Chanel is in the House

Hyères-Gewinnerin Annelie Schubert präsentiert ihre in Chanels Werkstätten realisierte Kollektion im Rahmen des Berliner Vogue Salons

Einzigartige Chancen gibt es nur selten – etwa die, in den Werkstätten von Chanel eine eigene Kollektion zu entwerfen. Hyères 2015-Gewinnerin Annelie Schubert hat diese Chance eindrucksvoll genutzt, wie sie beim 11. Vogue Salon im Kronprinzenpalais unter Beweis stellte

Oft kommt es wohl nicht vor, dass die ehrwürdigen, französischen Chanel Metier d’Art Werkstätten Besuch von einer jungen Designerin erhalten. Und dann auch noch von einer Deutschen. Doch seit Annelie Schubert, Deutschfranzösin und Absolventin der Kunsthochschule Weissensee, im vergangenen Jahr den renommierten Grand Prix des „Festival International de Mode et de Photographie“ im südfranzösischen Hyères gewann, ist sie sozusagen von der modischen Amateur- in die Profiliga aufgestiegen.

Eine Detailaufnahme aus der in Chanels Werkstätten entstandenen Kollektion von Annelie Schubert
Eine Detailaufnahme aus der in Chanels Werkstätten entstandenen Kollektion von Annelie Schubert

So designte sie nicht nur für die französische Traditionsmarke Petit Bateau eine exklusive Capsule Collection, die sofort ausverkauft war und nun aufgrund des Erfolgs weitergeführt wird, sondern erhielt von der Jury auch noch eine Belohnung, von der selbst gestandene Designer nur träumen können: Schubert durfte eine Kollektion in den legendären Métiers d’Art-Werkstätten realisieren, den alt eingesessenen Kunsthandwerksbetrieben der französischen Haute Couture, die Chanel 2002 gekauft hat.

Annelie Schubert gewann den Grand Prix in Hyères. Als Belohnung durfte die Jungdesignerin eine Kollektion in Chanels Métiers d’Art Werkstätten realisieren

Wie das war? „Wie im Märchenland“, sagt Schubert. „Diese unglaublichen Archive, die man dort vorfindet, Entwürfe von Dior und Yves Saint Laurent. Und diese Offenheit der Ateliers, mit der ich empfangen wurde, das hat mich am meisten fasziniert.“

Entschieden hat sie sich letztendlich für Stickereien aus dem Hause Lesage, Plissees gefertigt im Atelier Lognon, Schuhe von Massaro und Strick von Barrie. Mit dem Meister des Stickerei-Ateliers studierte sie historische Arbeiten. Eine hatte es ihr besonders angetan. „Die schien mir unglaublich teuer zu sein“, erzählt sie – und der Meister antwortete: „Annelie, wir sind hier nicht, um über Geld zu reden.“

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Nichts ist bei Chanel zu teuer: Annelie Schubert durfte einen Wollstoff mit tausenden von Perlen besticken

„Das war einer der schönsten Momente“, sagt Schubert, „als mir klar wurde, dass ich wirklich machen kann, was ich will.“ Das tat sie dann auch und ließ einen Mantel aus schwerem hellen Wollstoff mit Tausenden von Glasperlen besticken. 50 Stunden Arbeit stecken in dem fertigen Teil, das sie mit einer seidenen Pumphose und Pullover kombiniert.

Wie im Märchenland: Annelie Schubert durfte in Chanels Archiven machen, was sie will

„Es hat mich wirklich beeindruckt, wie sehr die Menschen hier lieben, was sie tun“, sagt die Designerin. Wie die Schürze aus goldgelber Seide mit kunstvollem Faltenverlauf.„Eigentlich“, erklärt Schubert, „kann man Seide gar nicht plissieren, weil sie zu schwer ist. Aber die können das.“

Mit der Schürze griff Schubert eine Idee in ihrer zweiten Kollektion auf, die uns bei Achtung Mode schon bei ihrem Festival-Sieg fasziniert hat. Die Vision von Kleidungsstücken, die man auf unterschiedliche Art tragen und übereinander positionieren kann. Einzelne Bausteine, die sie zu einem schlüssigen Outfit zusammenfügen, das sich immer Irgendwo-Dazwischen befindet und das durch seine ideenreiche Schneiderkunst und neue Silhouette unter den Entwürfen der Nachwuchsdesigner auch beim Vogue Salon während der Berliner Modewoche herausstach.

Plissierte Seide in Goldgelb: eine Technik, die "eigentlich fast unmöglich ist", sagt Annelie Schubert
Plissierte Seide in Goldgelb: eine Technik, die “eigentlich fast unmöglich ist”, sagt Annelie Schubert

Erweist sich doch für uns dieser verwobene, zusammengesetzte Look bei genauer Betrachtung als das Bestreben, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir uns in einer beschleunigten Gesellschaft, die mehr und mehr von Dynamik und fließenden Identitäten geprägt ist, eigentlich in Zukunft kleiden werden. Ein lässig-formaler, jungenhafter weiblicher, immer einsatzbereiter Look in den man im Nullkommanix einfach reinzuschlüpfen und aus dem Haus zu rennen kann, scheint dabei nicht die schlechteste Lösung.