Anna Dello Russo

Sie ist die meistgebloggte Frau im Netz und ihre Klamotten wohnen in einem eigenen Apartment. Wie konnte es soweit kommen, dass die wandelnde Litfaßsäule der Mode so wichtig wird?

Journalisten behaupten, Anna Dello Russo fahre in einem mit Designerklamotten vollgestopten Kleinbus durch Paris, aus dem sie nach jeder Show ein noch bunteres, noch wahnwitzigeres Outfit ziehe, und dies bis zu acht Mal am Tag. „Ist es zu fassen“, sagen die Journalisten. Wie gesagt, sie behaupten es nur, gesehen hat es keiner. Verbrieft ist, dass sie in Mailand zwei Apartments besitzt, eins für sich, eins für ihren Modeschatz („mein Spielzimmer“). Der andere Schatz, mit dem sie verheiratet war, suchte zwischen Kleidern, Smokings, Taschen, Hüten, Schmuck und mehr als 4.000 Paar Schuhen einen Monat lang nach Raum und fand ihn nicht; zur Scheidung trug Anna Balenciaga. „Excess to me means success“ ist ihr Motto, und unbedingt, sie fällt auf.

Wenn Anna Dello Russo, Markenkürzel AdR, 53 sehnige Jahre, 180.000 Follower auf Twitter, in einer Wolke aus Federn und Chiffon ihren Platz in der Front Row bezieht, beugen sich Nichteingeweihte augenreibend vor: wer in aller Welt ist das? Ein paar Antworten zur Auswahl. AdR ist die, die bevorzugt in Komplettlooks aufläuft und das „Kühnheit“ nennt. AdR ist die, die eigenen Angaben zufolge höchstens Schuhe und Taschen ein zweites Mal trägt, weil Mode in jeder Saison wieder „komplett bei Null“ anfange. AdR ist die, die das zweifelhafte Privileg erfuhr, in Suzy Menkes‘ vielbeachtetem Circus-of-Fashion-Artikel namentlich genannt zu werden. „The Italian clothes peg“, schrieb Menkes: „The wider the belt, the shorter and puffier the skirt, the more outré the shoes, the better.“ Kurz und gut: AdR ist die, die Menschen außerhalb der Branche bis zu acht Mal täglich in ihrer Auffassung bestätigt, dass die Branche einen gefährlichen Totalknall hat.

Übrigens darf – nein, muss – Mode Spaß machen. Wenn AdR nach der Valentino-Show vor keifenden Fotografen posiert und dabei ein Klosterschülerinnenkleid von Valentino mit Ohren von Mickymaus kombiniert, dann gehen wir hier mal schwer davon aus, dass sie Spaß dabei hat. Er sei ihr gegönnt. Die Frage ist auch weniger, was von Anna Dello Russo zu halten ist. Die Frage ist, was davon zu halten ist, dass Anna Dello Russo wichtig werden konnte. Ist es vielleicht so, dass mittlerweile auch nicht schöne und nicht junge Frauen stilbildend sein können? Das wäre mal eine feine, erfrischende Antwort. Doch so ist es ja nicht. Sondern so: der Stilbegriff hat sich in Zeiten rasender Beschleunigung und schwindender Aufmerksamkeitsspannen, orchestriert durch Blogger und Streetstyler, an den Meistbietenden verkauft – excess means success. Es geht also gar nicht um das individuelle, mit Phantasie und Augenmaß zusammengestellte Outfit, sondern um maximale Kenntlichkeit auf den allerersten Blick.

Bezeichnenderweise trägt Anna Dello Russo nicht einfach nur Komplettlooks; sie trägt die flamboyanten Showteile aus jeder aktuellen Kollektion – copy/paste – ohne erkennbare Vorlieben: Gucci, Prada, Givenchy, Dries van Noten, Chanel, Saint Laurent, für den Betrachter mühelos identifizierbar und frei von jeglicher Vorstellungskraft. Geld und Beziehungen vorausgesetzt, kann heute jede Frau auf der Welt so aussehen. Es ist ein fragwürdiges Konzept von Mode, das da von Hunderttausenden gefeiert wird: Fast Fashion, einmal getragen, hundertmal fotografiert, tausendmal geliked und weg damit. Es ist nicht zuletzt auch ein fragwürdiges Frauenbild. Gewollt profillos, ganz und gar fremdbestimmt.

Es ist das Bild einer Frau, die sich beim monatelangen Zusammenstellen ihrer nächsten Fashionweek- Looks erkennbar nicht ein einziges Mal die entscheidende Frage gestellt hat: Steht mir das auch? Weil es ausschließlich ums Auffallen geht, und sei es um den Preis der Lächerlichkeit. Am Ende ist es egal, ob Anna Dello Russo tatsächlich nach jeder Show durch Paris stakst, wo zwei Ecken weiter ihr Charterbus mit der nächsten Extravaganza wartet. Deprimierend genug, dass man es für denkbar hält.

Dieser Text erschien in der Ausgabe No.30