Berlin Fashion Week S/S17: Gleichgewicht der Geschlechter

Die Hauptstadt feierte ihre Modewoche mit Kollektionen, die sich an alle richten: viele Designer erweitern ihr bestehendes Sortiment um Männer- oder Frauenlooks. Neu ist diese Strategie eigentlich aber nicht

Warum wir eigentlich noch nie bei einer Modenschau dieses frechen Früchtchens waren, fragt sich die Achtung Digital-Redaktion nach Sekunde Eins. Länger braucht Julian Zigerli nicht, um zum Auftakt seiner Runway-Show im Mercedes-Benz Fashion Week Zelt einen dieser seltenen “Momente” zu schaffen, den sich chronisch ausgehungerte Journalisten noch Tage später appetitlich auf der Zunge zergehen lassen. Überraschung! Der Schweizer Designer lässt sich erstmal selbst feiern!

Dazu kehrt er den etablierten Handlungsstrang einer Modenschau ganz einfach um. Anstatt erst die Models einzeln über den Laufsteg zu schicken, sie im großen Finale noch einmal alle zusammen laufen zu lassen und dann kurz selbst die Nase nach vorn zu strecken, betritt Zigerli noch vor allen anderen die Bühne – und alles klatscht. Der überrumpelte Besucher geht in Sachen Applaus erst mal in Vorkasse, von der Mode gesehen hat er bislang ja noch nichts. Der Jubel kann also keinem anderen gelten als Zigerli selbst.

Julian Zigerli S/S17: Erstmals auch für Frauen
Julian Zigerli S/S17: Erstmals auch für Frauen

“Sorry, not sorry”, Zigerlis kesser Kollektionstitel, spricht hier Bände. Keine falsche Scham bitte, scheint er zu rufen. Mutig! Denn wenn auf diese softe Provokation keine Leistung folgt, wäre das ziemlich peinlich. Zum Glück ist alles gut gegangen und für die flatterhaft sportlichen Looks des blonden Rabauken, auf denen sich cyber-ästhetische Wolken, Herzen oder Schattenspieler-Hände tummeln, muss sich keiner entschuldigen.

Erstmals haben sich auch ein paar Damenlooks dazwischen geschummelt, die sich von seiner Männerlinie aber nur insofern unterscheiden, dass sie sich dem weiblichen Körper anpassen. “Meine Mode ist relativ unisex. Ich hatte sowieso schon immer viele Frauen als Kundinnen”, verrät der Designer backstage nach der Show. “In Zukunft sieht Julian Zigerli an ihnen einfach besser aus, weil alles besser sitzt.”

Sorry, not sorry

Der Zürcher Designer Julian Zigerli zeigt erstmals auch Mode für Frauen. Eigentlich logisch: Wer mit seiner Mode möglichst viele Menschen erreichen möchte, der kann sich heute nicht mehr nur auf Frauen oder Männer versteifen, sondern wird für alle Angebote schaffen müssen. Auch, um seine Verkäufe zu steigern und sich wettbewerbsfähig zu positionieren. Außerdem sind Modehäuser heute ja vielmehr Bildträger denn Stofflieferanten. Und ob jemandem ein Bild gefällt, ist mittlerweile eine Frage des persönlichen Geschmacks, nicht Geschlechts. Internationale Modehäuser machen das nicht anders. Diane von Fürstenberg etwa arbeitet an einer Kollektion für Männer und Brioni will eine Hand voll maßgeschneiderte Angebote für Frauen schaffen.

Parallel scheinen sich die geschlechter-getrennten Modewochen langfristig aufzulösen: indem sich Männerlabels in Sachen Präsentation lieber an die Haute Couture dranhängen oder von Burberry bis Prada die Schauen zusammengelegt werden. Warum auch nicht, das spart den Journalisten Zeit und Modehäusern Geld, und ohnehin nähern sich Männlein und Weiblein auf den Laufstegen immer weiter aneinander an.

Schweben über den Geschlechtergrenzen: Aus Wendy & Jim wurde Wendy Jim
Schweben über den Geschlechtergrenzen: Aus Wendy & Jim wurde Wendy Jim

Dass sich die Womenswear von der Menswear häufig nur noch dadurch unterscheidet, auf welchen Körper sie geschnitten wurde, zeigt ja nicht nur das Beispiel vom Jungdesigner Julian Zigerli, sondern aktuell niemand eindrücklicher als Alessandro Michele bei Gucci. Und wenn es nach dem österreichischen Label Wendy & Jim der beiden Helmut-Lang-Schüler Hermann Frankhauser und Helga Ruthner geht, die während der Modewoche eine artifizielle Präsentation in der Galerie Crone zelebrierten, solle man die Geschlechtergrenzen doch besser gleich auflösen. Kurzerhand streichen sie das “&” aus ihrem Labelnamen. Gestatten: aus Wendy und Jim wird jetzt: Wendy Jim.

Schluss mit Geschlechtertrennung:

Immer mehr Designer machen Kollektionen für Frauen und für Männer. Die Mode nähert sich ohnehin immer weiter aneinander an. René Storck weiß, warum das passiert: “Gesellschaftlich betrachtet haben wir heutzutage eine immer größere Gleichheit der Geschlechter”, erklärt der Frankfurter Designer in einem Interview mit Achtung Digital kurz vor seiner intimen Show im Kronprinzenpalais. “Frauen und Männer lösen sich von klassischen Rollenbildern, das spiegelt nicht zuletzt die Mode.”

Er betont den Wert dieser Freiheit und verweist auf eine Zeit, die uns “plötzlich wieder konfrontiert mit Vorstellungen, die wir längst überwunden glaubten. Wir müssen wohl weiter kämpfen und unsere Haltung nach außen tragen – und das Außen beginnt mit der Kleidung”, so heißt es auf dem Beipackzettel zu seiner Kollektion mit dem treffenden Titel “Ein europäischer Sommer”, der sich vielmehr ließt wie ein Manifest der Gleichberechtigung, auf dem wir sofort unser Kreuzchen setzen würden.

Berlin Fashion Week-SS17 Rene Storck
Lieblingslooks für Frauen und Männer bei René Storck

Auch Storck hat sich also entschlossen, erste Männerlooks zu präsentieren. “In der Business-Stadt Frankfurt habe ich ein besonderes Klientel. Auf der einen Seite Frauen, die nicht nur nach Mode aussehen wollen, sondern nach beruflichem Erfolg und auf der anderen Seite Anzugträger, denen Fashion immer wichtiger wird.” Parallelen zwischen Womens- und Menswear stellt er in erster Linie über Stofflichkeiten her, die man passend zur warmen Jahreszeit aus dem Urlaub kennt: Segeltuch, gewaschenes Leinen, Batist und Kaschmir; gewachste Baumwolle, gewalkter Loden. Das bringt eine Prise Freizeit in den schwarz-weiß-grauen Banken-Alltag. Wird ja wohl noch erlaubt sein.

Berlin Fashion Week S/S 17: Auch Otto Drögsler und Jörg Ehrlich von Odeeh zeigten eine Hand voll Männerlooks

Ob sich Frankfurts Businessszene auch in Kleidern von Odeeh im Konferenzsaal blicken lassen dürfte, müsste wohl erst noch verhandelt werden – wir fänden das herrlich progressiv. Immerhin sprechen die Kollektionen des Würzburger, genauer: Giebelstädter Labels mit den fröhlichen Prints und leuchtenden Farben ja immer für eine ungebändigte Lust auf Mode. Uniforme Zurückhaltung? Keine Spur! Was dem Erfolg natürlich keinen Abbruch tut.

Happy Fashion bei Odeeh: Spontan sind auch ein paar Männerlooks dabei
Happy Fashion bei Odeeh: Spontan sind auch ein paar Männerlooks dabei

Dass das Duo Otto Drögsler und Jörg Ehrlich übrigens jetzt auch Mode für Männer macht, wäre während der Berliner Modewoche beinahe untergegangen. Für ihre allererste Modenschau in Berlin fanden sie nämlich die spektakulärste Location der gesamten Woche, die erst einmal alle Gespräche über ihre Mode übertrumpfte.

Ihre Kollektion für den kommenden Sommer – genauso ein Highlight wie der Ort – zeigten Drögsler und Ehrlich im Rohbau des neuen Berliner Stadtschlosses. Und somit in Räumen, die “nie wieder genau so aussehen werden wie am Tag der Präsentation”, sagen beide stolz vor der Schau. Das mit den Männerlooks hätten sie sich ohnehin recht spontan überlegt, von daher: “No offence!”

Was für eine Location: Odeeh zeigte die S/S17 Kollektion im Rohbau des Berliner Schlosses
Was für eine Location: Odeeh zeigte die S/S17 Kollektion im Rohbau des Berliner Schlosses

Sich spontan zu überlegen, eine Modenschau zu besuchen, die nicht unbedingt auf der Favoritenliste stand, kann übrigens auch eine gute Idee sein. Einer, der so spontan wiederentdeckt wurde, ist Michael Sontag – was hat der die letzten Saisons eigentlich gemacht? Sontag, bekannt für seine fließenden Cocktail- und Abendkleider, hatte das ein oder andere Mal in der Vergangenheit nicht so richtig gekickt. Mal abgesehen von den löcherigen Fummeln in glitzernder Techno-Anmutung, die man sicherlich galant als #geschmacksache vertaggen kann, hat alles funktioniert.

Kleider, in lässig fallende asymmetrische Drapierungen gelegt und aus scheinbar flüssigen zarten Stoffen, außerdem die selbstbewusste Verwendung von glänzendem Satin und dazu coole Plateauschuhe des Berliner Labels Trippen – am liebsten hätte man sich direkt Backstage ein Outfit geborgt für den im Anschluss stattfindenden Vogue Cocktail im Restaurant Borchardts. Ach ja, und Männerlooks gab es natürlich auch!

Entdeckt: Ein Zitat von Achtung Digital über den Berliner Mode Salon im Rohbau des Berliner Schlosses während der Schau von Odeeh mit Blick auf den Berliner Dom
Entdeckt: Ein Zitat von Achtung Digital über den Berliner Mode Salon im Rohbau des Berliner Schlosses während der Schau von Odeeh mit Blick auf den Berliner Dom

Fans von Vladimir Karaleev, Hien Le und William Fan werden mit den Augen rollen. Diese Designer zeigen Frauen- & Männermode doch schon immer zusammen, so läuft das einfach in Berlin! Recht haben sie – aber was hier noch läuft, ist Party! Genau wie der verschlurfte Morgen danach. Vor allem William Fan kann davon zumindest modisch ein Liedchen trällern.

Feierte er vergangene Saison noch die große Fete auf dem Laufsteg, beschäftigt er sich dieses Mal mit dem Hangover danach: Ohnehin im Trend liegende Pyjamas, mal gestreift oder als Katzen-Suit, dazu leichte Bomberjacken und immer wieder subtile chinesische Stilreferenzen aus der Heimat des Designers kommen hier in lockeren Schnitten daher. In Kleidern von William Fan darf Männlein wie Weiblein also auch mal entspannt den Bauch rausdrücken, wenn man will.

Alles für den Hangover-Tag: William Fan präsentiert erstmals auch auch eine Interior-Kollektion
Alles für den Hangover-Tag: William Fan präsentiert erstmals auch auch eine Interior-Kollektion

In Kleidern von William Fan darf Männlein wie Weiblein auch mal entspannt den Bauch rausdrücken, wenn man will.

Damit man an so einem verkaterten Tag am besten gar nicht das Haus verlassen muss, steuert der Designer mit Händchen fürs Business in dieser Saison erstmals eine Interior-Kollektion aus organischen Möbeln und Porzellan hinzu, die Männern wie Frauen gleichermaßen gefallen dürfte. Praktisch: hier spart man sich direkt die geschlechter-referierende Schnitttechnik.

A propos Geschlechter: Weil es in einem Artikel über das Gleichgewicht der Geschlechter natürlich nicht sein kann, nur männliche Designer vorzustellen, erwähnen wir an dieser Stelle noch die von Achtung Digital geschätzte Designerin Stephanie Hahn von 22/4, die Mode für Frauen genauso wie Männer gestaltet und regelmäßig während der Pariser Mensweek präsentiert. Im Rahmen des Berliner Mode Salons hat sie in dieser Saison erstmals an der Gruppenausstellung teilgenommen. Wir hoffen, dass sie dort keine Ausnahme bleibt.