Berliner Modewoche AW17/18: Alles so schön im Fluss hier!

Mit den Herbst-Winterpräsentationen 2017/18 feiert die Berlin Fashion Week 10-jährigen Geburtstag. Ein wenig Bohei, Bondage und Bling Bling ist auch dabei

Kaum eine Marke hatte während der gerade zu Ende gegangenen Berliner Modewoche so viel Präsenz wie Tempo. Der kultige Taschentuchhersteller hätte sich als Hauptsponsor neben Mercedes-Benz sicherlich hervorragend gemacht. „Durchhalten oder Auskurieren“ lautete die Gretchenfrage vieler Redakteure, während die Nasen der Gäste mit den Mannequins auf den Laufstegen um die Wette liefen.

Obwohl, das muss gleich vorweg gesagt werden, die Qualität der Herbst-Winterkollektionen 2017/18 wie bereits im Sommer auf einem guten Level lag, fehlte etwas von der sonnigen Leichtigkeit des letzten Junis. Als die Freude über das gegründete Fashion Council Germany in einer allgemeinen Anpack-Euphorie gipfelte. Stattdessen: Quengelei allerorts. Während die einen an Influenza litten, klagten die anderen über Influencer. Was der hartnäckigere Virus ist?

Berliner Modewoche AW 17/18 Lala Berlin
Lala Berlin im Rahmen des Berliner Mode Salons – zum Dinner lud Designerin Leyla Piedayesch vorzugsweise die Reichweiten-Elite

Influenza oder Influencer? Das ist hier die Frage

In der Tat nahm die Präsenz letzterer noch einmal zu, was internationale Trendprognosen natürlich nur bestätigt. Gleich zwei dolle Dinner von Berliner Designerinnen waren allein den Influencern vorbehalten. Während Nobieh Talaei die Reichweitenelite zum Late-Night-Menü ins schicke Grace am Kurfürstendamm lud, empfing Leyla Piedayesch in ihren loftigen Hallen im Wedding. Fair enough — immerhin zeigt erstere die neue Kollektion ihres Labels Nobi Talai ja erst komplett zur Pret-a-Porter in Paris. Und letztere die Lala Berlin-Show zur nahenden Copenhagen Fashion Week. Dort brummen für sie nämlich die Geschäfte. Warum dann nicht ein wenig Insta-Rummel zwischendurch in Berlin?

Berliner Modewoche AW 17 – Marina Hoermanseder
Black Bondage, pinkes Plastik und ein Show-Piece, das sich gewaschen hat bei Marina Hoermanseder

Auch bei Marina Hoermanseder: Blitzgewitter vor der Tür, frostige Gesichter bei in die zweite Reihe verbannten Stylisten mit weniger als 10.000 Followern. Manch eine der Social Media Queens vergaß über das Selfie-Knipsen die Looks auf dem Laufsteg. Die wären schon eines Blickes Wert gewesen, immerhin zeigte Hoermanseder wieder einmal eine von orthopädischen Stützapparaten inspirierte Showpiece-Kollektion.

Marina Hoermanseder: Black Bondage

Dieses Mal war sogar schwarzes Leder dabei! Obwohl die Meisterin der Hello Kitty Farben einmal gesagt hatte, das würde sie ob des anrüchigen Bondage-Charakters niemals tun. Weil Regelbruch bekanntermaßen das Aphrodisiakum der Mode ist, bekommt sie für ihre durchwachsene Fetisch-Boudoir-Kollektion sogar ein Like, obwohl die Österreicherin zukünftig aufpassen sollte, sich beim Spagat zwischen cooler eigener Handschrift und kommerziellem Chichi nicht zu sehr zu überdehnen.

Berliner Modewoche AW17 – Julia Seemann
Fetisch auch bei Julia Seemann, die sich von der All Girls Band Xmal Deutschland inspirieren ließ

Berliner Fashion Week: Fetischmode aus der Schweiz

Apropos Fetisch, den gab es auch bei der Schweizer Jungdesignerin Julia Seemann zu sehen, die erstmals in Berlin zeigte, präsentiert von Mercedes Benz und Elle. Damit es auch jeder rafft, hat sie es vorsichtshalber auf Jacken und Kleider geschrieben. Inspiriert wurde sie dabei von dem „Fetisch“-Album der Hamburger 80er-Jahre-Hardcore-Band Xmal Deutschland. Pornöse Lackleder-Overknees, glitzernde Strassstein-Ohrringe und lässige Oversize-Sweatshirts bildeten neben der musikalischen Unterstützung des Berliner Techno-Teams Schwefelgelb den Rahmen für ihre Streetstyle-Kollektion, die eine Hommage an die Verführerin ist. Auch „Succubus“ als Schriftzug, die Schlange und Lillith als Bild finden sich deshalb verwebt in ihren Entwürfen.

Seemann zitiert spielerisch jene prollige Weiblichkeit, wie sie Anfang der Nullerjahre groß war. Und die man ansonsten nur bei Teenagern authentisch findet, die auf der Suche nach ihrer individuell eigenen Weiblichkeit hier und da mal zu tief in den Schmink- und Blingbling-Gangsta-Kasten greifen. Zu dicht dran an Labels wie Vetements? Kann man getrost unter Zeitgeist verbuchen!

Berliner Modewoche AW17– Odeeh
Zurückhaltendes Schwarz lenkt bei Odeeh das Augenmerk auf die Schnitte

Odeeh – Schnitte brauchen sich nicht verstecken

Zeitgeistig, aber doch eine ganz andere Art von Weiblichkeit gab es bei Otto Drögsler und Jörg Ehrlich von Odeeh zu sehen, deren Défilée wieder einmal eines der Highlights der Berliner Fashion Week war. Zum zweiten Mal zeigten sie im Rohbau des Berliner Stadtschlosses, an dem — wie an ihrem Label — in den letzten Monaten weiter gebaut wurde. Besonders gefallen haben die zurückhaltend schwarzen Looks zu Beginn der Show.

Das Würzburger Label lenkt damit den Blick auf die wunderbar gearbeiteten Schnitte, die sich hinter den ansonsten gewohnt expressiven Mustern wahrhaftig nicht verstecken müssen. Besonders gelungen sind dieses Mal übrigens die weiten fließenden Wollhosen und farbenfröhliche, überdimensional drapierte Halstücher. An Feinheiten wie diesen zeigt sich auch das Können von Odeehs Stylistin Kathi Kauder, die hier mal wieder einen guten Job gemacht hat.

Berliner Modewoche AW17 – Perret Schaad
Stoffe, Farben, Muster und Accessoires: Bei Perret Schaad überzeugt in dieser Saison viel

Perret Schaad macht aus Wasser und Licht neuerdings Stoffe

Das kann man auch von Johanna Perret und Tutia Schaad sagen, die mit ihrer Herbst-Winterkollektion für Perret Schaad, die sie in der neuen Fashion Week-Location, dem Kaufhaus Jahndorf, zeigten, für Applaus sorgten. Alles so schön im Fluss hier! Egal ob pyjama-artige Seidenhosen oder ein ultratechnisches, Pyrit-farbiges Glanzmaterial, für welches das Designerduo wohl endlich eine Formel gefunden zu haben scheint, wie man aus Licht und H20 Fasern spinnen kann. Perret Schaad spart in dieser Saison weder an Farben noch an Materialien. Trotzdem entsteht unter ihrer Ägide aus Samt, Seide und Strick genauso wie aus Lila, Hyazintenblau und Smaragdgrün eine runde Sache.

Hier stimmen auch die Accessoires! Hingucker waren die aus farbigem Draht gebogenen skulpturalen Ohrringe genauso wie die Clutches und vor allem büstenartige Armreifen aus dem 3D-Drucker, für welche das Duo mit einem befreundeten Künstler zusammenarbeitete. Flüssig sind auch die künstlerischen Disziplinen, in denen sich die Designerinnen bewegen: für die Münchener Kammerspiele gestalteten sie 2016 erstmals Theaterkostüme.

Berliner Modewoche AW17- Backstage William Fan
Chinatown bei William Fan!

Chinatown bei William Fan!

Von Bühneninszenierung versteht aber einer in Berlin derzeit am meisten: William Fan. Für seine Präsentation im ehemaligen Staatsratsgebäude baute der Designer mit den chinesischen Wurzeln ein komplettes Chinatown auf, in dem die anwesenden Gäste nach der Schau natürlich shoppen und schlürfen konnten — Karl Lagerfeld mit seinen Chanel-Spektakeln lässt grüßen. Fan gehört unter den jüngeren Designern wohl zu den wenigen in der Hauptstadt, die es auf lange Sicht kommerziell schaffen werden. Weil er versteht, dass Inszenierung und die Erschaffung einer gesamten Markenwelt zumindest für sein Klientel längst part of the game geworden sind.

Berliner Modewoche AW17/18: See now buy now

Was ist sonst so passiert? Die alten Modewochenhasen Hien Le und Vladimir Karaleev bleiben erfolgreich ihrem Stil treu, der eine als ewiger Minimalist, der andere als Maestro der Drapage. Dorothee Schumacher wurde trotz guter Kollektion schon wieder um einen eigenen Absatz in diesem Artikel betrogen. Und das Prinzip „See now, by now“ macht auch vor der deutschen Hauptstadt nicht halt — nur ohne einen großen Wirbel drum herum zu kreieren.

Berliner Modewoche AW17 – Frauke Gembalies
Modern Morocco bei Frauke Gembalies

Da wäre einerseits Frauke Gembalies, eine unserer Lieblingsdesignerinnen am Platz, die regelmäßig ihre Kollektionen im gemütlich Stue-Hotel präsentiert, wo es neben dem Befühlen feiner Fasern immer auch einen lieben Plausch obendrauf gibt. Dieses Mal über die freundlichen Farben und orientalischen Muster Marokkos, die sich auch in ihren Kleidern wiederfinden. Gembalies verkauft übrigens ohnehin nicht in Shops, sondern in Form von Wandersalons. Modezirkel, die sie in wechselnden Städten veranstaltet und zu denen sie Freundinnen und Kundinnen einlädt. Wobei, bei so viel Herzlichkeit, wie die Designerin ausstrahlt, lässt sich da gerade in einer intimen Runde kaum eine Grenze ziehen.

Berliner Modewoche AW 17 – René Storck
Der Designer René Storck neben Schauspieler Clemens Schick mit grüner Mütze, zwischen Models

Auch der Frankfurter René Storck verzichtet in dieser Saison auf eine Modenschau und kommt, neben der üblichen Präsentation in der Gruppenausstellung des Berliner Mode Salons, lieber mit einem Verkaufsevent plus Cocktail im The Store daher und bringt Redakteurinnen nicht nur mit einem sündhaften Käsefondue aus der Küche, sondern auch mit der Qualität seiner Kleider richtig zum Schmelzen. Baumwolle wachst er einmal ordentlich durch, sodass sie auf wundersame Weise transparent, beinahe papyrusartig erscheint; in seinen Kaschmirmänteln möchte man wohnen, so weich und gemütlich sind sie.

Und obendrein perfekt verarbeitet! Das sieht man an feinen Details wie Innentaschen, die scheinbar im Saum verschwinden oder an französischen Ärmeln, die sportlich viel Bewegungsfreiheit lassen, aber lieber elegant anmuten. Damit das Ergebnis zu 150 Prozent stimmt, arbeitet Storck zum Beispiel mit Strickmachern, die auch für The Row oder Hermès tätig sind. Das stimmt optimistisch.

Modische Statements zum politischen Weltgeschehen

Optimismus, der wurde während der Berliner Modewoche immer wieder groß geschrieben. ZEIT Online sah in den bunten Farben und dem konstanten Willen zum Weitermachen der hiesigen Designer gar eine politische Botschaft: Egal, was in der Welt gerade los ist, wir lassen uns nicht kleinkriegen! Das mag etwas überinterpretiert klingen, aber, hach, wofür ist die Mode denn sonst da, wenn nicht, um ein wenig Farbe, Hoffnung und Freiheit in die Trübe des Augenblicks zu blasen.

Berliner Modewoche AW 17/18 Talbot Runhof
Statement zum politischen Weltgeschehen: Talbot Runhof im Kronprinzenpalais

Vergessen zu erwähnen haben die Kollegen dabei aber das einzige Label am Platz, das tatsächlich regelmäßig, mit viel Humor und durchaus auch einer Prise Mut deutliche Statements zum aktuellen politischen Weltgeschehen setzt: Talbot Runhof. Die nebenbei im Rahmen der Fashion Week auch offiziell ihren neuen Store in der Berliner Schlüterstraße eröffneten. Den Pimpf Putin nahmen Johnny Talbot und Adrian Runhof 2014 in einer T-Shirt-Karikatur ordentlich aufs Korn. Und während ihrer Präsentation im Rahmen des Berliner Mode Salons ging es um die stoffliche Verarbeitung der US-Wahlen, wofür die Münchener Fakten für sich sprechen ließen: „She got more Votes“ stand etwa auf einem Kleid geschrieben. Bravo! Außer einem trotz allem optimistischen Blick in die Zukunft bleibt uns da nichts mehr hinzuzufügen.

Runway & Der Berliner Salon Bilder: Getty Images.