Auf Kompasssuche in Bonn: Wie war es möglich von hier aus ein Land zu regieren?

Neben seinen Arbeiten für Achtung, 032c und SSENSE tobt sich Fotograf Christian Werner gern an westdeutscher Vergangenheitsarchitektur aus. An der Seite von Journalist Joachim Bessing knüpft sich Werner jetzt das verstaubte Machtzentrum Deutschlands vor: „Bonn, Atlantis der BRD“

Als Deutschland noch viel kleiner war, gab es nur drei Fernsehprogramme. […]
jeder Tag wurde um acht Uhr abends beendet mit dem Geräusch eines Gongs aus dem Lautsprecher des Fernsehapparats.
Dann die Fanfare der Tagesschau; und die erste Ortsmarke des Nachrichtensprechers war an vielen, beinahe an jedem dieser Abende: Bonn

Neben Joachim Bessings Kindheitserinnerungen an die frühere Schaltzentrale des Landes stehen die Fotografien von Christian Werner. Verlassene Hotels und Stadtgebäude räumen einen Blick auf Bonn ein, das den Regierungssitz der Bundesrepublik von 1949 bis 1990 vorübergehend beherbergte. Helmut Kohl wurde während dieser Periode Kanzler, es herrschte Wehrpflicht, Deutschland war entzweit. Gegenläufig scheinen die Bilder den Betrachter anzuziehen und sich dem Auge beim längeren Hingucken doch nie ganz zu öffnen. Insgesamt 24 Fotografien steuert Werner dem Buch bei und hält das vage Provisorium fest.

Achtung Digital sprach im Rahmen der Buchpublikation mit Christian Werner über den Schaffungsprozess des Projekts, die Kraft von Menschenleere und Bonn als ehemaligen Kompass des Landes. Die Fotos im Interview stammen aus dem Buch “Bonn Atlantis der BRD”.

Was haben Bonn und Atlantis gemein?
Atlantis ist ein untergegangenes Land, das mit vielen mysteriösen Bildern besetzt ist. Bonn steht stellvertretend für die alte Bundesrepublik, die es so nicht mehr gibt. Ein Ort aus einer anderen Zeit, der mit dem Mauerfall verschwand. Da findet man überall Reliquien aus den Tagen, in denen dort das Machtzentrum des Landes lag. Bonn wirkt heute verwunschen und klein in seinen Proportionen, sodass man sich fragt, wie man von dort aus eigentlich das Land regieren konnte. Die hinterlassene Verwaltungsarchitektur prägt die Orte, die ich für das Buch fotografiert habe.

Dein persönliches Verhältnis zu Bonn vor dem Buch?
Vor der Arbeit an diesem Buch bin ich tatsächlich nie in Bonn gewesen. Allerdings hat das Thema des alten Westdeutschlands in den letzten Jahren schon eine große Rolle in meiner Arbeit gespielt. Es fing damit an, dass ich im ZeitMagazin eine Reportage über Duisburg und seine verwahrlosten Industrie-Brachlandschaften veröffentlicht habe.

Wie ging es im Anschluss weiter?
Gemeinsam mit dem Medienwissenschaftler Markus Krajewski habe ich mich mit Kölns verkachelten Fassaden der Nachkriegsarchitektur beschäftigt (Bauformen des Gewissens ist 2016 im Kröner Verlag erschienen), bevor ich mich dann meinem Bildband Stillleben BRD gewidmet habe. Bei einem alten Schulfreund, dessen verwitweter Opa in einem kompletten 60er-Jahre Interieur lebt, sind die Fotos für das Buch entstanden. Daraus entwickelte sich ein großes Projekt inklusive Museumsausstellung und Katalog. Journalisten und Schriftsteller haben dann, zu den Motiven aus dem Buch, wie etwa Ehebett, Radiowecker, Hobbykeller oder Marmortisch Texte geschrieben.

Das einstige Machtzentrum wirkt heute wie leergefegt. Foto: Christian Werner

Welches Bild von Bonn zeigen die Fotos?
Mich haben vor allem die Orte ehemaliger Machtrepräsentanz interessiert. Das Aufmacherbild ist im Kanzlerhotel entstanden. Ein skurriler Ort, der einen gleich im Foyer mit großformatigen Altkanzler-Porträts empfängt. Dann tauchen unter den Bildern auch noch die Stühle der ehemaligen Bundespressekonferenz auf. Wie die meisten Gebäude auf dem Tulpenfeld, ist es inzwischen in privater Hand und wirkt dennoch unberührt. Das sind Orte, die an ihrer Bedeutung verloren haben und trotzdem geht von ihnen noch eine gewisse Aura aus, weil sie Geschichte atmen. Mich interessieren diese Insignien der alten Baumformen, Stile und Oberflächen.

Welche Sinnbilder haben außer den Genannten noch an Bedeutung eingebüßt?
Damals waren zum Beispiel Abschreckungsvögel an den Glasscheiben omnipräsent. Gleiches gilt für die vielen, teils für die Zeit in extravagantem Stile gebauten Botschaften, die heute entweder in privater Hand sind oder vor sich hinmarodieren. Es sind verlassene Orte, und das, obwohl es Bonn aktuell als Stadt am Rhein gut geht und viel Zuzug herrscht.

Warum sind die Fotos menschenleer?
Ich versuche eine ruhige Bildsprache zu entwickeln und auf Schrift im Bild zu verzichten. Zu starke Signale und Symbole kommen dem oftmals in die Quere. Im Fokus stehen eher Farben und Strukturen. Nur anhand von Oberflächen und Kompositionen lässt sich eine Stimmung kreieren, die mit Menschen im Bild gestört wäre. Über die Bildästhetik versuche ich zu zeigen, wie sich dieser Ort anfühlt. Manche Bilder schaut man an und ahnt zu wissen wie der Ort riecht.

Die Giraffen im Museum König waren Zeugen als das Bundesgesetz verabschiedet wurde. Foto: Christian Werner

Im Textteil erzählt Bessing, wie ihm als Kind mit einem glühenden Zigarettenstummel der Schmerz eines Bienenstiches betäubt wurde, wie sein Mund mit Heftpflaster zugeklebt oder der Scheitel mit einem Geigenbogen gezogen wurde. Wie verhalten sich diese Szenen zu der Nüchternheit Deiner Fotografien?
Im Grunde spielt der Text ja nur zu geringen Teilen direkt in Bonn. Bonn steht für das Lebensgefühl in Westdeutschland in den Achtzigerjahren. Bonn kam jeden Abend um acht Uhr mit dem ersten Gongschlag der Tagesschau. Bonn ist Stellvertreter dieser Zeit. Text und Bild sind zwei künstlerische Beiträge, die zusammenlaufen, einander aber nicht illustrieren. Nur zum Schluss nimmt Joachim Bezug auf die Bilder. Diese Giraffen im Museum König zum Beispiel waren Zeugen wie das Bundesgesetz verabschiedet wurde. Am Ende des Buches reisen wir zusammen nach Bonn und besuchen Orte wie das Stadthaus. Obwohl dort auch heute die Verwaltung stattfindet, sieht es noch aus wie 1975: Industriegrüne Schränke, Topfpflanzen, nikotinvergilbte Styropordecken.

Moby Dick-Fähren, Gesichter der Politik, bröckelnde Schriftzüge. Deine Bilder zeugen von einer Sachlichkeit, entfachen zugleich Erinnerungen an etwas Vergangenes. Erlaubst du Dir einen nostalgischen Blick auf Bonn und die BRD?
Nostalgie ist immer ein schwerbesetzter Begriff, weil heutzutage ja jeder zeitgemäß sein will, beziehungsweise man im Rückblick auch schnell verklären kann. Aber eine gewisse Sehnsucht nach einer Welt vor der umfassenden Digitalisierung und Globalisierung, als es noch eine starke SPD und eine funktionierende soziale Marktwirtschaft gab lässt sich nicht leugnen. Es ist ein melancholischer Blick zurück in ein Land, das damals in einigen Bereichen doch ganz in Ordnung war.

 

Wie war es von hier aus möglich ein ganzes Land zu koordinieren? Foto: Christian Werner

Im Vergleich zu diesen Erinnerungsorten fühlt man sich vom aktuellen Regierungsviertel in Berlin fast erschlagen. Was macht Bonn für Dich fotogener als Berlin?
Der lange Eugen diente in Bonn früher als Bürogebäude der Abgeordneten. Wenn man sich die Mammutarchitektur des Regierungsbezirks in Berlin anschaut, fragt man sich schon, wo in Bonn früher beispielsweise nur die Akten verstaut wurden.
Berlin ist natürlich deutlich diverser. Aktuell fehlt mir hier aber die Spannung. In Bonn hatte ich hingegen ein klares Sujet, diese zeitliche Verzögerung, vor Augen.

Wie lässt sich das Projekt weiterdenken?
Die Zusammenarbeit geht definitiv weiter. Wir denken in Serie und haben das zweite Buch schon fast fertig: Diesmal wird es um Hamburg gehen und im kommenden Frühjahr wieder bei Matthes und Seitz erscheinen. Weitere Städte und biographische Orte sind in Planung.

Auch Berlin?
Klar! Aber das wird vermutlich die größte Herausforderung …

 

Die Bilder in der Galerie stammen aus Achtung Mode Nr. 37.

FOTOGRAFIE: Christian Werner

STYLING: Markus Ebner

STYLING ASSISTENZ: Sophia Schünemann und Pauline Barnhusen

MODEL: Adrienne Jüliger