A50 Persönlich: Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez, unsere Nummer 31 auf der A50 Liste

Wer klassisches Luxusboutiquen-Interior möchte, geht zu Peter Marino, wer einen etwas anderen, cooleren Zugang zu Fashion sucht, ruft Gonzalez Haase AAS in Berlin an. Das Büro von Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez steht für „Atelier, Architektur, Szenografie“, ihre ungewöhnlichen, eher industriellen Bühnen richteten sie zuerst für Andreas Murkudis und zuletzt für Balenciaga in Paris ein. Ach so, nebenbei haben sie auch das angesagteste Restaurant in Berlin gestaltet: das Ernst

A50 Persönlich sind 50 gute Fragen an die Nominierten unserer A50 Liste der wichtigsten Deutschen in der Mode 2019.

1. Wo fühlen Sie sich Zuhause?
Judith Haase: Im Kreise meiner Liebsten.
Pierre Jorge Gonzalez: It’s hard to know exactly where is home. Maybe home is not found so far. It may come in a few years.

2. Mögen Sie ihren Namen?
JH: Meine Schwestern heißen, Esther und Lea. Meine Mutter wählte die drei Namen aus dem alten Testament, weil sie sie schön fand.
Judith und Holofernes. Judith als Verkörperung von Mut und Entschlossenheit verknüpft mit weiblicher Schönheit – die Phantasie der Künstler  vom späten Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert hat sie immer wieder beflügelt – das gefällt mir.
PJG: For long I did not. This was related to where I grew up, where foreigners weren’t so welcome. I wasn’t really the normal one. Then it became more of a strength for me.

3. Ihr bestes Arbeitsoutfit?
JH: Kleidung, in der ich mich bewegen und sofort losrennen kann: Turnschuhe, Jeans, Kaschmirpullover und Blazer.
PJG: A loose dark shirt, grey trousers, bold sneakers and a few layers to add on depending of the season, the client and the site.

4. Sind Sie pünktlich?
JH: Ja.
PJG: Always, unless someone makes me late.

5. Ihr letzter Urlaub?
JH: In Tirol bei meinem Onkel in den Bergen.
PJG: Saint-Tropez for the last weekend.  A french classic.

6. Wovor fürchten Sie sich?
JH: Vor unvorhersehbaren Katastrophen.
PJG: 
Getting older, loosing health.

7. Was möchten Sie noch erreichen? Wovon träumen Sie?
JH: Ein Haus für moderne Kunst bauen und ein Haus für mich selbst mit mehreren Stockwerken. Ich liebe Treppen. In Berlin lebe ich seit 1989 in Etagenwohnungen. Ich bin in einem alten Bremer Schnoorhaus aus dem 17. Jahrhundert mit drei Etagen aufgewachsen und die Treppe war das zentrale Element. Ich habe es geliebt die Schritte auf der Treppe meiner Familie zu hören.
PJG: I have always dreamt to connect my work with my private life.

8. Haben Sie studiert? Wenn ja was?
JH: In Berlin an der Kunsthochschule Architektur.
PJG: Typography, graphic design, product design and scenography.

9. Ihr erster Job?
JH: Ich habe in einem Wiener Cafe hinterm Tresen gearbeitet und gelernt Kaffee in allen möglichen wiener Varianten zuzubereiten. Meine Eltern fanden es großartig in dem Cafe zu sitzen, weil sie dann mal von mir bewirtet werden konnten.
PJG: 
My first job was to build set designs. I designed and realized them in an atelier I rented immediately when I came to the art school. Much before that I was drawing portraits of kids for proud mums to earn money. Somehow it was all related.

10. Schlimmster Job den Sie je hatten?
JH: Die Gestaltung eines Ladens für einen Auftraggeber, der unsere Arbeit nicht verstand und verlangte die gerade eingebauten Elemente wieder zurück zu bauen.
PJG: The worst can also be the best one. You can be chosen by an amazing art director to design the spaces for his collections, and then have to collaborate with terrible assistants. Then there are also these clients that want you for your name but finally don’t understand. This hurts.

11. Was mögen Sie an Ihrem Job?
JH: Dass ich mich täglich mit Dingen beschäftigen kann, die ich liebe und gerne tue und dabei interessante Menschen kennenlerne.
PJG: I think all of it. From the first email or call we get from a potential client to the opening evening and all the work with an incredible team.

Gonzalez Haase AAS übernahm die Gestaltung des Concept Stores TEM-PLATE in Lissabon. Courtesy Gonzalez Haase AAS / Photographs © Thomas Meyer – Ostkreuz.

12. Größte Stärke?
JH: An das Unmögliche zu glauben. Niemals aufgeben.
PJG: I am fully open minded on all new cultural aspects with a versatility to immediately adapt.

13. Größte Schwäche?
JH: Ich gehe gerne an meine Grenzen.
PJG: I haven’t quite learnt the art of the apology in a British way. I’m a kind of Hispano/French animal.

14. Ohne welche App können Sie nicht mehr leben? 
JH: Die gibt es nicht.
PJG: Emails. My phone is more a typewriter than a phone. I’m hardly on the phone but send few hundred emails per day.

15. Welches Bild ziert ihren Bildschirmschoner?
JH: Meine Tochter auf einem Pferd mit wehenden Haaren im Wind. Ihr Gesicht strahlt absolute Freiheit und Glück aus.
PJG: Electric screen blue. Sometimes people ask me if my phone is broken. I can’t have anything as the screen is already a permanent moving saturated picture.

16. Wertvollster Besitz?
JH: Meine Gesundheit.
PJG: It’s a little model my daughter built when she was maybe six or seven. It looks like a 3D plan of a house.

17. Was liegt neben Ihrem Bett?
JH: Mein Hund.
PJG: Cables to charge devices and water.

18. Wann haben Sie das letzte Mal geweint?
JH: Beim Wim Wenders Film über Papst Franziskus: Ein Mann seines Wortes.
PJG: When I saw my old parents.

19. Und zu Tränen gelacht?
JH: Das passiert mir öfter, wenn sich eine Situationskomik ergibt.
PJG: At my last weekend in Saint-Tropez.

20. Das meist überschätzte Produkt?
JH: Das Handy
PJG: I won’t say. It may make me lose clients.

21. Persönliche guilty pleasures?
JH: Vor und während des Badminton Spiels Snickers essen.
PJG: I never feel guilty about pleasure. This is out of me.

Der Concept Store von Andreas Murkudis in Berlin gestaltet von Gonzalez Haase AAS.

22. Welche Serie zuletzt geguckt?
JH: Die Österreichische Serie Altes Geld– Genial.
PJG: Game of Thrones. I had to catch up before the last season ends.

23. Welches Auto fahren Sie?
JH: Form follows function.
PJG: I have a driver (my wife or a taxi).

24. Was wollten Sie (als Kind) eigentlich werden?
JH: Sekretärin. Bei der Sekretärin meiner Eltern roch es immer so gut und es war sehr aufgeräumt auf ihrem Tisch. Ich musste mir das Kinderzimmer mit meiner chaotischen Schwester und vielen Haustieren wie Kaninchen und Mäusen teilen, da war mein größter Wunsch Ordnung und neuriechende Radiergummis um mich herum.
PJG: The first profession I can recall is to be a cosmonaut. But this was because my brother wanted to be a pilot. Later on I wanted to paint posters for the cinema. I loved those pictures that still 20 years ago were made mainly with drawings.

25. In welcher Dekade wären Sie stilistisch am besten aufgehoben?
JH: Im Hier und Jetzt.
PJG: I’m really fixed into the contemporary. It’s lazy to hide behind a past period.

26. Ihre Meinung: Deutschland und die Mode?
JH: Schwierig. „Mode kommt aus einer Traumwelt. Und Träume sind die Rettung vor der Wirklichkeit.“ das ist von Christian Dior– im Träumen sind die Franzosen am besten.
PJG: Culturally Germany hasn’t been on the top of fashion. One of the reasons could be that small production workshops weren’t there. Germany was standing for other products like the car industry, construction materials and design products. France and Italy had a savoir faire cultivated for decades. But today these small industries can work for anyone from outside. Fashion designers can produce what ever, where ever. It’s not about a country or a culture. Like artists.

27. Ein Satz, der Sie geprägt hat?
JH: No risk, no fun.
PJG: “If you don’t like the sea, if you don’t like the mountains, if you don’t like the city… then fuck off!” À bout de souffle, Jean-Luc Godard.

28. Ihr bisheriges Karriere-Highlight?
PJG: The collaboration with Claes Nordenhake to develop his galleries and the reconversion of his building for art. Murkudis, Balenciaga and Tem-Plate for the fashion.

29. Karriere-Low?
JH: Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen und in unserem Beruf gibt es selten eine Balance. Erfolg ist nie ein Dauerzustand.
PJG: 2007 – 2008 with the crisis. That was the time the art market stopped and we had to stop to focus on art related spaces.

30. Wie viele Leute arbeiten für Sie?
JH: Um die 14 Mitarbeiter, das variiert je nach Auftragslage.
PJG: We are 15-16.

31. Wie groß ist ihr Büro?
JH: 300m².
PJG: We have around 300m².

32. Pflanzen im Büro?
JH: Nein, aber viele Kräuter in der Küche, in der fast jeden Mittag von unseren Mitarbeitern gekocht wird und alle gemeinsam essen.
PJG: The one we cook with in the kitchen.

Das neue Store-Design des Balenciaga Stores in Paris. Courtsey: Gonzalez Haase AAS / Photo © Gregoire Soussan

33. Was schätzen Sie an sich selbst?
JH: Ich kann über mich selbst lachen.
PJG: Total tolerance and adaptability coupled with full freedom.

34. Ihr letzter (wertvoller) Gedanke?
JH: Nichts wissen wir und Fantasie ist alles.
PJG: “Do not accept”.

35. Ihr liebstes deutsches Wort?
JH: Zeitgeist.
PJG: Oder, in an interrogative form.

36. Tanzen Sie?
JH: Sehr gerne. Ich habe mit vier Jahren Eis- und Rollkunstlaufen begonnen und bis zu meinem 19. Lebensjahr fast täglich trainiert. Das ist Tanzen auf dem Eis. Die fließenden Bewegungen im schnellen Tempo, dass ist mein Gefühl von Freiheit. Ich laufe immer noch Schlittschuh, manchmal in Neukölln, sehr oft im Geist am Tag und in der Nacht in meinen Träumen.
PJG: With good wine I do.

37. Ihr Duft?
JH: Mein Geheimnis.
PJG: I love and use only Heeley Agarwoud that I get at MDC Cosmetic in Prenzlauer Berg.

38. Ihre erste Schallplatte?
JH: Sailing von Christopher Cross.
PJG: I think it was Supertramp as a vinyl but not because it’s vintage.

39. Was halten Sie von der großen Liebe?
JH: Das Schönste was es gibt und ein großes Mysterium. Ein Mysterium mit eigener chemischer Formel: C8H11NO2+C10H12N2O+C43H66N12O12S2
PJG: Necessary if you have it. Unnecessary if you did not find it. I have it.

40. Ihr Lieblingsfrauenname?
JH: Lola.
PJG: Olympia, thinking of the painting from Édouard Manet.

41. Ihr Lieblingsmännername?
JH: Otto, weil man ihn vorwärts und rückwärts schreiben kann.
PJG: Mies?

Museumsstore und Empfang des Spazio Maiocchi in Mailand, entworfen von Gonzalez Haase AAS. © t-space studio

42. Der Held ihrer Kindheit?
JH: Meine mutige, wilde Schwester Esther.
PJG: I cannot remember any hero that really helped me. But I remember how movies like the ones from the Nouvelle Vague influenced me. Not really about heroes.

43. Die Namen ihrer Eltern?
JH: Sibylle Haase und Fritz Haase.
PJG: Maria and Pedro. Spanish classics.

44. Was machen diese beruflich? / Was haben diese beruflich gemacht?
JH: Beide sind Grafik Designer und arbeiten auch heute noch sehr erfolgreich mit 80 Jahren. Meine Mutter zeichnet sehr viel und mein Vater fotografiert und hat in Bremen an der Kunsthochschule Fotografie gelehrt. Beide haben ihr Leben ihrem kreativen Schaffen gewidmet und ihren Töchtern diese Leidenschaft für den Beruf mit auf den Weg gegeben.
PJG: Seamstress and painter in the industry.

45. Ihr Geburtsort?
JH: Bremen.
PJG: Paris or close by.

46. Wo wohnen Sie jetzt und warum?
JH: Ich lebe in Berlin in Prenzlauer Berg direkt am Wasserturm. Ich bin wegen meiner Tochter an diesen Ort gezogen. Ich habe in Berlin schon in vielen Bezirken gewohnt. Angefangen in Schöneberg, dann Wilmersdorf, Kreuzberg, Friedrichshain und seit 2013, als meine Tochter anfing ihren Kiez zu erkunden nach Prenzlauer Berg. Ich wollte, dass sie in einer Umgebung aufwächst die ihr Sicherheit gibt. Das Glück hatte ich in meiner Kindheit. Ein altes kleines Handwerkerviertel aus dem 17.Jahrhundert, eine autofreie Zone. Heute arbeiten und leben noch viele Handwerker in diesem Viertel und verkaufen ihre Kunstwerke direkt aus ihrem Atelier.
PJG: Berlin. I came to Berlin almost 20 years ago. What ever the city became, it’s great to see a city changing under your eyes.

47. Auf was sind Sie besonders stolz?
JH: Meine Tochter.
PJG: Somehow to have escaped where I come from.

48. Was ist Ihnen peinlich?
JH: Geiz.
PJG: My french accent.

49. Haben Sie Familie?
JH: Lola, Marlene, Esther, Johnny, Fritz, Sibylle, Charlie, Joe, Peter, Petra, Pierre Jorge, Dicki, Heidi, Renate, Uli, Thore, Thomas,…
PJG: I do. Married and happy.

50. Was wollen Sie unbedingt noch lernen?
JH: Vieles und soviel wie möglich. Als nächstes Italienisch.
PJG: Speaking German…