So viel steht schon mal am Auftakt der Berliner Modewoche fest. Auch wenn alles anders ist, das Programm jedenfalls ist schon mal dichter. Drei statt vier Tage feiert Deutschland – parallel zu Messen wie der Premium oder Seek – in Berlin nun seine Mode. Schließlich ist man mittlerweile im elften Jahr und hat ein bisschen aufgeräumt. Auch die gemeinsame Konferenz des ZEITmagazins und der deutschen Vogue geht in die dritte Runde. Überhaupt scheint das Sprechen über Mode gerade irgendwie in zu sein. Eine intellektuell verpackte Gesprächsrunde lässt sich doch für Selbstvermarktungszwecke geschickter inszenieren als über Instagram-Feeds. Allein in Berlin reihen sich von dem genannten Medien-Talk über die digitale Innovationskonferenz FashionTech bis hin zum Woolmark Panel alleine drei Diskussionsrunden auf dem offiziellen Schauenplan.

Und obwohl die Talks in manchen Fällen eher an eigene Firmenpräsentation gleichen, gab es bei der ZEITmagazins & Vogue Konferenz unter der sich ewig stellenden Frage, warum Mode nun relevant ist, zumindest doch ein paar interessante Antworten.

„Mode ist heutzutage eines: zu viel!“

Die lieferte allen voran Tillmann Prüfer – mit gewohnter Leichtigkeit, geballtem Sarkasmus und Witz. Mode funktioniere laut dem ZEITmagazin Stil-Direktor als ein Kommunikationsmittel, die lebendigste Form von Kultur, die gerade deshalb jeder versteht und bei der jeder aktiv partizipiert. Seine Schlussfolgerung?

ZEITmagazin Stil-Direktor Tillmann Prüfer trägt seine Keynotes vor © Phil Dera für DIE ZEIT

Seine Empfehlung? Das Offensichtliche, was wir in den letzten Jahren immer mehr aus den Augen verloren haben: die Sehnsucht und die Hoffnung, die wir an die Mode stellen: „Denkt nicht an morgen, denkt an übermorgen – Mode soll heute von einer Welt erzählen, in der ich morgen leben möchte, die es so aber noch nicht gibt.“

Und auch der sprachbegabte Göttinger Verleger Gerhard Steidl, der von jeher eher an (Buch-)Kunst als an kommerzieller Auflage interessiert ist, bringt die Quintessenz der Mode wenig später auf den Punkt:

„Die Mode soll etwas Langlebiges sein. Die Entstehung von Mode ist ähnlich wie bei dem Kreieren eines Buches, das letztlich verkauft wird, wir reden hier von hochqualitativer Mode. Man kauft gleichzeitig auch ein Stück Kultur, Wissen und Ästhetik.“

Gerhard Steidl im Gespräch mit Christoph Amend © Phil Dera für DIE ZEIT

Andere Sprecher der Konferenz scheinen sich an diesem Nachmittag ebenfalls den Emotionen verschrieben zu haben. Allen voran der italienische Designer Brunello Cucinelli, an dem ein echter Philanthrop verloren gegangen ist. Im Minutentakt zitiert der Modeschöpfer aus Zentralitalien eine Lebensweisheit nach der anderen, von Emmanuel Kant bis hin zu Albert Einstein und erklärt aufrichtig: „Ich bin hierher gekommen, um über die Würde des Menschen zu sprechen.“

Modeschöpfer Brunello Cucinelli im Redefluss bei der ZEITmagazin & VOGUE KONFERENZ © Phil Dera für DIE ZEIT

Und man glaubt es ihm sogar. Als Befürworter und Leitfigur eines humanistischen Kapitalismus in der Luxusbranche für Kleiderwaren setzt sich der Gründer des Kaschmirimperiums für faire Arbeitsbedingungen sowie Toleranz, Umwelt- und Konsumbewusstsein ein.

Etwas, was die Konsumenten der Zukunft noch mehr interessieren wird als die momentan blinde Kaufwut der Leute. So sieht auch Sung-Joo Kim, Gründerin der gleichnamigen Sungjoo Group und MCM-Chefin, die jungen Millennials als eine reflektierte Generation. Außerdem vertraut die Südkoreanerin auf das Prinzip: Qualität anstatt Quantität für die Zukunft. Trotzdem wünscht Kim sich von der Mode (und hier liegt ja nun auch ihre Relevanz): Progression. Modewochen in aufkommenden Metropolen wie Berlin oder Seoul seien wegweisend, meint sie. Zur deutschen Hauptstadt bekannte sich die Businessfrau aus Fernost merklich positiv.

„Ihr, Berlin, seid die Zukunft!“

MCM-Chefin Sung-Joo Kim glaubt an die Berliner Mode © Phil Dera für DIE ZEIT

Na, bitte. Denn wo sich letztendlich die letzte Berliner Modewoche im Sommer 2017 noch wie ein trauriger Abschied anfühlte, heißt es jetzt: Es geht voran – keine Atempause. Dann zeig uns mal die nächsten drei Tage, Berlin, was die Zukunft so bringt.