Bespoke aux Bains

Unser Lieblingsschneider Detlev Diehm kam mit seiner Marke Diehm Bespoke von München nach Paris ins legendäre Les Bains Douches um seine Anzüge und Philosophie weiterzutragen

Die momentane Mode wird von zwei Strömungen beeinflusst. Die erste ist ein reißender Fluss. Sie steht für ein System der industriellen Fertigung, dass sich in immer kürzeren Abständen erneuert. Und zwar in einem derart rasanten Tempo, dass es Gefahr läuft, sich selbst zu überholen. Produkte, die diesem Fluss entspringen, sind in der Regel genauso schnell wieder verschwunden wie sie auftauchen. Die andere Strömung fließt langsam und stetig rückwärts. Sie verweigert sich der entfremdeten Welt, sehnt sich nach Tradition und Inhalt, nach Dingen, die erst über die Jahre an Wert gewinnen und die mit den Händen entstehen. Alles andere als fast fashion, das hat sich auch Detlev Diehm auf die Fahnen geschrieben. Seit über zwei Dekaden arbeitet der Modedesigner im Bespoke Tailoring, lange bei Regent und hat nun mit Diehm Bespoke Design in München ein eigenes Atelier für maßgeschneiderte Anzüge eröffnet.

Diehm kam am Nikolaustag Anfang Dezember nach Paris, um neue Kunden zu finden und um zu zeigen, was er so kann. Es kamen doch einige Kenner zusammen und Diehm, eloquent und polyglott, nahm sie ein für Massdesign. Hier ein paar exklusive Fotos, wie es aussieht, wenn Schneiderei Fans zusammenkommen.

Diehm Bespoke Design ist auch eine Reaktion auf das Gebärden vieler großer Modeunternehmen, die vor ein paar Jahren begannen, scheinbar wahllos ihre Markenkommunikation mit Worten wie bespoke oder handmade zu schmücken, die in der maschinell gefertigten ready-to-wear eben gar nicht existiert. „Da sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man das hinterfragen sollte“, findet Diehm. Er hingegen geht zurück zu den Anfängen der klassischen Herrenschneiderei. „Ich arbeite seit 30 Jahren als Modedesigner, das möchte ich nicht aufgeben“, sagt er. „Ich versuche deshalb, die Schneiderei mit modischer Gestaltung zu verknüpfen. Dabei gehe ich auf alle Kundenwünsche ein. Dennoch tragen die Anzüge auch meine Handschrift.“

An seinen Anzügen arbeitet der Designer komplett allein, von der Vermessung über den Schnitt bis zur letzten Naht. Selbst die klassische Sakkoeinlage aus Kamel- und Rosshaar – sozusagen das Grundgerüst des gesamten Anzuges, welches die Schultern, Brust und Taille unsichtbar von innen heraus stützt und modelliert – entsteht bei Diehm in Handarbeit. Einen ganzen Tag braucht er allein dafür, die Materialien zuzuschneiden und so zu verarbeiten, dass sie praktisch gegeneinanderdrücken, um in der Spannung Halt zu erzeugen. „Einige Leute würden das für verrückt halten, so viel Zeit in etwas zu investieren, das man hinterher nicht sieht“, meint der Perfektionist, „aber ohne die Einlage wäre ein Sakko kaum mehr als ein Hemd.“

Für einen Anzug braucht Diehm so schon mal 80 bis 100 Stunden bis zur Fertigstellung. Das schlägt sich auf den Preis nieder. Zwischen 2.800 und 3.500 Euro kostet so ein maßgeschneidertes Modell aus seinem Atelier, je nach Material und Schnitt. Dafür hat der Käufer lange etwas davon. „Zumindest, wenn er etwas pfleglicher mit seinen Anzügen umgeht als ich“, fügt Diehm lachend hinzu. „Früher, als man noch extrem schwere englische Stoffe verarbeitete, konnte man wirklich von Mehrgenerationenanzügen sprechen“, erklärt der Schöpfer. „Generell sind die Grammaturen heutzutage viel niedriger, wobei momentan wieder verstärkt nach etwas Handfesterem gefragt wird.“

Die Sehnsucht nach Dingen die halten, manifestiert sich also nicht zuletzt in den Stoffen, die uns umhüllen. Und unser Cheffotograf in Berlin Gregor Hohenberg ist den Diehm Bespoke Kult vor kurzem auf Einwirken der Redaktion auch verfallen. Zu wichtigen Meetings geht er jetzt in Diehm Bespoke.