Illustration: Caroline Marine Hebel exklusiv für Achtung Mode

Alle Augen auf Arthur Arbesser

Der österreichische Designer und diesjährige LVMH-Preis-Finalist bringt frischen Wind in Mailands Modewelt

Mailand ist traditionell die Modestadt der italienischen Luxushäuser. Hier herrschen Großmächte wie Prada, Gucci oder Dolce & Gabbana, für junges Design bleibt da wenig Raum. Nachwuchsdesigner schauen sich nach ihrem Stückchen Land deshalb lieber in unfertigen Modemetropolen wie der deutschen Hauptstadt um. Das hat allerdings zwei große Nachteile: Erstens ist man immer einer von vielen, ergo muss sich mediale Aufmerksamkeit in größerem Maße teilen und zweitens stehen die Chancen, überhaupt erst einmal bis zu den Augen der meinungsmachenden Modepresse vorzudringen, relativ schlecht. Suzy Menkes, Franca Sozzani oder Vanessa Friedman als regelmäßige Gäste einer Modewoche? In Mailand Alltag, in Berlin immer noch ein Wunschkonzert.

Ein Look aus Arthur Arbessers aktueller Herbst-Winter 2015 Kollektion
Ein Look aus Arthur Arbessers aktueller Herbst-Winter 2015 Kollektion

Für den gebürtigen Wiener und Central- St.-Martins-Absolventen Arthur Arbesser war es deshalb ein taktisch cleverer Zug, sein 2012 unter eigenem Namen gegründetes Label für Damenmode in Mailand aufzubauen. Dort profitiert er von den professionellen Strukturen der Stadt, bewegt sich dank des Mangels an adoleszenten Antagonisten aber schier außer Konkurrenz. Mailand kennt er außerdem gut: Dort hatte Arbesser als Juniordesigner bei Armani bereits die letzten sieben Jahre verbracht, in denen er sich ein nützliches Netzwerk aus kreativen Freunden, Produzenten und Stofflieferanten aufbaute – bevor er sich entschloss, den gut bezahlten Job mit ausgedehntem Sommerurlaub an den Nagel zu hängen, um etwas Eigenes hochzuziehen. Ein finanzielles Wagnis, aber selbst daran findet Arbesser etwas Positives.

Frische Farben, zackige Muster - so sieht Arbesser den klassischen Mantel
Frische Farben, zackige Muster – so denkt Arbesser den klassischen Mantel

„Die internationale Modepresse kommt so oft nach Mailand, die weiß, wie ein teurer Champagner schmeckt“, meint Arbesser, „ich versuche stattdessen, mit meinen Ideen zu überzeugen. Ich finde es wichtig, als Designer erst einmal eine Sprache zu entwickeln, eine eigene Welt entstehen zu lassen.“ Und das kam bislang gut an. Im Frühjahr 2013 präsentierte er seine erste Kollektion und gewann noch im selben Jahr den von der Vogue Italia initiierten Nachwuchsförderungspreis Who is on next, was ihm die Aufmerksamkeit einer Suzy Menkes oder Franca Sozzani genauso einbrachte wie das Interesse internationaler Einkäufer. Arthur Arbesser hängt in wenigen, dafür anspruchsvollen Läden in China, Japan, Korea und Italien; der Rest von Europa zieht nach. Langsames Wachstum, dafür gesund. In seiner Heimat Österreich gibt es zwar noch keinen Shop, dort wird der Auswanderer dennoch schon als der mögliche nächste Helmut Lang gefeiert. Wohl eher aus Patriotismus denn offensichtlicher Stilverwandtschaft.

Der neue Dreiteiler: Schürze über Shirt über Hose
Der neue Dreiteiler: Schürze über Shirt über Hose

Denn Arthur Arbessers Exponate tragen die quirlig-jugendliche Handschrift eines Nachwuchsdesigners, gleichzeitig offenbaren sich aber die Lehrjahre unter Signore Armani an der Essenz: Stoffe von langlebiger Qualität, saubere Nähte, sorgfältig berechnete Passform. Spielend schafft er den Spagat zwischen konzeptueller Idee und Handwerk, zwischen Retro-Einflüssen und dem Blick nach vorn. Tenniskleider im Schnitt der 20er tunkt er in grafische Muster der 60er, Latzhosen und -kleider sowie von Arbeiteranzügen angehauchte Zweiteiler erfahren ihre modische Aufwertung durch die Verwendung von leuchtenden Farben, buntem Denim oder sportlich anmutenden semi-transparenten Stoffen. Der Clou: In der aktuellen Frühjahr-Sommerkollektion verarbeitete er anstelle von normalem Garn Nylon-Angelschnur mit der Strickmaschine – so entstehen Produkte der Gegenwart.

Keulenärmel und schmale Bermudas in grafischer Bauhaus-Anmutung
Keulenärmel und schmale Bermudas in grafischer Bauhaus-Anmutung

Gerade sitzt Arbesser am Entwurf seiner Kollektion für den kommenden Winter. Es soll eine Hommage an Wien werden, inspiriert von Joseph Hoffmanns klassischen Designs, Lobmeyr-Gläsern und der österreichischen Arbeitertracht. Alles ein wenig melancholisch, das schwinge in seiner Heimatstadt immer mit. „Ich bin eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch, aber in Gestaltungsprozessen schmeiße ich mich manchmal in tiefere Gewässer. Vor allem, wenn es um Winterkollektionen geht“, verrät der Designer. Auch hier richtet er einen Fokus auf Materialität: Von einem kleinen Tiroler Familienunternehmen wird er schweren, handgewebten Loden beziehen. Ein bockiges Material, das ein wenig an Möbelstoffe erinnert. Genau die Form von besonderer Exklusivität, die sich erst beim näheren Betrachten und Anfassen der Kleidung offenbart und die bei Arbesser langsam aber sicher zum Markenzeichen wird. Auch in seiner Formensprache ist bereits eine ganz eigene Handschrift erkennbar. Den in allen Kollektionen präsenten eher knabenhaften Schnitten stellt Arthur Arbesser erwachsene, feminin konnotierte Silhouetten gegenüber, wie Bleistiftröcke und taillierte Blazer, A-Linien-Mäntel und gerade geschnittene schmale Hosen.

Fotografie: Henrik Blomqvist
Fotografie: Henrik Blomqvist

Komplettiert werden seine Kollektionen jedoch erst durch den Akt der Inszenierung, zum Beispiel in Form multimedialer Spektakel, für welche er mit befreundeten Künstlern kooperiert. Das mag daran liegen, dass seine Leidenschaft für Mode seiner Begeisterung für das Theater, die Oper und dem Schau-Charakter ihrer schillernden Kostüme entspringt. Behütet aufgewachsen als Sohn konservativer, aber weltoffener Bildungsbürger im grünen 13. Bezirk stand die kulturelle Erziehung der Nachkömmlinge eben ganz oben auf der Tagesordnung, das bleibt haften. So zeigte Arbesser seine aktuelle Sommerkollektion im Rahmen der Mailänder Modewoche in einer alten Garage im Zentrum, dessen Fläche die geladenen Gäste erst Parcours-artig durchlaufen mussten, bevor sie die Modelle betrachten konnten. Die Wände schmückten Werke des Fotografenfreundes Carlo Valsecchi, während parallel ein Stimmungsvideo von Samantha Casolari lief, welches die ehemalige Helmut-Lang-Muse Cordula Reyer in Arthur Arbessers Mode zeigt.

Den oft zitierten Schnittpunkt mit dem großen österreichischen Modemeister und seiner Muse empfindet er als Österreicher ganz natürlich, sei er doch schon immer ein Riesenfan gewesen: „Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich Cordula vor etwa 20 Jahren das erste Mal traf, ich muss zwölf gewesen sein. Damals hatte ich all mein Taschengeld für ein Helmut-Lang-T-Shirt zusammengekratzt und verließ überglücklich das Geschäft, plötzlich sah ich Cordula auf der Straße – sie gab mir dann ein Autogramm auf den Kassenbon. Heute sind wir gute Freunde.“