Jeanne de Kroon hat aus ihrer Motivation, Frauen in Entwicklingsländern zu unterstützen, ein Modeunternehmen gegründet. Aufgewachsen im niederländischen Den Haag, wo sie in einem kreativen Familienumfeld  aufwächst und metaphorisch zwischen Diana Vreeland und Caravaggio lebt, geht die 23-Jährige nun ihrer Vision nach:  ein Modelabel zu schaffen, das Soziales mit Schönem verbindet. Mit Achtung Digital spricht die junge Designerin über Ethik, Luxus und das System der Mode.

 

Achtung Digital: Zazi Vintage wird als „Luxury ethical fashion label“ beschrieben. Wie ist das zu verstehen?

Jeanne de Kroon: Mit Zazi Vintage möchte ich eine Brücke schlagen zwischen der luxuriösen Modewelt und der alltäglichen Realität, mit einer NGO zu arbeiten, die Frauen hilft, sich selbst zu helfen. Meine Vision war es dabei, ein Label zu gründen, dass mit hochwertigen Stoffen arbeitet, aber dennoch Jobs schafft und so die Lebensbedingungen von Frauen in Entwicklungsländern verbessert.

Gilt Luxusmode, zumindest wenn man von ihr als eine Mode ausgeht, die hochwertig gearbeitet ist — idealerweise nach alter „petit mains“-Manier — nicht generell als ethisch korrekt?

Der Begriff Luxus kann alles bedeuten, was Marketingabteilungen gerne wollen, das er bedeutet. Das impliziert meiner Meinung nach nicht zwangsläufig Ethik oder Qualität. Moral ist ebenfalls ein Wort, das einigen Raum für Interpretationen lässt. Für mich bedeutet es, dass alle Seiten der Produktionskette von dem Produkt profitieren und dass das Produkt gleichzeitig nicht der Natur schadet oder sie ausbeutet. Ich arbeite eng mit Familien aus Usbekistan und Afghanistan zusammen, um die anspruchsvollsten Vintage-Stoffe zu sammeln, die von Frauen einer örtlichen NGO in meine Designs übersetzte werden. Genauso wie mit meiner Partnerin Madhu Vaishnev und ihrer Organisation IPHD, dem Institute of Philantrophy of Humanitarian Development.

Die Frauen, die in ihre NGO involviert sind, machen neben der Kleidung auch Workshops, etwa für Menschenrechte und Menstruationshygiene, während ihre Kinder in der Bücherei betreut werden. Die Kunden, die meine Kleider von dort bekommen, informiere ich genau, wer diese gefertigt hat — und wer von ihnen profitiert. Letztenendes bedeutet Luxus für mich, eine starke Geschichte zu haben. Ethik wiederum hilft, diese Geschichte in eine positive zu verwandeln.

„Sustainable Fashion“ ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen: „Sustainable“, mit dem Label schmücken sich genauso viele Fast Fashion Retailer wie Lebensmitteldiscounter mit dem Siegel „Bio“. Was braucht es noch, damit mehr Leute tatsächlich verantwortungsvolle Mode konsumieren?

Ich glaube, dass Nachhaltigkeit zuerst in Mode kommen muss, bevor Mode nachhaltig sein kann. Aktuell mag sie nicht in der besten Form sein, aber jeder Anfang ist ein guter. Außerdem glaube ich, dass verantwortungsbewusster Konsum mit einem Identifikationsprozess beginnt. Man muss sich in die Lage anderer hineinversetzen können, um seine eigenen Verhaltensweisen zu verändern.

Jedes Mal, wenn wir etwas konsumieren, unterstützen wir jemanden. Ich habe die Hoffnung, dass ich mit Zazi Vintage eine Verbindung herstellen kann zwischen dem Konsumenten und den Herstellern der Kleidung, um durch die Kommunikation einen Identifikationsprozess loszutreten.

Widerspricht das System Mode nicht eigentlich der Idee der der Nachhaltigkeit? Wäre es nicht sinnvoller, nicht mehr zu konsumieren?

Es liegt bereits ein Widerspruch in der Dualität der Begriffe Mode und der Idee von Nachhaltigkeit. Aber wenn wir lernen, Mode als mehr zu sehen als nur einen visuellen Trend, dann sehe ich eine Zukunft für nachhaltige Mode. Materielle Trends sind nicht nachhaltig, aber idealistische Trends können es sein. Fast alle Textilien der Welt sind wiederverwendbar und es gibt so viele Menschen, die auf einen Job und ein sicheres Einkommen angewiesen sind. Meine Traumvorstellung wäre diesbezüglich ein Systemwandel in der Modeindustrie.

Warum eigentlich Ikat?

Auf meinen Reisen habe immer alles dran gesetzt, außergewöhnliche Materialien und die Geschichten dahinter zu finden. Dafür bin ich schon mal mit einem Tuktuk bis zur pakistanischen Grenze gefahren, um einen matriarchalischen Stamm zu finden und alles über die Bedeutung ihrer Stickkunst aufzusaugen. Ich liebe Vintage Materialien! Die Seidenstraße hat mich lange fasziniert und es gibt keinen Stoff, der sie besser personifiziert als Ikat.

Vor einem Jahr habe ich einen usbekischen seidenen Ikat-Kaftan aus den 1960ern gefunden und lange über die Tage von Diana Vreeland und Thea Porter bei Harper’s Bazaar fantasiert. In diesem Winter entschloss ich mich, meine Faszination für Ikat mit dem Gedicht eines niederländischen Dichters über eine „Prinzessin von weit her“ zu verbinden. Das war der Ausgangspunkt der neuen Kollektion.

Dein Konzept wird bislang gut angenommen. Erstmals nimmst du am VOGUE Salon Teil und hast bei der ZEIT Konferenz Mode & Stil gesprochen. Was erhoffst Du dir von der Berliner Modewoche?

Ich fühle mich unglaublich geehrt, meine Designs auf der Fashion Week zu präsentieren und mit ihnen die Geschichten der Frauen aus Bhikamkor. Zazi Vintage startete vor weniger als einem Jahr ohne Budget, mit sieben Kleidern und vielen Träumen. Die Vorstellung, dass Kleider, die ich gestaltet und habe und die dank meiner Partnerin Rukiya Ji gefertigt wurden, jetzt der internationalen Modeindustrie präsentiert werden, ist ein wahr gewordener Traum.

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