Achtung Ausgabe 32: jetzt im Handel

E Pluribus Unum - Eine Ode an die Vielfalt und den Einzelnen

Singe mir, Muse, den Inhalt dieses Editorials. Was ist Inspiration? Was bringt uns dazu, künstlerisch arbeiten zu können? Wie kommt es zu dem Wunder, dass Menschen immer wieder aus dem Bett aufstehen, um ihr schöpferisches Tagwerk in Angriff zu nehmen? Ein schöner Blick mag für manchen schon Motivation genug sein.

Ragazzi Roma
Alle Wege führen nach Rom. Deswegen wurde Achtung 32 neben Berlin auch in der italienischen Hauptstadt produziert. Unsere “Raggazzi Roma”- Strecke gibt es in der neuen Ausgabe.

Wie wir gerade erfahren haben, schaut der letzte Überlebende eines gesamtkulturhistorisch verstandenen Modebegriffs, unser Renaissance-Mann in Paris, Karl Lagerfeld himself, jeden Morgen von einem Sitzmöbel (Canapé) am Fenster seines Stadthauses aus auf den Louvre und die Seine, was nichts anderes heißt, als dass wir Rive Gauche sind. Dort ist sein Platz zum Ansehen von Büchern, hier zeichnet er, liest oder beginnt einfach nur mit der produktivsten Tätigkeit des Geistesmenschen, dem Nichtstun. Manche freilich nennen es Tagträumerei. Ein zutiefst romantischer Begriff, der angenehm unserer Zeit entfallen ist.

Silvia_venturi
“Wer die Geschichte des Hauses Fendi erzählen will, wäre gut berate, sie auf einer Modenschau beginnen zu lassen”, sagt Silvia Venturini, Fendis Kreativdirektorin für Accessoires, Lederwaren, Kinder- und Männermode. Wir widmen eine ganze Strecke dem italienischen Traditionshaus in unserer neuen Ausgabe.

Silvia Venturini Fendi verriet mir während einer netten Unterhaltung vor ihrer Männershow in Mailand, dass sie in Rom den Chauffeur jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im neuen Fendi-HQ außerhalb der Stadt anweist, eine andere Strecke zu fahren, so dass sie ein neues Viertel der Ewigen Stadt kennenlernen kann, mit dem sie noch nicht vertraut ist. Ein Kirchenportal oder einfach nur ein malerischer Straßenzug im Morgenlicht – das ist schon Inspiration genug für sie. Eine Inspiration, die ihr den Kopf frei weht, bevor sie sich wieder an die Arbeit macht, im neoklassizistischen Monument vor den Toren Roms, nahe den Caracalla-Thermen weiter an der DNA von Fendi zu feilen.

Dass unser Mailänder Gespräch mit ihr und Fendi-CEO Pietro Beccari zufälligerweise in Karl Lagerfelds dortigem Arbeitszimmer stattfand, das nicht nur komplett fensterlos ist, sondern in dem noch dazu außer einem Parchment-Tisch lediglich zwei sandfarbene Ledersessel stehen, ist schon fast hypersymbolisch. Also die Mönchszelle mit dem kleinen Detail (hier: Diptyque-Duftkerze Figuier auf dem Tisch) setzt den Kontrapunkt zur Fensterschau des Morgens.

The Kiez are alright
Wir haben uns über mehrere Wochen hinweg mit der Fotografin Eva Baales durch Instagram geklickt und sind durch die Straßen gezogen, um unterwegs gute Gesichter und Typen aufzutreiben, die für die Vielfältigkeit Berlins stehen und gern in Herbst-Wintermode fotografiert werden möchten. Hafaq trägt eine Lederjacke mit Steppeinsatz sowie locker sitzende Melange-Hose in Anthrazit EMPORIO ARMANI; Gesprenkeltes Longshirt in Weiß MODEL’S OWN.

Diese Ausgabe von Achtung Mode ist eine Feier der Inspiration in der Mode und es ist kein Zufall, dass sie vor allem in zwei Metropolen fotografiert wurde, die lange nicht als genuine Modestätten verstanden wurden: Rom und Berlin. Beide waren Kapitale des Faschismus im 20. Jahrhundert, die gerade eine radikale Umwertung erfahren: als zentrale Anlaufhäfen für die neuen Flüchtlingsströme des 21. Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang bekommt der Begriff des Streetstyle eine ganz neue Dimension. Normalität bedeutet auf einmal nicht mehr zynisch normcore, sondern reflektiert unsere mentale Gelassenheit im Umgang miteinander. Das Bewusstsein, dass Empathie eine Tugend ist, die wir nie vergessen dürfen. Ganz normal ist nicht nur Lutz Huelle, der auf dem entwaffnend entgegenlachenden Porträt von Wolfgang Tillmans in dieser Ausgabe ein Hemd trägt, das „World Peace Now“ fordert (ausnahmsweise mal kein doofes Fashion Statement).

Ganz normalLutz
Unsere stellvertretende Chefredakteurin Nicole Urbschat nähert sich in einem intensiven Gespräch dem Phänomen Lutz Huelle, dem deutschen Designer, für den Mode nie ein reines Produkt war, sondern ein Spiegel, mit dem er uns die Gegenwart besser verstehen lassen will. Model Rebecca trägt eine Bomberjacke in Dunkelblau und Rot mit seitlich schrägem Reißverschluss und transparentem XL-Taillengürtel LUTZ HUELLE.

Rom und Berlin sind gerade wegen des Einflusses der Straße (hier: extreme Eleganz, dort: Allerleirauh) die gerade neu boomenden Modestädte der Gegenwart. Inspiration kann uns eben auch lehren, hinzusehen, wo andere wegschauen. Was am Ende nichts anderes meint, als sein Leben mit anderen zu teilen. Wenn diese Ausgabe dabei als ästhetische Inspiration dienen kann, umso besser.

Made in Italy
Auf unserem Weg nach Rom wollten wir nicht nur spannende Mode festhalten, sondern auch die Menschen kennen lernen, die diese Stadt so fabelhaft machen. Unser Kreativdirektor Markus Ebner traf Schmuckdesignerin Delfina Delettrez (hier mit ihrem Mann Nico) und ihre Gang, fotografisch begleitet von unserem Fotografen des Vertrauens: Ralph Mecke.

Text: Eckhart Nickel