwandlung! Plötzlich bewegen sich die Leute erhabener und ziehen sofort alle Blicke auf sich. Besonders gut kann man eine Ikonisierung der Frau durch die Brauttracht feststellen: märchenhaft geschmückt mit den besten Stoffen und Schmuckstücken; ein Anblick zum Verweilen.

 

In Deinem Buch bildest Du nicht nur Trachten ab, sondern auch Mensch und Umgebung. Wie wichtig war es für Deine Arbeit, die Tracht in Bewegung zu erleben?

Wichtig war uns, die Trachten an den Menschen vor Ort zu fotografieren, die Gesichter der Gegend festzuhalten und auch die Landschaft zu portraitieren, in der die Tracht getragen wird. Um zu zeigen, dass sie lebendig ist und nicht museal und verstaubt. Sie wird benutzt und gelebt, von jungen Leuten genauso wie von alten.

 

Sieht man im Buch nur Bilder?

Keinesfalls. Besonders gefreut haben wir uns, dass Tillmann Prüfer, der Style Director des ZEITmagazins, für den Text des Buches gewonnen werden konnte, weil er neben zahlreichen kostüm- und kulturhistorischen Fakten auch einen wunderbaren Bezug zur Gegenwart herstellt und so zeigt, welchen Einfluss Trachten auch heute auf Mode haben.

 

Karl Lagerfeld widmete der Tracht jüngst ja sogar eine gesamte Kollektion: Die Chanel Métiers d’Art Paris-Salzburg.

Auch andere Designer und Modehäuser, zum Beispiel Dries van Noten, Etro oder Dolce & Gabbana, lassen sich von Trachten inspirieren. Es ist sicher kein Zufall, wenn gerade jetzt ganze Kollektionen davon handeln, sondern Ausdruck von Zeitgeist.

 

Einmal in den Kontext der Mode geraten, verliert die Tracht ihre ursprüngliche regionale Bedeutung. Sollte man ihr überhaupt wünschen, zu einem modischen Objekt der Begierde zu werden?

Das kommt und geht wie alles in der Mode. Eigentlich ist es doch nicht schlecht, wenn durch die Mode der Blick auf die eigenen Kleidungs- und Handwerkstraditionen geschärft wird. Es ist auch sinnvoll für ein Überleben von Kleinbetrieben, die bestimmte Dinge noch fertigen können wie vor 100 Jahren.

 

In Deinem Buch vergleichst Du die Tracht mit der Haute Couture. Worin siehst du Ähnlichkeiten?

Auf alle Fälle in der extraordinären Qualität und dem Niveau der handwerklichen Umsetzung; im Einsatz außergewöhnlicher, nicht alltäglicher Materialien, aber auch im Gesamteindruck vieler Trachten.

„Letzen Endes hat eine Tracht auch einen Anschaffungspreis, der einen Vergleich mit der Couture durchaus rechtfertigt: sie kostest locker mal bis zu 30.000 Euro.“

Werden traditionelle regionale Trachten heutzutage überhaupt noch hergestellt? Oder handelt es sich weitgehend um Erbstücke?

Das Famose an Trachten ist, das sie zeitlos schön sind und weitervererbt werden. So gibt es Familienstücke, die seit 100 Jahren von Generation zu Generation wandern. Viele werden nur zu hohen Festlichkeiten oder besonderen Anlässen getragen und sind deshalb gut erhalten. Tanztrachten müssen allerdings regelmäßig erneuert werden.

Interessant für uns war gerade die Kombination von alten Handwerkstechniken mit den Möglichkeiten der heutigen Zeit, sich an bestimmte Stoffe anzunähern. Es gibt zum Beispiel Regionen in Thüringen und Brandenburg, die jetzt erst aus alten Aufzeichnungen ihre Tracht nach nähen und wiederaufleben lassen konnten, mit den Stoffen und Materialien der Gegenwart.

 

Du bist Modefotograf. Besteht für dich ein Unterschied darin, Menschen in einer traditionellen Tracht zu fotografieren anstatt Models in aktuellen Kollektionen?

Viele Designer lassen sich von Trachten und Folklore inspirieren, auch futuristische Filmkostüme leihen sich oft Elemente der Trachten aus Amerika, Afrika und eben auch Europa. Alles steht immer in einem kulturellen Zusammenhang, hat eine Geschichte. Sich mit Trachten zu beschäftigen war wie eine Zeitreise, die mich inspiriert hat, neue Ideen für zukünftige Modefotos zu finden.

 

“Trachten”, fotografiert von Gregor Hohenberg. mit Texten von Tillmann Prüfer, ist gerade im “Gestalten“-Verlag erschienen.